Veltheim

Der besondere Schatz: Jahr für Jahr bevölkern über 1000 Fledermäuse den Kirchenestrich

Grosses Mausohr: Die Fledermaus-Kolonie in Veltheim ist Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit. Shutterstock

Grosses Mausohr: Die Fledermaus-Kolonie in Veltheim ist Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit. Shutterstock

Die Gemeinde Veltheim besinnt sich auf ihren speziellen Schatz: Mehr als 1000 Fledermäuse versammeln sich Jahr für Jahr im Estrich der reformierten Kirche – so viele wie kaum sonst noch im Aargau. Erstmals ist die dortige Kolonie der Art «Grosses Mausohr» Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit.

Antonia Nater aus Brugg, die an der ETH Zürich das Studium in Umweltnaturwissenschaften absolvierte, hat auf Vermittlung des Juraparks Aargau, für den sie auch Schulklassen durch die Parklandschaft führt, sich der flatternden Jäger näher angenommen. Im Sommer 2017 hat sie im Gemeindegebiet 34 Messstationen verteilt, um die Ultraschalltöne aufzuzeichnen, welche die Fledermäuse aussenden, um sich zu orientieren und Beute aufzuspüren.

Für das menschliche Ohr nicht hörbar, konnte die Wissenschafterin, die am Montag in der Schule vor rund 50 Zuhörern über ihre Forschungen berichtete, die Töne mittels Computertechnik akustisch festhalten. Mehr als 72 000 Aufzeichnungen sind dabei entstanden. «Aufwendig war es schon, die Fledermaus-Töne klar zu identifizieren. Zudem musste ich die Aufzeichnungen noch mit anderen, schon bestehenden abgleichen, um herauszufinden, welche Rufe tatsächlich vom Grossen Mausohr stammten», erzählte sie. Am Ende blieben rund 2500 Audiodateien übrig, die klar der Spezies zuzuordnen waren.

«Hotspots» sind jetzt bekannt

Das System startete die Aufzeichnung eine Viertelstunde vor Sonnenuntergang und beendete sie 15 Minuten vor dem Aufgang. So gelang es, die Flugkorridore der Tiere durch die Gemeinde zu lokalisieren und die «Hotspots» der nächtlichen Veltheimer Fledermaus-Aktivitäten auszumachen. Antonia Nater fand heraus, dass Quellen künstlichen Lichts den Flug der Tiere beeinflussen. «Sogar schon in einem Abstand von 25 Metern reagieren die Tiere deutlich. Sie meiden das Licht und fliegen weiträumig darum herum», führte die Referentin aus. «Und das schon bei einem Wert von 0,1 Lux.» Zum Vergleich: Ein Vollmond am klaren Nachthimmel sei doppelt so hell.

Und noch etwas fand Antonia Nater heraus: Grosse Mausohren brauchen zur Orientierung Fixpunkte in der Landschaft. Wobei: «Der Fledermaus ist es relativ egal, ob sie sich an einer schönen Hecke orientiert oder an einer Hausfassade.» Sie stelle daher nicht so hohe Anforderungen an die Qualität der Landschaft.

Dennoch will man sich in Veltheim, beflügelt durch die Forschungen der Bruggerin, noch mehr auf den «besonderen Schatz» besinnen, den das Dorf habe, wie es Anja Trachsel formulierte, Projektleiterin Natur und Landschaft beim Jurapark Aargau. Ziel sei es, die Tiere langfristig in der Gemeinde zu halten und zu helfen, dass sie sich noch wohler fühlen. Bisher sind sie jeden Sommer von alleine gekommen und das «seit je», wie sich Heinz Schwarz erinnerte, der von 1985 bis 1989 der erste ehrenamtliche Fledermaus-Betreuer in der Schenkenbergertal-Gemeinde war. Ob das so bleibe, könne niemand wissen.

Licht ist grosse Stellschraube

Ihren Teil dazu beitragen will die Gemeinde jetzt aber doch. Das signalisierte Gemeinderat Heinz Wernli im Anschluss an das Referat. «Wir sollten das im Rahmen unserer Möglichkeiten positiv beeinflussen», sagte er. Vor allem die Beleuchtung der Gemeinde soll unter die Lupe genommen werden: Wie hell es überhaupt in Veltheim sein soll, welche Arten von Kunstlicht es gibt und wie man damit das Wohlbefinden der Tiere steigern kann. Thema am Montag war auch schon, die Bau- und Nutzungsordnung der Gemeinde fledermaustechnisch anzupassen, beispielsweise lichtlose Zonen auszuweisen. Diskutiert wurde ebenfalls, ob die Beleuchtung des Veltheimer Kirchturms vor diesem Hintergrund sinnvoll ist.

Auch Roland Bodenmann, Gemeinderat in Scherz, Lichtplaner und mit der im Vergleich zu Veltheim noch grösseren Mausohr-Kolonie in Fläsch GR vertraut, unterstrich, dass das Licht eine grosse Stellschraube im Fledermausschutz darstelle. «Was für die Fledermaus schlecht ist, ist auch für den Menschen schlecht.»

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