Brugg
Depressionen: Die Psyche wollte einfach nicht mehr

Sie war eine gesunde Frau, heiratete, bekam Kinder. Doch plötzlich war nichts mehr so, wie es mal war. Depression, Klinikaufenthalte, Eheprobleme – das ist die Geschichte von Amelia*, die heute im Heimgarten wohnt.

Janine Müller
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Musik ist für Amelia Erholung. Das Klavierspielen hilft ihr über die schwierigen Phasen hinweg. Janine Müller

Musik ist für Amelia Erholung. Das Klavierspielen hilft ihr über die schwierigen Phasen hinweg. Janine Müller

Janine Müller

Für das Foto setzt sich Amelia an ihr E-Piano. «Ich spiele aber nichts», sagt sie mit Nachdruck. Doch kaum legen sich ihre schlanken Finger sanft auf die Tasten, erklingt auch schon der erste Ton. Viel zu gerne spielt sie Klavier. Die Melodie «Lustig ist das Zigeunerleben» schwebt durch ihr Zimmer. Hier, in der Aussenwohngruppe des Heimgartens in Brugg, lebt die 67-Jährige seit zwei Jahren. Sie fühlt sich wohl hier. Mit der Musik drückt sie das aus. Über dem Klavier hängen Familien-Fotos, ihre zwei Enkel im Zentrum.

Serie 40 Jahre Heimgarten

Der Heimgarten Brugg hilft Frauen in schwierigen Situationen und bietet ihnen Lebens- und/oder Beschäftigungsraum an. Der Heimgarten ist vom Kanton Aargau anerkannt und hat Anspruch auf dessen Mitfinanzierung. Die Trägerschaft ist die reformierte Landeskirche Aargau. Insgesamt bietet der Heimgarten 36 Wohnplätze an. Am 15. April feiert er sein 40-jähriges Bestehen. In einer Serie stellt die az verschiedene Personen und Bereiche der Institution vor. (jam)

Auf dem Tisch in der Stube blüht die erste Osterglocke in einem Körbchen. Hier erzählt Amelia, eine hagere Frau mit kurzgeschnittenen grauen Haaren, das Gesicht vom Leben gezeichnet, von ihrer Vergangenheit, erzählt davon, wie sie in den Heimgarten gekommen ist. Begonnen hat alles vor bald 30 Jahren.

Schlaflose Nächte am Anfang

Sie wirft sich im Bett hin und her. Gedanken kreisen in ihrem Kopf. Die Augen wollen nicht zufallen. Amelia hat eine schlaflose Nacht vor sich. Dass es nicht die letzte ist, weiss sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie bringt den nächsten Tag einigermassen über die Runden, kümmert sich um ihre zwei Söhne, ist abends erschöpft. Doch der Schlaf will trotzdem wieder nicht kommen. Es ist der Anfang einer langen Odyssee. Das war Mitte der 1980er-Jahre.

Drei Nächte hintereinander kann Amelia damals nicht schlafen. Sie reagiert rasch, geht zu ihrem Arzt. Dieser diagnostiziert bei der ehemaligen Schneiderin und Handarbeitslehrerin eine Depression. Er verschreibt Medikamente. Amelia wehrt sich gegen ihre Krankheit, geht oft draussen spazieren. Vergebens. Der Arzt überweist sie in die psychiatrische Klinik in Königsfelden. Amelia ist manisch-depressiv. Sie führt das auf die Eheschwierigkeiten und die Abnabelung von den Kindern zurück.

Eheprobleme werden grösser

Bald darf sie wieder nach Hause. Doch der nächste Rückfall lässt nicht lange auf sich warten. Wieder Klinik. Wieder nach Hause. Insgesamt drei Klinikaufenthalte folgen 1986, 1987 und 1988. Ihre Söhne merken, dass mit ihrem Mami etwas nicht stimmt. Der eine schreit nur noch, der andere ist «der stille Dulder», wie Amelia sagt. «Es tat mir weh, die Kinder so zu sehen», erinnert sie sich.

