Herbstzeit: Alle Jahre wieder werden die Trauben geerntet, die Räbeliechtli-Lieder eingeübt und auf den Gemeindeverwaltungen wird Birnel bestellt. Oder eben auch nicht, denn die Gemeinden im Bezirk Brugg bringen den Birnel kaum noch los. Seit 1952 kann der sirupartige Saft von der Winterhilfe Schweiz gekauft werden. Mit dem Nettoerlös finanziert sie einen Teil ihrer Tätigkeiten.

Birnel ist ein reines Naturprodukt, das aus Schweizer Mostbirnen hergestellt wird. Die Birnen werden gepresst, der Saft geklärt, filtriert, entsäuert und schliesslich konzentriert. Aus 10 Kilogramm Mostbirnen entsteht 1 Kilogramm Birnel. Das Produkt ist beinahe unbeschränkt haltbar und wird als Brotaufstrich oder als Zuckerersatz zum Süssen verwendet. Der Birnelverkauf wurde in den 1930er-Jahren im Kampf gegen den Alkoholismus als brennlose Obstverwertung entdeckt und staatlich gefördert und finanziert.

Starker Rückgang der Bestellungen

Wegen Absatzschwierigkeiten haben die Gemeinden Bözberg, Mönthal, Riniken und Rüfenach beschlossen, dieses Jahr keinen Birnel mehr zu beziehen. Im Mitteilungsblatt von Rüfenach vom 29. September hiess es: «Die Gemeinde Rüfenach hat aufgrund der geringen Mengen an Birnel-Bestellungen die Mindestbestellmenge der Winterhilfe nie erreicht. Darum haben sich mehrere Gemeinden zu einer Sammelbestellung zusammengeschlossen.» Da das Birnel inzwischen bei den Firmen Migros, Coop, Landi und Reformhaus gekauft werden könne, sei die Bestellmenge jährlich massiv zurückgegangen. «Auch mussten bei der Winterhilfe die Dispenser und ½-kg- sowie 1-kg-Gläser kartonweise bezogen werden. Der Absatz der überflüssigen Gläser und Dispenser wurde immer schwieriger oder die Gemeinde ‹blieb auf dem Produkt sitzen›. Unsere bisherigen Partnergemeinden erkennen die gleichen Tendenzen. Gemeinsam haben wir entschieden, an der Birnelaktion nicht mehr teilzunehmen.»

Andere Gemeinden, wie zum Beispiel Mandach, verkaufen schon seit Jahren keinen Birnel mehr. Insgesamt haben sich dieses Jahr noch 14 Gemeinden im Bezirk an der Birnelaktion beteiligt. Um die Mindestbestellmenge von 80 Kilogramm loszuwerden, machen einige die oben erwähnten Sammelbestellungen. Doch rosig ist die Lage nirgends. So ging in der Gemeinde Birrhard heuer keine einzige Bestellung ein. Und in Villigen wurden gerade einmal 8 Kilogramm verkauft. Hans Peter Meier, Gemeindeschreiber von Mülligen, vermutet: «Die jüngere Generation kennt wohl dieses Produkt gar nicht und mit dem einmaligen Aufruf pro Jahr kann dies auch nicht verbessert werden.»

Auch bei der Winterhilfe merkt man, dass in der ganzen Schweiz weniger Gemeinden Birnel bestellen. Die Kommunikationsbeauftragte Esther Güdel sagt: «Die Nachfrage ist nicht massiv rückläufig, aber sie ist rückläufig.» Gleichzeitig gingen vermehrt Bestellungen von Hofläden, Vogelschutz- und Tierschutzgruppen ein. Deswegen sei die Verkaufsmenge im Vergleich zum letzten Jahr gleich gross. Dennoch ergreife die Winterhilfe Massnahmen. «Wir versuchen, dem Birnel ein Revival zu bescheren», erklärt Güdel. «Man kann bei uns gratis Müsterli bestellen und wir haben welche an der Olma und der Züspa verteilt.»