Die 22-jährige Vanessa Rudolf will professionelle Musicaldarstellerin werden. Der Gedanke, auf den ganz grossen Bühnen dieser Welt zu stehen, kam allerdings eher zufällig und plötzlich.

Aufgestellt, herzlich und offen erzählt Vanessa Rudolf von ihrem bis anhin aussergewöhnlichen Leben. Die natürliche junge Frau arbeitet, wenn sie zu Hause ist, im Bad Schinznach an der Kasse. Daher wirkt es umso Erstaunlicher, dass sie schon so viel erlebt hat. Für ihr Ziel, hauptberuflich Musicaldarstellerin zu werden, übt sie jeden Tag, besucht Weiterbildungen und reist für Castings rund um die Welt.

Youtube/Vanessa Rudolf

Sie zeigt schon früh ihr Können

Die gebürtige Bündnerin lebt seit 2010 im Aargau. Sie wuchs in verschiedenen Bündner Gemeinden auf. Zehn Jahre lebte sie in Arosa. Hier sammelte sie auch ihre erste Bühnenerfahrung. «Mit neun Jahren spielte ich im Theaterstück ‹Das tapfere Schneiderlein› mit», sagt sie lachend. Drei Jahre später gelingt ihr der nächste Schritt. «Zusammen mit meiner Schwester wurde ich in einem Casting in Arosa ausgewählt, um die Nichte von Andrea Zogg im Film ‹Champions – Es ist nie zu spät für ein Comeback› zu spielen.»

Neben der Schule besucht sie eine Theatergruppe, tanzt von klein auf Ballett und übt 12 Jahre Eiskunstlauf auf höchstem Niveau aus. Dass sie viele Talente hat, zeigt sich also schon früh. Doch das Wort «Musical» fällt bei ihr erst mit 17 Jahren.

Der Umzug bringt den Wandel

Vor neun Jahren verlässt sie Arosa und zieht mit ihrer Familie nach Schinznach-Bad. Dort beendet sie 2012 die Bezirksschule und beginnt die Fachmittelschule in Aarau. Doch schon im ersten Jahr merkt sie, dass die FMS nicht das Richtige für sie ist. «Ich war einfach lernmüde und realisierte, dass ich für etwas anderes bestimmt war.»

Zur selben Zeit spielt sie eine Rolle für das Stück «Momo», das sie mit ihrer Ballettgruppe in Hausen aufführen sollte. Am Strand von Ägypten, wo ihre Familie zuvor Ferien macht, übt sie ihre Rolle und tanzt dem Meer entlang. Dabei wird sie von der Unterhaltungsgruppe des Hotels entdeckt und angefragt, ob sie Lust hätte, an den Abendshows mitzutanzen. Mit grosser Freude sagt sie zu und performt fortan für die Gäste des Hotels. Am Ende ihrer Ferien nimmt sie dann ein Angebot an, um als Animatorin im Hotel zu arbeiten. Vorerst reist sie aber wieder zurück.

Zu Hause angekommen, wird ihre Familie von einem guten Freund in ein Musical in Stuttgart eingeladen. Widerwillig geht Vanessa Rudolf mit und sieht sich «Sister Act» an. «Eigentlich wollte ich an diesem Abend ins Kino gehen», sagt sie rückblickend. Doch das Musical öffnet ihr die Augen. «Ich war so überwältigt von der Show, dass ich einfach wusste, dass ich das unbedingt auch machen möchte.»

Nur eine Woche später besucht sie einen dreitägigen Workshop als Aufnahmeprüfung für die «Stage School» in Hamburg. Ihr Wille wird belohnt. Zu ihrer grossen Überraschung wird sie angenommen und bekommt bereits eine Woche später den Vertrag. «Innerhalb von drei Wochen hat sich mein ganzes Leben total verändert. Durch den Schulabbruch kam ich zum Angebot in Ägypten und schliesslich zur Herausforderung in Hamburg.»

Der Vertrag gilt allerdings erst für das Jahr darauf und so arbeitet sie zunächst zwölf Monate in Ägypten als Animatorin im Hotel Calimera. «Es war eine aufregende und lehrreiche Zeit.»

Ihr Leben kommt in Schwung

Nach ihrer Rückkehr 2014 nimmt sie eine neue Herausforderung an. Drei Jahre lang besucht sie an der «Stage School» 16 Fächer und entwickelt sich immer mehr zu einer Musicaldarstellerin weiter. 2016 ist sie zum ersten Mal bei einem Schul-Musical auf der Bühne, bevor sie 2017 wieder nach Schinznach-Dorf zieht.

