«Die Situation war bedrohlich», erklärte der Zeuge vor Gericht. Er war, spätabends, zusammen mit seiner Frau auf dem Weg zu seinem Auto, als er auf der Überführung über die Badenerstrasse in Brugg zwei Männer sah, die einen dritten ans Geländer drückten. «Ich habe gedacht, die wollen den hinunterwerfen», sagte er. «Die hatten offensichtlich Streit. Meine Frau hatte Angst. Ich rief die Polizei an.» Als diese auf dem Platze erschien, fand sie nur noch zwei Männer vor – die Opfer einer Auseinandersetzung unter alkoholisierten Eritreern, die in der SBB-Unterführung ihren Anfang genommen hatte. Dank aufwendiger Fahndung konnte einer der Täter eruiert und festgenommen werden. Vor Gericht trafen sich Opfer und Täter wieder.

Der Aufmarsch war beachtlich. Neben dem Gesamtgericht und dem Staatsanwalt, dem Beschuldigten mit seiner Pflichtverteidigerin sowie den beiden Opfern, die als Privatkläger auftraten und von ihrem Rechtsbeistand begleitet wurden, war auch ein Dolmetscher anwesend. Demgegenüber wirkte die Deliktsumme eher bescheiden. Vorgeworfen wurde dem Beschuldigten, drei Flaschen Bier, eine silberne Halskette im Wert von 300 Franken sowie ein Handy geraubt zu haben. Aber Raub bleibt Raub. Und der Rechtsstaat hat nun mal seinen Preis.

In der Befragung durch Gerichtspräsident Sandro Rossi erklärte das eine der Opfer, dass es sich mit seinem Cousin in der Unterführung aufgehalten habe, als der Beschuldigte mit seinen Mittätern aufgekreuzt sei und Bier verlangt habe. Die Sache sei dann eskaliert. Sie seien geschlagen und gewürgt worden. Dabei sei ihm die Halskette weggenommen worden. Sie seien weggerannt und verfolgt worden. Man habe ihn eingeholt und ihm das Handy abgenommen.

Märchenstunde vor Gericht

Er habe kein Bier verlangt, liess der Beschuldigte durch den Übersetzer ausrichten. Er habe ja selber noch eine volle Büchse gehabt. Im Übrigen seien alle betrunken gewesen. Das Handy – das die Polizei Wochen später in seiner Wohnung gefunden hatte – habe er vom Boden aufgenommen. Er habe es anderntags zurückgeben wollen. Zur Halskette meinte er, dass sie ihm abgenommen worden sei. Aufs geradezu lustvolle Nachhaken eines Richters nahm die Geschichte dieser Kette stets märchenhaftere Züge an.

Das Verschulden des Angeklagten sei mindestens als mittelschwer zu betrachten, erklärte der Staatsanwalt. Er gab auch zu bedenken, dass es bei der rechtlichen Würdigung eines Deliktes als Raub nicht so sehr darauf ankomme, was denn geraubt wurde. «Man ist relativ schnell bei Raub», stellte er fest. Er forderte, wegen Raub und Beschimpfung, eine bedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten, eine bedingte Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je 50 Franken sowie einen Landesverweis für 10 Jahre.

Demgegenüber beantragte die Pflichtverteidigerin, dass ihr Mandant von Schuld und Strafe freizusprechen sei. Für die ausgestandene Haft von 134 Tagen sei ihm eine Genugtuungssumme von 13'400 Franken auszurichten. Von einem Landesverweis sei abzusehen. «Mein Mandant hat sich nichts zuschulden lassen kommen», machte sie geltend. «Die Geschichten der Opfer entsprechen nicht der Wahrheit.»

Raub nur beim Handy

Die Mehrheit des Gerichts sprach den Beschuldigten zwar im Falle des Bieres und der Halskette vom Vorwurf des Raubes frei, im Falle des Handys jedoch schuldig. Für die Wegnahme des Bieres und der Kette wurde er des geringfügigen Diebstahls schuldig gesprochen.

Das Gericht verhängte eine bedingte Geldstrafe von insgesamt 12'000 Franken, eine Busse von 100 Franken sowie eine Landesverweisung für fünf Jahre. Die Zivilforderung, bei der eine Genugtuungssumme von 2500 Franken respektive ursprünglich 5000 Franken sowie ein Schadenersatz von 634 Franken geltend gemacht worden war, wurde abgewiesen.