Windisch

Das Trachten-Sticken ist ihre Therapie

Für das Foto hat sich Sylvia Neuhaus, die Trachten mit filigranen Blumen bestickt, in die Brugger Festtagstracht gekleidet. Hund Celina schaut zu. Chris Iseli

Für das Foto hat sich Sylvia Neuhaus, die Trachten mit filigranen Blumen bestickt, in die Brugger Festtagstracht gekleidet. Hund Celina schaut zu. Chris Iseli

Sylvia Neuhaus (63) ist Expertin für das Besticken von Trachten – dazu gekommen ist sie aber erst 2010.

In der Ecke des dunkelblauen Ledersofas in der Stube ist es Sylvia Neuhaus am wohlsten. Hier macht sie es sich bequem, streckt die übereinandergeschlagenen Beine, richtet das Licht auf ihre Handarbeit und dann geht das Sticken los. Die Badener Festtagstracht, an deren Stickerei sie gerade arbeitet, soll bald fertig sein. Hund Celina gesellt sich dazu, schaut dem Frauchen zuerst zu und legt dann gelangweilt den Kopf auf die Pfoten.

Die Windischerin Sylvia Neuhaus ist mittlerweile im ganzen Aargau und darüber hinaus bekannt für ihre Trachtenstickereien. Lange pflegt sie dieses zeitintensive Hobby, das längst zur Leidenschaft geworden ist, aber noch nicht. Erst im Jahr 2010, bei der ersten Produktion der Oper Schenkenberg, kam Sylvia Neuhaus in Berührung mit Trachten. Sie war damals als Schneiderin an der Oper «Carmen» beteiligt und lernte jemanden von der Trachtengruppe Schinznach-Dorf kennen. Und weil sie das Trachtenwesen und das Handarbeiten liebt, nahm es ihr den Ärmel rein. «Seit meiner Kindheit mache ich Handarbeit gerne», sagt sie, die in Biel aufgewachsen ist. Die Mutter habe auch immer Kleider geschneidert, um einen Zusatzverdienst für die Familie zu generieren.

Jedenfalls traten Sylvia Neuhaus und später auch ihr Mann Peter – sie führen übrigens in Windisch erfolgreich eine Firma, die sich auf die Herstellung von Etiketten spezialisiert hat – nach der Produktion der Oper Schenkenberg den Trachtengruppen Schinznach-Dorf, Würenlos und Otelfingen bei. «Wir haben beide schon früher gerne getanzt», sagt Sylvia Neuhaus. «Und ich bin ein Sportmuffel. Tanzen ist aber etwas anderes. Da bewegt man sich, da muss man dabei etwas denken und kann es erst noch mit anderen gemeinsam ausüben.»

Kaputte Tracht war der Anfang

Doch was ist schon Trachtentanz ohne Tracht? Sylvia Neuhaus findet: «Tanzen mit Jeans und einem T-Shirt macht doch keine Gattung.» Und so machte sie sich auf die Suche nach ihrer ersten Tracht. Sie fand eine Occasion-Tracht, allerdings mit kaputter Stickerei. Das motivierte Sylvia Neuhaus dazu, einen Stickereikurs des Trachtenverbands zu absolvieren. Es war der Beginn einer neuen Ära in der langen Handarbeitsgeschichte von Sylvia Neuhaus.

In ihrem Arbeitsordner zeigt sie ihre Anfänge als Trachtenstickerin. Die Blümchen sind vielleicht noch nicht ganz so exakt, für ein Laienauge ist das allerdings kaum zu sehen. Sylvia Neuhaus entwickelte ihre Kunst rasch weiter. Sie übte stundenlang. «Mein Mann hatte Angst, dass ich im Haus alles besticke», sagt sie und lacht herzlich. Dass sie heute selber Trachtenstickereien zeichnen kann, verdankt sie ihrem frühere Kunstschul-Fernstudium. «Ich habe keine Lust mehr darauf, die Trachtenstickereien von anderen zu kopieren», begründet Sylvia Neuhaus ihre Entscheidung.

Sylvia Neuhaus bei der Arbeit an einer Badener Festtagstracht.

Sylvia Neuhaus bei der Arbeit an einer Badener Festtagstracht.

Sylvia Neuhaus entwirft alle Stickereien selber. Entsprechend ist jede Tracht ein Unikat. Inspiration für die Blumenstickereien holt sie sich im heimischen Garten. Denn diesbezüglich sind die Regeln streng: Es werden nur jene Blumen auf die Tracht gestickt, die heimisch sind.

Sylvia Neuhaus, die ursprünglich Hauspflegerin gelernt hatte, bestickt aber nicht nur Trachten, sondern auch Taschen, Necessaires oder anderes. Häufig verschenkt sie dann diese Dinge. «Es ist schön, wenn ich den Leuten damit eine Freude machen kann», sagt sie. «Und ich habe den Plausch daran, diese schönen Sachen zu kreieren.»

Den Tinnitus verdrängen

Es gibt aber auch einen ernsten Hintergrund für die fleissige Produktion von Sylvia Neuhaus. Seit einiger Zeit leidet sie unter einem Tinnitus. «Das ist grausam», sagt sie. Sie hat ein Mittel gefunden, den Tinnitus etwas zu verdrängen. «Ich verziehe mich dann in mein Atelier, lasse laut Musik laufen und konzentriere mich auf das Sticken», erklärt sie. «Dieses Abtauchen in eine andere Welt hilft mir, mit der Situation zurechtzukommen.» Sie sagt sogar, dass diese Arbeit den Psychiater ersetze. Häufig hört sie dabei die Ländlerstücke aus der Tanzprobe. «Dann kann ich im Kopf jeweils noch die Tanzschritte durchgehen», sagt die 63-Jährige.

Sylvia Neuhaus ist mittlerweile auch im Vorstand des Aargauischen Trachtenverbands und zuständig für die Trachtenkommission. Zurzeit sind es nur zwei Frauen im Aargau, die offiziell als Trachtenstickerinnen aufgeführt sind. Es ist ein Handwerk, dass kaum noch jemand lernen will. «Wir versuchen natürlich immer wieder, mit Kursen Nachwuchs an Bord zu holen», sagt Sylvia Neuhaus.

Jeweils zwei Stunden kann sie sich hinter eine Arbeit setzen. Dann werden die Augen trotz Brille müde und brauchen eine Pause. Je nach Blümchen braucht Sylvia Neuhaus mehrere Stunden. Pro Jahr bekommt sie zwischen zwei und fünf Aufträge. Neue Trachten werden nicht mehr so häufig in Auftrag gegeben.

Einen Herzenswunsch erfüllt

Sich selber hat Sylvia Neuhaus einen Herzenswunsch erfüllt. Zum 60. Geburtstag wünschte sie sich einen Trachten-Nähkurs. Danach arbeitete sie gemeinsam mit einer Berner Schneiderin an einer kunstvoll verzierten Müngertracht, der Tracht aus Sylvia Neuhaus’ Heimatkanton. Für die Stickerei brauchte sie 80 Stunden.

Es ist eine Tracht, die sie nur zu besonderen Anlässen wie den 1. August trägt. Seit ihrem Anfang im Jahr 2010 sind weitere Trachten dazugekommen: eine rote Sonntagstracht aus dem Berner Aargau, eine schwarze Sonntagstracht aus dem Berner Aargau mit drei verschiedenen Stickereien zum Wechseln, die Brugger Festtagstracht sowie die erwähnte Münger Tracht. Denn auch hier sind die Regeln streng: Es darf nur die Tracht aus dem Herkunftsort oder dem aktuellen Wohnort getragen werden.

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