In der Schweiz sterben jährlich mehr als 1000 Menschen durch Suizid, im Aargau sind es etwa 80 Personen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verliert alle 40 Sekunden weltweit ein Mensch das Leben durch Selbsttötung. Das macht Suizid zu einem der grössten Gesundheitsprobleme der Moderne. Der heutige Welt-Suizid-Präventionstag wurde 2003 von der WHO und der International Association for Suicide Prevention (IASP) ins Leben gerufen.

Wir haben bei den Psychiatrischen Diensten Aargau (PDAG) am Hauptstandort in Windisch nachgefragt und mit der Leitenden Ärztin Eva-Maria Pichler gesprochen. Seit 2015 setzt sie sich dort insbesondere für Krisenintervention und Suizidprävention ein und seit August leitet sie die «Praxis für Ihre psychische Gesundheit», die erste Praxis der PDAG in Zofingen.

Vorurteilsfrei nach den persönlichen Gründen fragen

«Das Thema und der Präventionstag sind für eine Enttabuisierung äusserst wichtig und liegen mir am Herzen», betont Pichler. Noch immer sterben zu viele Menschen an Suizid, obwohl den Betroffenen hätte geholfen werden können, sagt sie. Die Suizidrate (Anzahl Suizide pro 100 000 Einwohner) steigt mit dem Alter kontinuierlich. Menschen über 75 Jahren sind besonders gefährdet, aber auch Jugendliche bis junge Erwachsene. Männer verlieren ihr Leben 3-mal so häufig durch Suizid wie Frauen.

Auch soziale Faktoren spielen neben genetischen, biologischen, psychologischen und kulturellen eine Rolle: Menschen, die nach einer Trennung oder dem Tod des Partners alleine leben, sowie Arbeitslose sind eher gefährdet. Was also treibt einen Menschen in den Suizid? Pichler erklärt, dass die Motive vielfältig sein können.

Am häufigsten werden Gründe wie Hoffnungslosigkeit und seelischer Schmerz genannt. «Es ist ganz wichtig, vorurteilsfrei ins Gespräch zu gehen. Fragen Sie die betroffene Person nach ihren persönlichen Gründen, die das Leben so unaushaltsam scheinen lassen. So kann auch konkret darauf eingegangen werden.»

"Lieber einmal zu viel Unterstützung anfordern als einmal zu wenig."

Eva-Maria Pichler, Leitende Ärztin PDAG

"Lieber einmal zu viel Unterstützung anfordern als einmal zu wenig."

Das Gespräch ist eines der wichtigsten Hilfsmittel bei der Suizid-Prävention. Wer sich mit Selbsttötungsgedanken quält, durchläuft verschiedene Stadien. Zwischen der «Erwägung» und dem tatsächlichen «Entschluss» befindet sich die Phase der «Ambivalenz», in der die gefährdete Person hin- und hergerissen ist.

«Spätestens in dieser Phase sollte therapeutisch eingegriffen werden», so Pichler. Die Phase dauert von Mensch zu Mensch unterschiedlich lang und kann sich von wenigen Minuten bis über mehrere Jahre hinziehen. Kurzschlusshandlungen seien eher selten und kämen vor allem bei Jugendlichen vor.

Wer die Risikofaktoren kennt, kann schneller handeln

Erkennen könne man die Gefährdung an verschiedenen Faktoren. Wer sich äusserlich und innerlich verändert, sich beispielsweise weniger gut pflegt, sich von Freunden zurückzieht oder seine Hobbys vernachlässigt, mache sich allenfalls schwerwiegende Gedanken. «Der Todeswunsch kann auch direkt ausgesprochen werden», erzählt Pichler.

«Vielleicht sagt die Person, dass ihr Leben so keinen Sinn mehr macht. Oder sie verabschiedet sich auf ungewöhnliche Weise per Telefon.» All das sind Hinweise, die es ernst zu nehmen gilt. Die vertiefte Auseinandersetzung mit dem traurigen Thema durch Bücher oder Websites kann ebenso ein Hinweis sein. Weitere mögliche Anzeichen sind grosse Hoffnungslosigkeit, Rebellion oder plötzlich sehr riskantes Verhalten wie übermässiger Alkoholkonsum oder unvorsichtiges Fahren.

Wenn man diese Anzeichen beobachtet, bei jemandem ein ungutes Bauchgefühl hat oder wenn jemand den Suizidwunsch sogar ganz klar äussert, rät Pichler, die Person nicht alleine zu lassen: «Nehmen Sie sich Zeit für ein Gespräch, zeigen Sie, dass Sie da sind und zuhören wollen.»

