Die Geschichte beginnt im Jahre 2004 und führt nach Brugg, tief in den Keller des Schweizer Bauernverbandes. Hier ist die alte Bibliothek des Verbandes eingelagert. Es ist die älteste Verbandsbibliothek der Schweiz. Viele hundert Bücher, die kein Mensch mehr braucht, modern in Kisten und auf Regalen vor sich hin. Es existiert nicht einmal ein zuverlässiges Inventar. Deshalb ahnt auch niemand, was für ein Schatz sich zwischen den vielen Fachbüchern aus alter Zeit befindet.

Dann braucht der Verband mehr Platz, man erinnert sich an die vergessene Bibliothek im Keller. Sie muss weichen, soll dabei aber gleich auch noch professionell inventarisiert und entschlackt werden. Bevor es dazu kommt, tritt Dagobert Huber (Name geändert) auf den Plan. Er arbeitet für den Schweizer Bauernverband und findet, wie er sagt, in einer Abfallmulde vor dem Haus am Hauptsitz in Brugg ein in schützendes Papier eingepacktes altes Buch.

Er wickelt das Buch aus dem Papier – zum Vorschein kommt ein Exemplar des «Thierbuchs» des Zürcher Universalgelehrten Conrad Gessner aus dem Jahre 1563. Dagobert Huber erkennt sofort, dass er da ein äusserst seltenes und entsprechend wertvolles Buch in Händen hält. Er bittet seinen Schwager, der mit Antiquitäten handelt, er möge doch das «Thierbuch» möglichst gut verkaufen. Was dem Schwager auch gelingt: Ein Hamburger Auktionshaus löst für das «Thierbuch» aus dem Brugger Keller 20 000 Franken; den Netto-Erlös von 15 000 Franken kassiert Dagobert Huber, der Schwager erhält Spesen «von wenigen hundert Franken», wie er erklärt.

Zehn Jahre später

10 Jahre später hat sich die Welt verändert. Dagobert Huber arbeitet längst nicht mehr beim Bauernverband. Huber und sein Schwager sind zerstritten, es geht ums Erben; eine langwierige und schwierige Geschichte, die aber zur Hauptsache im Engadin spielt.
Da erinnert sich der Schwager an Dagoberts wertvollen Buchfund.

Jetzt kommt ihm die Sache plötzlich ziemlich seltsam vor. Er beginnt zu recherchieren und findet heraus, dass der Bauernverband niemals Bücher via Mulde entsorgt hat. Darauf angesprochen soll Dagobert auch nichts mehr von einer Mulde gesagt haben, sondern er hat, gemäss Informationen des Schwagers, eine neue Version präsentiert: Eine Mitarbeiterin habe ihm das zum Entsorgen ausgemusterte Buch geschenkt.

Ermittlungen ohne Ergebnis

Der Schwager hat aber heute, aus der Distanz von zehn Jahren, eine ganz andere Erklärung: Dagobert hat das wertvolle Buch damals dreist aus dem Keller des Bauernverbandes gestohlen, um sich zu bereichern. Weil er sich seiner Sache absolut sicher ist, hat der Schwager Dagobert angezeigt.

Da Dagobert inzwischen in der Ostschweiz lebt, ermittelte die Polizei von der Ostschweiz aus. Allerdings stellte der Polizeistützpunkt Glarus die Ermittlungen bald wieder ein. Denn es liess sich nicht feststellen, ob der Schweizer Bauernverband jemals das «Thierbuch» besessen hat, es gibt keine Klarheit darüber, wie Dagobert in den Besitz des Buches gekommen ist und schliesslich sei ja auch niemand zu Schaden gekommen. Unklar ist auch, ob sich allenfalls auch andere Mitarbeitende hätten bedienen können.

Damit spielt der Tatort Brugg wohl vorderhand keine Rolle mehr. In der Auseinandersetzung zwischen Dagobert Huber und seinem Schwager steht wieder der Schauplatz Engadin im Fokus. Aber das ist wiederum eine ganz andere Geschichte.

Gessner im Landesmuseum

Zum Schluss die gute Nachricht: Der Schweizer Bauernverband hat seine Bibliothek längst reorganisiert und weiss jetzt zuverlässig, welche Bücher er besitzt und wo sie sich befinden. Und was Conrad Gessner betrifft: Noch bis zum 16. Juni thematisiert das Landesmuseum Zürich in einer Sonderausstellung aus Anlass des 500. Geburtstages von Gessner Leben und Werk des bedeutenden Universalgelehrten. Den «Leonardo da Vinci der Schweiz» nennt ihn der Zürcher Gessner-Biograf Urs Leu. Auch ein Exemplar des «Thierbuchs» ist zu sehen.