Im Zentrum von Hausen an der Holzgasse klafft ein riesiges Loch. Für viele muss es sich so anfühlen, als würde darin das alte Hausen beerdigt werden. Hier, wo einst das historische Dorfzentrum war und von wo aus Hausen gewachsen ist, bleibt zurzeit kein Stein auf dem anderen.

Die Gemeinde Hausen ist in den letzten 15 Jahren um rund 1000 Einwohner, das heisst um einen Drittel gewachsen. Auch 2014 zogen 100 Personen hierher. Im Gegensatz zu andern Gemeinden in der Region Brugg ist das Wachstum in Hausen seit Jahren konstant. Gemeindeammann Eugen Bless und Gemeindeschreiber Christian Wernli führen durchs Dorf und zeigen, wo Potenzial und Herausforderungen des Wandels aufeinanderprallen.

Bevölkerungsentwicklung von Hausen 1900 bis 2014.

Bevölkerungsentwicklung von Hausen 1900 bis 2014.

Viele alte Häuser sind dieser schnellen Entwicklung schon gewichen. Gleich neben dem Dahlihaus – einem der noch verbleibenden alten Häuser und gegenwärtigem Kulminationspunkt der Hausemer Wachstumsdebatte – wurde ein rund 500-jähriges Haus abgerissen und hinterliess diese klaffende Baugrube. Hier sollen voraussichtlich gegen Ende 2016 nochmals drei dreistöckige Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 25 Wohnungen entstehen.

Die Möglichkeit, weiter in die Breite zu wachsen, ist in Hausen beschränkt. Mit der Revision der Bau- und Nutzungsordnung vor sieben Jahren hat die Gemeinde die Weichen im Dorfzentrum in Richtung verdichtetes Bauen gestellt. Das bedeutet, dass unter diesen Voraussetzungen auch gleich grössere Überbauungen geplant werden. Eine Tafel an der Hauptstrasse preist ein weiteres Projekt an, in dem 30 neue Wohnungen entstehen sollen. In diesen Tagen musste dafür auch die alte Asylbewerberunterkunft neben der Liegenschaft der Stiftung Domino weichen.

Giebelbauten im Dorfkern

Mittels Auflagen versucht die Gemeinde die Neubauprojekte im Dorfkern, soweit das möglich ist, mitzubestimmen. So muss die Fassade der Neubauten gegen die Holzgasse hin, wieder auf dieselbe Linie zu stehen kommen wie vorher. Zudem will man an das alte Dorfbild erinnern, indem die Häuser an der Strasse als Giebelbauten konzipiert sein müssen und auch das Gebäudevolumen erhalten bleiben soll. Auch bezüglich der Begrünung des Aussenbereichs kann die Gemeinde aufgrund des Gestaltungsplans mitreden. «Doch die Bautätigkeit an sich können wir nicht beeinflussen», sagt Ammann Eugen Bless. «Solange die Gemeinde attraktiv ist und es Grundstücke gibt, kann gebaut werden.»

Hausen ist bei Familien beliebt. Das neue Schulhaus trägt dem Rechnung.

Hausen ist bei Familien beliebt. Das neue Schulhaus trägt dem Rechnung.

Auch durch den Kauf von Grundstücken könne die Gemeinde kaum Einfluss nehmen, weil sie diese Parzellen entweder nicht erhalte oder weil die Investoren einfach viel schneller seien. Ausserdem wäre dann die Gemeinde gezwungen, verdichtet zu bauen, sodass sich faktisch nichts ändern würde.

Die Entwicklung ist an den Bewohnern Hausens nicht spurlos vorübergegangen. «Huse baut und boomt», so lautete das Motto des diesjährigen Jugendfestes. Viele langjährige Einwohner haben Angst vor dieser Veränderung und möchten nicht, dass noch mehr Leute kommen. «Die Bautätigkeit können wir zwar nicht stoppen, aber wir bewältigen zur Zeit die Herausforderungen, die das Wachstum an uns stellt», sagt Gemeindeschreiber Christian Wernli. Dazu lanciert die Gemeinde Hausen regelmässige Bevölkerungsumfragen, mit denen man die Sorgen in der Bevölkerung ernst nehmen und die Bürger an der Entwicklung teilhaben lassen will.