Im gleichen Jahr erreicht sie ihren ersten grossen Meilenstein. Sie setzt sich im Casting in Mailand durch und kann in «Saturday Night Fever» eine der Hauptrollen spielen. «Das war unglaublich und der erste Schritt auf die grosse Bühne.»

«Saturday Night Fever» – Trailer:

Youtube/TSW Event AG

Das zweite grosse Engagement lässt nicht lange auf sich warten. Im Sommer 2018 tritt sie auf der Walensee-Bühne im Musical «Die Schöne und das Biest» auf. Der Auftritt gerät aber kurzzeitig in Gefahr. «Bei der Generalprobe habe ich meinen Fuss verstaucht und musste anschliessend mit speziellen Strümpfen auftreten. Das Adrenalin und die Tabletten liessen den Schmerz aber vergessen.»

Das Abenteuer in New York

Im Herbst 2018 besucht Vanessa Rudolf Weiterbildungen in Gesang und Schauspiel in New York. Der Aufenthalt ist zumindest am Anfang aber alles andere als angenehm. «Meine Wohnung, die ich vorgängig gebucht hatte, stellte sich als Arztpraxis heraus. Ich wurde also total über den Tisch gezogen.» Heute kann sie darüber lachen und erzählt offen weiter, dass die Ärzte ihr geholfen hätten und sie später bei einem Freund ihrer Mutter untergekommen sei. «Ich musste die Ärzte aber zuerst überzeugen, dass ich keine Obdachlose bin», sagt sie lachend. Sie zieht in New York noch zwei Mal um und kommt in einer Musicaldarsteller-WG und bei einer Familie unter.

Bei einer Frau, die so viel reist, stellt sich natürlich die Frage, wo sie sich denn zu Hause fühlt. Schliesslich lebte sie schon in Arosa, Schinznach, Ägypten, Hamburg und New York. «Ich verliere jedes Mal, wenn ich irgendwo hingehe, wieder einen Teil meines Herzens. Es ist also schwierig, zu sagen, wo ich mich tatsächlich zu Hause fühle.»

Träumen ist berechtigt

Vanessa Finja Rudolf, ihren zweiten Namen hat sie sich selbst gegeben, schildert lebendig und sympathisch von ihrem Leben und hat viele Anekdoten zu erzählen: «Meinen peinlichsten Bühnenmoment hatte ich während eines Auftritts, als ich plötzlich abgeschweift bin. Anstatt an den Text zu denken, fragte ich mich, was ich am Abend kochen sollte oder wann ich meine Wäsche machen würde. Ich hatte ganz einfach ein totales Blackout.» Natürlich hat sie auch ihr ganz persönliches Highlight. «Als ich 2017 zum ersten Mal vor 2000 Leuten im Regen aufgetreten bin. Dort habe ich auch die eine oder andere Träne verdrückt.» Auf der Bühne will sie die Menschen mitreissen und bewegen. «Es gibt nichts Schöneres, als zu sehen, dass man das Publikum berührt und die Menschen für zwei Stunden in eine andere Welt entführen kann.»

Vanessa Rudolf kann sich auch vorstellen, in der Filmindustrie Fuss zu fassen. «Am liebsten natürlich in Hollywood.» Seit einem Jahr hat sie ausserdem eine eigene Agentin in London. Trotzdem weiss sie, wem sie ihren rasanten Aufstieg zu verdanken hat. «Meine Familie ist stets in der ersten Reihe und hat mich schon immer unterstützt. Meine Mutter konnte sogar meinen Text bei ‹Saturday Night Fever› auswendig, da sie acht Mal die Vorstellung besuchte», sagt sie schmunzelnd.

Nun ist Vanessa Rudolf in Tschechien und probt für ihre sechs Rollen, die sie im Musical «Edith Piaf und Marlene Dietrich» in rund zwei Wochen in Zürich spielen wird. Sie freut sich sehr auf diese Herausforderung. «Ich habe noch nie sechs verschiedene Rollen an einer Aufführung gespielt.» Die bald 23-Jährige liebt die Verbindung von Tanz, Gesang und Schauspiel. Diese möchte sie vom 3. bis 7. April auch in der Maag Halle zeigen. «Das sind einfach die drei Dinge, die ich am liebsten mache, kombiniert in einem – dem Musical.»