Brugg
«Das Lesen? Nein, das ist nicht in Gefahr»

Im Salzhaus gingen am Sonntag die diesjährigen Literaturtage mit der Diskussion «Ist Literatur jung?» zu Ende. Die Wettinger Kantiklasse hat sich darüber Gedanken gemacht.

Elisabeth Feller
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Das Publikum im Salzhaus lauscht gebannt den beiden AutorinnenKatja Lange-Müller (links) und Laura de Weck. Chris Iseli

Das Publikum im Salzhaus lauscht gebannt den beiden AutorinnenKatja Lange-Müller (links) und Laura de Weck. Chris Iseli

Draussen: Prachtswetter. Drinnen, im Salzhaus, viele Neugierige, die gespannt waren auf die Voten von Renato Kaiser, Katja Lange-Müller, Laura de Weck, Silke Scheuermann und Thomas Hettche. Als Moderator der Diskussion fungierte Werner Bänziger, der mit seiner Klasse G4D der Kantonsschule Wettingen nach Brugg gekommen war, um den genannten Autoren mit der Frage: «Ist Literatur jung?» auf den Zahn zu fühlen. Thomas Hettche lächelte entwaffnend, als er sagte: «Ich finde die Frage bescheuert. Es gibt das Alter doch gar nicht.» Kaiser doppelte nach: «Die Frage klingt, als ob jemand ein Problem hat mit Literatur.»

Und: Hatten die Fünf nie eines mit ihr? O doch. Für Katja Lange-Müller war der Weg zu ihr ein schwieriger. «Ich bin in der ersten Klasse sitzen geblieben, weil ich einmal die Deutschlehrerin in die Hand gebissen habe.» Silke Scheuermann hat «bei Ausflügen nicht die Natur angeguckt, sondern gelesen.» Kaiser «kann sich nicht erinnern, wann ich mit Literatur bekannt wurde. Halt, da war Tarzan, später Tim genannt. Da hiess es immer: ‹Ist in der Schule gut, ohne jedoch ein Streber zu sein.› Das ging mir auf den Geist.»

Für Laura de Weck war Literatur selbstverständlich. Vollends dann, als der Deutschlehrer ihr erlaubte, Aufsätze in Dialogform zu schreiben. Damals hat sie sich in Theaterstücke, etwa Schillers «Kabale und Liebe», verliebt: «So kam ich über das Buch zum Theater.» Kurz: Der Weg zur Literatur kann ebenso kurz wie lang sein.

Eine Liebesbeziehung ist das nicht

Die Wettinger Kantiklasse hat sich darüber Gedanken gemacht, und zwar sowohl im Hinblick auf die eigene Lesebiografie («Das Lesen und ich ... eine Liebesbeziehung ist das nicht») wie auf den Lesepflichtstoff in der Schule. Die Klasse hat viele Zitate gesammelt und diese als «Oratio cantate» mit verteilten Rollen im Salzhaus zu Gehör gebracht.

Ob von vorne oder hinten, ob von links oder rechts an die Ohren des Publikums dringend – sämtliche Statements kreisten um zweierlei: Ist der Pflichtstoff – Stichwort Literaturkanon – in der Schule notwendig und: Wie komme ich überhaupt noch zum Lesen? Thomas Hettche schüttelte den Kopf. Dass man bloss immer diesen Kanon auftische und Literatur unbedingt interpretieren wolle. «Der Kanon muss nicht Frisch oder Goethe aufweisen», befand Hettche und schob nach: «Diese beiden kann man auch später einmal lesen.» Auch Poetry Slammer Renato Kaiser mag das Wort Kanon nicht. Kaiser kam mit einem, vom Publikum lachend quittierten Vorschlag: «Man sollte im Kanon auch richtige Schundliteratur lesen, um sich abzukühlen.»

Mehr Fragen als Altworten

Fehlt die Zeit, um zu lesen? Nun ja, so der Tenor: Die heutige Medienvielfalt sei natürlich derart gross, dass eben nicht nur die Literatur, respektive das Buch, einlade, um für eine Weile in eine andere Welt abzuheben. Hettche: «Das klingt jetzt so, als ob Literatur eine schwer vermittelbare Immobilie sei. Dabei ist Literatur einfach da und bietet etwas an.»

Aber: Muss – um auf die Frage «Ist Literatur jung?» zurückzukommen – eine andere Art von Vermittlung für junge Menschen geleistet werden? Theaterautorin und Schauspielerin Laura de Weck, nachdenklich: Wenn sie von der Bühne ins Parkett schaue, müsse sie schon sagen, «dass ich ... bitte entschuldigen Sie ... vor allem Menschen mit silbernen Haaren vor mir sehe. Junge Menschen sitzen zwar auch in der Vorstellung, aber das sind Schüler. Also müssen die da hin. Aber wo bleibt die Generation dazwischen?»

Wie ein Pingpong-Spiel verlief die Diskussion, die mehr Fragen aufwarf, als dass sie Antworten gab. In einem waren sich jedoch alle, über sämtliche Unterschiede hinweg, einig: «Das Lesen ist nicht in Gefahr» (Katja Lange-Müller).