Aus diesen Resultaten wird ein Leitbild abgeleitet, das definiert, wo Hausen in 30 Jahren stehen soll. Einzelne Schwerpunkte daraus werden dann Jahr für Jahr umgesetzt. Die grosszügige Vorausplanung ist nicht verkehrt. Der Kanton rechnet damit, dass Hausen im Jahr 2040 bis zu 5400 Einwohner haben könnte. Doch Christian Wernli beruhigt: «Natürlich ist das nicht die Zahl, die wir anstreben, aber wir möchten das Wachstum mit dieser strategischen Herangehensweise proaktiv und verträglich mitgestalten und nicht immer nur der Entwicklung hinterherhinken müssen.»

Nadelöhr nach Hausen West

Auch Infrastruktur und Verkehr werden durch das Wachstum stark beansprucht. Mit der Umfahrung Hausen hat sich der Verkehr im Dorf stark beruhigt. Ein Nadelöhr des heimischen Verkehrs stellt jedoch einmal mehr die Holzgasse dar. Sie ist die einzige Verbindung vom Dorf über den Zubringer und die SBB-Linie nach Hausen West. Die wachsende Bevölkerung und das Gewerbe auf der Westseite strapazieren ausgerechnet den Ort, der als historisches Dorfzentrum aufgewertet werden soll.

Erleichterung für den Verkehr in der Holzgasse könnte die direkte Anbindung von Hausen West an die Umfahrung bringen. Diese müsste über die Büntefeldstrasse führen. Doch nach bestehendem Gesetz ist die bereits existierende Strasse bisher nur für den Landwirtschaftsverkehr zugänglich. Laut Eugen Bless ist die Umlenkung des Verkehrs eine der wichtigsten Massnahmen, um das Zentrum wohnlicher zu machen. Eine Variante mit Zubringerdienst könnte vielleicht eine Lösung bringen.

Wo einst das 500-jährige Brunnerhaus stand, entstehen 26 neue Wohnungen.

Wo einst das 500-jährige Brunnerhaus stand, entstehen 26 neue Wohnungen.

Da Hausen vor allem auch bei jungen Familien beliebt ist, war der Neubau des Schulhauses wichtig. So kann die Schulinfrastruktur in Zukunft mit der Dorfentwicklung Schritt halten. Der Neubau wird in diesen Sommerferien bezogen. Mitte Juni hat das Volk zudem einen Planungskredit für den Bau einer Doppelturnhalle beim Werkhof klar gutgeheissen.

Die Investitionen in die Zukunft werden vermutlich auch Auswirkungen auf den 2012 gesenkten Steuerfuss haben. Auf der Gemeinde rechnet man aufgrund dieser grossen Investition mit einer Erhöhung um 3 bis 5 Prozentpunkte. Bisher konnte man den Ausbau der Infrastruktur mit dem vergrösserten Steuersubstrat aufgrund des Bevölkerungswachstums finanzieren. «Jetzt ist aber die magische Schwelle erreicht, und man muss nun gewisse Investitionen für die nächsten 20 bis 40 Jahre vorfinanzieren», so Bless weiter.

Neuzuzüger integrieren

Die Attraktivität Hausens sieht Christian Wernli in dem Trend begründet, dass die Leute zwar gerne in einem Dorf, aber gleichzeitig nahe von einem Zentrum wohnen wollen. Diese Kriterien würden offensichtlich in Hausen erfüllt. Ein wichtiger Grund ist ausserdem, dass das Dorf verkehrstechnisch gut erschlossen ist. Viele Anwohner pendeln laut dem Gemeindeschreiber in Richtung Zürich, Baden oder in die Region Basel.

Deshalb möchte man sich auch davor hüten, zu einem Schlafdorf zu verkommen. Neben Infrastruktur und Verkehr hat man deshalb Massnahmen ergriffen, um die sogenannten Soft-Faktoren zu verstärken. Dazu gehören beispielsweise die Integration der Zuzüger in die Gemeinde und die Vereine sowie das kulturelle Angebot.

