Brugg

Das Scheitern und die Literatur machten ihn stark

Kritischer, scharfzüngiger und humorvoller Autor - Lukas Bärfuss bei seiner Lesung im Odeon Brugg.

Kritischer, scharfzüngiger und humorvoller Autor - Lukas Bärfuss bei seiner Lesung im Odeon Brugg.

Lukas Bärfuss las im Odeon aus seinem neusten Werk «Stil und Moral».

Lukas Bärfuss gilt als eine der kritischsten Literaturstimmen des Landes; als ein Unbequemer, der Gier, Geiz, Besitzstandswahrung und das helvetische Rosinenpicken anprangert. In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ging er mit seiner Heimat hart ins Gericht. Unter anderem bezeichnete er die Schweiz als Land, das mehr und mehr jede erkennbare Kontur verliert.

Auch in seinem neusten Werk «Stil und Moral», aus dem er im Odeon Brugg vorlas, hält er nicht mit Kritik zurück, hinterfragt mit sensibler Beobachtungsgabe und ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn Entwicklungen in der Politik, Wirtschaft und Finanzwelt. Lacher erntete er für seine absolut amüsante Schilderung, wie er einer Theatervorstellung von Tschechows «Drei Schwestern» versucht, einen tiefen Sinn abzugewinnen, was an der Knoblauchfahne seiner Sitznachbarin scheitert. Und er scheut sich auch nicht, Schöngeistiges wie die Literatur auf den Prüfstand zu stellen – in Anbetracht des Elends, das auf der ganzen Welt herrsche. Er räsoniert über Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und philosophiert über den Lebenssinn und die Vergänglichkeit. Dabei macht der gebürtige Thuner immer wieder Querbezüge zu Werken grosser Literaten, die er allesamt «verschlungen» hat.

Als Kind Literatur aufgesogen

Schon mit 8 Jahren saugte Bärfuss jede Seite einer 20-bändigen Enzyklopädie auf. In Büchern eröffnete sich für ihn die Tiefgründigkeit der Welt, die er in seiner Kindheit suchte, aber nicht fand. Sein Stiefvater war Sattler, die Mama eine unscheinbare Hausfrau, die abends als Bardame arbeitete. In «Stil und Moral» beschreibt der Schriftsteller eindrücklich die Metamorphose seiner Mutter zur «Königin der Nacht», die in eine Welt entschwand, zu der er damals keinen Zugang hatte. Bärfuss bezeichnet seine Jugend als schwierig. «Wie jeder musste ich lernen, mich in die Gesellschaft einzufügen und gleichzeitig meine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Damit hatte ich enorm zu kämpfen.» Die 9 obligaten Schuljahre schaffte er knapp. Danach schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und lebte zeitweilig auf der Strasse. Die Anstellung in einer Buchhandlung war für ihn eine Art Rettungsanker. Schlussendlich folgte der heute 44-Jährige seiner Bestimmung und fing an, selber zu schreiben. 2002 erschien sein erstes Buch «Die toten Männer». Sein Theaterstück «Die sexuellen Neurosen der Eltern» wurde in 12 Sprachen übersetzt. In seinem Roman «Koala», für den er 2014 den Schweizer Buchpreis bekam, geht es um den Freitod seines Halbbruders. Ein Jahr zuvor hatte ihm Bürgermeister Klaus Wowereit den Berliner Literaturpreis verliehen. Bärfuss ist Lehrbeauftragter am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Ohne Lehre, Matura oder Studium schaffte er es, einer der hierzulande bedeutendsten Autoren und Dramaturgen zu werden, der sich durch seinen absolut authentischen Stil und seine Scharfzüngigkeit auszeichnet. «Lukas Bärfuss legt den Finger dorthin, wo es brennt», meinte Sabine Geier aus Brugg anlässlich der Lesung im Odeon, und Hans Ueli Kohler aus Gebenstorf fügte hinzu: «Mich fasziniert seine Unabhängigkeit. Er schwimmt gegen den Strom, und das gefällt mir.»

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