Richtig gut geht es Amelia nie mehr. Sie muss sich weiter behandeln lassen. Trotzdem schafft sie es und zieht die Kinder gross, macht Vertretungen als Handarbeitslehrerin, schmeisst den Haushalt. Doch mit der Zeit werden die Eheprobleme grösser, sie breiten sich im Leben von Amelia aus wie ein Geschwür.

2007 kann Amelia nicht mehr. «Ich habe es nicht mehr ausgehalten», sagt sie und verstummt, scheint ihren Blick nach innen zu richten, so als ob sie alles nochmals durchlebt.

«Wäre ich geblieben, hätte ich den Rest meines Lebens wohl in einem Stuhl in einer Stubenecke verbracht», fährt sie fort. Sie zieht aus dem gemeinsamen Haus aus, in dem sich Amelia nie zu Hause gefühlt hat. Doch ein eigenständiges Leben ist in ihrer Verfassung nicht möglich. Sie muss wieder nach Königsfelden. Und da bleibt sie lange. Ihr Noch-Ehemann besucht sie immer wieder. Gemeinsam suchen sie nach einer Lösung für ihre getrennten Wege.

Ein Stück mehr Freiheit

Zwei Jahre und neun Monate vergehen. Dann wird Amelia aus der Klinik entlassen. Entlassen in ein Leben, das sie gar nicht meistern kann. «Ich wusste nicht, wohin ich sollte. Ich war nicht fähig, auf eigenen Beinen zu stehen», erinnert sie sich. «Ich habe mich nicht mehr gespürt, war dringend auf Hilfe angewiesen.»

Dann kommt die Idee auf, dass Amelia in den Heimgarten gehen könnte. Dieser Schritt bedeutet für sie ein Stück mehr Freiheit. Freiheit, die sie zu Beginn dann doch etwas überfordert. «Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht schaffe», sagt Amelia und knetet dabei ihre Hände.

Aber seit langem fühlt sie sich nicht mehr allein. «Das Team, die Bewohnerinnen, alle haben mich unterstützt.» Der strukturelle Rahmen im Heimgarten gibt ihr den Rückhalt, den sie braucht. Und sie hat wieder eine Arbeit. Im «Wärch-Rych», dem Verkaufsladen des Heimgartens in der Brugger Altstadt, strickt sie Pulswärmer – sogenannte Amedisli. Etwas, das sie schon als Kind so gerne gemacht hat.

Den Alltag selbstständig gestalten

Obwohl Amelia mittlerweile pensioniert ist, arbeitet sie immer noch gerne im «Wärch-Rych». Dafür meistens nur noch am Morgen. In der Freizeit geht sie gerne weg. Oft kann sie auch ihre Enkel hüten. Der Kontakt zu ihren beiden Söhnen ist gut, sie besucht sie regelmässig, pflegt ein gutes Verhältnis zu ihren Schwiegertöchtern.

Heute geht es Amelia wesentlich besser. Sie kann ein halbwegs normales Leben führen. In der Wohngruppe müssen die Frauen selbstständig einkaufen und putzen, die Freizeit kann Amelia gestalten, wie sie will. Doch aus dem Heimgarten ausziehen wird sie wohl in den kommenden Jahren nicht. Die nächste Station dürfte dann das Altersheim sein. «Aber ich hoffe, dass ich noch lange gesund bleiben darf», sagt Amelia.

Sie weiss aber, dass es wieder Rückschläge geben wird. Dass sich ihre Depression plötzlich wieder ausgeprägter zeigen kann. Mittlerweile nimmt sie dies mit einer gewissen Gelassenheit hin. Im Wissen darum, dass es ein stetiges Auf und Ab ist.

In den schwierigen Phasen hilft ihr die Musik, das Klavierspielen. «Für mich ist das Erholung», sagt sie. «Es beruhigt mich.» Ihre Gesichtszüge werden weicher, wenn sie spielt, ihr Geist in diesen Momenten weit weg. An einem Ort, an dem er nicht von dieser Krankheit heimgesucht wird. Amelia spielt die letzten Töne an ihrem E-Piano und ihre Lippen formen ein feines Lächeln.

*Name ist der Redaktion bekannt.

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