Vielen falle es noch immer schwer, über Suizid zu sprechen. «Der Umgang damit ist ungewohnt. Es hilft, sich im Vorhinein zu überlegen, wie man es ansprechen will.» Hier helfen auch Fachstellen weiter. Das Kriseninterventions- und Triagezentrum (kitz) der PDAG ist eine mögliche Anlaufstelle. Die Dargebotene Hand, niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten sowie Hausärzte sind weitere Ansprechpartner.

Das Suizid-Netz Aargau bietet zudem online Hintergrundinformationen, aber auch konkrete Hilfestellungen für den Notfall. Sollte jemand eine sofortige Suizid-Androhung äussern, verweist Pichler an den Rettungsdienst. So können die mobilen Ärzte die Situation fachkundig beurteilen. «Empathie, Offenheit und Fürsorge sind dabei wichtige Voraussetzungen in der Begegnung», erklärt Pichler, «lieber einmal zu viel Unterstützung anfordern als einmal zu wenig».

Betroffenen aufzuzeigen, dass Krisen vorbeigehen, kann helfen

Wer die Risikofaktoren kennt, kann schneller handeln. Das höchste Risiko einer Selbsttötung besteht bei jenen Personen, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben. Pichler erzählt aber auch, dass die meisten Personen schon wenige Stunden nach dem Versuch ihre Handlung hinterfragen.

«Viele Menschen erleben im Laufe ihres Lebens eine Krise, einige auch mehrmals. Rund jeder Fünfte leidet einmal im Leben an einer depressiven Episode, einer der Hauptgründe für suizidales Verhalten», hält Pichler fest. Es sei wichtig, Menschen zu signalisieren, dass die Krise vorbeigeht. Die Ärztin begleitete beispielsweise einen jungen Mann, der durch einen Suizidversuch beide Beine und drei seiner Finger verloren hat.

Danach konnte er nicht mehr Gitarre spielen, was seine grosse Leidenschaft gewesen war. Dennoch fand er zurück ins Leben und engagierte sich unter anderem für eine Selbsthilfegruppe: Eine so schwere Krise erlebte er nicht mehr.

Das Beispiel zeigt eindrücklich, dass auch schwierige Zeiten vorbeigehen. Pichler erklärt, dass es einige Faktoren gibt, die vor einer Selbsttötung schützen können. «Das kann im spirituellen Erleben sein, aber auch, indem ich mich vom Leben bewegen und berühren lasse.» Gemeinschaften und Netzwerke sind zusätzliche Stützen.

Wer nach einem Suizidversuch aus der Klinik entlassen werde, dem kann die Umstellung vom Spital auf die eigenen vier Wände viel abverlangen. Hier kann eine ambulante Weiterbetreuung unterstützend sein. «Es hilft, das Thema offen anzusprechen und Verständnis zu zeigen. Auch das Begleiten bei Alltagstätigkeiten kann sich als hilfreich erweisen.»

Wie gelingt das gute Leben? Eine Podiumsdiskussion zum Thema

Die Begleitung der Patienten im Kampf um den Sinn und um ein gutes Leben führte Pichler im Rahmen ihrer Ausbildung zum Thema Suizidprävention. «Bei unserer Arbeit nützt die Hoffnung, dass wir helfen können.» Menschen zu begleiten und zu sehen, wie sie zurück ins Leben finden, motiviere sie. Im Rahmen der «Aktionstage Psychische Gesundheit», die ab heute bis zum 31. Oktober stattfinden, diskutiert Pichler am Abend mit weiteren Fachkollegen an der Podiumsdiskussion um 19.30 Uhr im Schlossmuseum Aarau zum Thema «Sich das Leben nehmen? Wie gelingt das gute Leben?».

Vergleicht man die Suiziddaten der Schweiz mit Europa, bewegt sie sich im Mittelfeld. Erfreulicherweise sei die Suizid-Sterberate in den letzten 20 Jahren gesunken, so Pichler. Zu diesem Ergebnis hat ihrer Ansicht nach auch die Prävention beigetragen. «Das Bewusstsein für das Thema ist nun stärker in der Schweiz, auch die Angebote sind vielfältiger geworden», ist sie sich sicher.

An Bahnhöfen, speziellen Bauwerken oder Brücken wurden zum Beispiel Netze und Hinweistafeln installiert. Zudem seien Betroffene eher bereit, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Pichler ist der Meinung, der offene Austausch darüber, wie es einem geht, bleibe wichtig: «Den Welttag der Suizidprävention sollten wir dazu nutzen, miteinander zu reden und das Stigma von Suizid und psychischen Erkrankungen weiter abzubauen.

So trauen sich immer mehr Menschen, ihre eigenen Erfahrungen zu teilen. Belastete finden im besten Fall ein fürsorgliches verständnisvolles Umfeld und erleben sich als Teil einer Gemeinschaft.»