Herzstück ist natürlich auch hier die Bevölkerungsumfrage, die Auskunft darüber gibt, was die Neuzuzüger wünschen. Für alle Einwohner – auch die ausländischen – hat man mit dem Ideenspeicher ein ergänzendes Instrument gefunden, mit dem sich jeder in die Gemeinde engagieren kann. Jedes Jahr gibt es zudem einen Apéro für Neuzuzüger, um diese abzuholen und für das Gemeindeleben zu motivieren. Ausserdem informiert das Zweimonatsheft «Hausenaktuell» die Bürger über Politik, Kultur und Vereinsleben in der Gemeinde. Mit all diesen Massnahmen erhofft man sich, die neuen Einwohner für die Gemeindeversammlung und -politik mobilisieren zu können.

Das Gewerbe hinkt der Entwicklung der Bevölkerung noch etwas hinterher. Viele Hausemer sind für den Einkauf stark nach Windisch und Brugg orientiert. In der Gemeinde gibt es indessen einige Gastronomie-Betriebe. Im Bereich der Holzgasse hat man ausserdem die Auflagen gemacht, im Parterre der Liegenschaften eine gewerbliche Nutzung vorzusehen. Mit der Planung einer Gewerbezone auf dem Reichholdareal könnten bald schon weitere KMU und damit noch mehr Zuzüger nach Hausen kommen. Die Planung des Reichholdareals ist zurzeit noch in Arbeit.

Das rund 450-jährige Dahlihaus ist nach Abbruch des unmittelbar angrenzenden 500-jährigen Brunnerhauses das nunmehr älteste Hochstudhaus des Dorfs und steht an der Holzgasse, im Dorfzentrum. Benannt ist es nach dem Tagelöhner Hans Dahli, der darin gewohnt hat. Vor einigen Jahren hat es die Gemeinde ganz von einer Erbengemeinschaft übernommen. An einer Infoveranstaltung hatte der Gemeinderat verkündet, dass das Dahlihaus abgerissen werde, wenn sich niemand mit einem anderen Vorschlag melde. Dies, nachdem klar wurde, dass rund 80 Prozent der Bausubstanz marode ist. Als Reaktion gründete sich der Verein «Pro Dahlihaus», um den Abbruch des geschichtsträchtigen Hauses zu verhindern und Möglichkeiten für eine künftige Nutzung oder eine ortsbildgerechte Erneuerung zu prüfen. Damit ist das Dahlihaus zu einem Symbol für den schnellen Wandel in Hausen geworden, dem viele alte Häuser zum Opfer gefallen sind. Im Juni 2014 haben sich die Stimmbürger mit 103 zu 62 Stimmen für einen Planungskredit von 80 000 Franken ausgesprochen, um das Dahlihaus vorläufig zu sichern und eine mögliche Nutzung zu prüfen. Dafür wurde eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des Gemeinderats sowie des Vereins geschaffen, um über das Aufgabenheft der Projektstudie zu beraten. (HAM)

Wie weiter mit dem Hausemer Dahlihaus?

Das rund 450-jährige Dahlihaus ist nach Abbruch des unmittelbar angrenzenden 500-jährigen Brunnerhauses das nunmehr älteste Hochstudhaus des Dorfs und steht an der Holzgasse, im Dorfzentrum. Benannt ist es nach dem Tagelöhner Hans Dahli, der darin gewohnt hat. Vor einigen Jahren hat es die Gemeinde ganz von einer Erbengemeinschaft übernommen. An einer Infoveranstaltung hatte der Gemeinderat verkündet, dass das Dahlihaus abgerissen werde, wenn sich niemand mit einem anderen Vorschlag melde. Dies, nachdem klar wurde, dass rund 80 Prozent der Bausubstanz marode ist. Als Reaktion gründete sich der Verein «Pro Dahlihaus», um den Abbruch des geschichtsträchtigen Hauses zu verhindern und Möglichkeiten für eine künftige Nutzung oder eine ortsbildgerechte Erneuerung zu prüfen. Damit ist das Dahlihaus zu einem Symbol für den schnellen Wandel in Hausen geworden, dem viele alte Häuser zum Opfer gefallen sind. Im Juni 2014 haben sich die Stimmbürger mit 103 zu 62 Stimmen für einen Planungskredit von 80 000 Franken ausgesprochen, um das Dahlihaus vorläufig zu sichern und eine mögliche Nutzung zu prüfen. Dafür wurde eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des Gemeinderats sowie des Vereins geschaffen, um über das Aufgabenheft der Projektstudie zu beraten. (HAM)