ProLinn

Das kleine Linn trumpft ganz gross auf

Prächtige Fotos, kurzweilige Texte – und schon fast vergriffen: Das ist das Magazin «Fokus Linn» (hier das Titelblatt). zvg

Prächtige Fotos, kurzweilige Texte – und schon fast vergriffen: Das ist das Magazin «Fokus Linn» (hier das Titelblatt). zvg

Der Verein spricht in seiner Publikation von Identität und wagt den Blick über den Gartenzaun. ProLinn politisch aktiv mit Wirkung nach aussen und organisiert regionale Veranstaltungen zur Pflege des kulturellen und gesellschaftlichen Austauschs mit anderen Dörfern.

Das kleine Linn hat mit seiner Linde einen bemerkenswerten Baum. Und mit «Fokus Linn» eine bemerkenswerte Publikation. Während Ersterer ein stattliches Alter von mehreren hundert Jahren aufweist, ist Letztere kürzlich erschienen und greift brandaktuelle Themen auf: Identität, direkte Demokratie und Milizsystem, Atommüll und Hightech. Daneben gibts Märchen- und Sagenhaftes sowie Süsses – mit einem Rezept für eine Linner Linzertorte.

Denkmal: Die Linde von Linn in einem Beitrag des Schweizer Fernsehens vom 24. Juni 1966.

Denkmal: Die Linde von Linn in einem Beitrag des Schweizer Fernsehens vom 24. Juni 1966.

«Fokus Linn» ist ein 90 Seiten starkes Werk mit einer Reihe von kurzweiligen, lesenswerten Texten und prächtigen, grossformatigen Fotos. Viele stammen vom preisgekrönten Fotografen Michel Jaussi, der in Linn wohnt und zu den weltbesten seines Fachs zählt. Er zeichnet neben Hans-Martin Niederer, Iris Krebs und Geri Hirt für die Redaktion verantwortlich. Für die Gestaltung konnten zwei kreative Studierende gewonnen werden. Als Herausgeber tritt der im Frühling 2014 gegründete Verein ProLinn in Erscheinung.

Kulturelles Erbe will gepflegt sein

«Fokus Linn» sei primär der missglückten Fusion zu verdanken, antwortet der Vorstand von ProLinn auf die Frage, warum ein Dörfchen mit knapp 150 Einwohnern ein solches Werk überhaupt braucht. Als kleiner Partner in der neu gegründeten Gemeinde Bözberg sollen weder seine Geschichte noch seine Identität in Vergessenheit geraten. Denn mit dem Verlust des Ortschaftsnamens – «ein wichtiger Identifikationsfaktor für die Bevölkerung, zudem oft historisch bedeutsam» – sowie der Änderung der Postadressen verschwinde Linn nach und nach von den Landkarten. Ein schleichender Prozess, dem ProLinn entgegenwirken will.

Anders ausgedrückt: Die kulturelle Vielfalt, das kulturelle Erbe wollen gepflegt sein. «Uns geht es kurz gesagt darum, mit Geschichte und Geschichten rund um Linn, die eigene Identität und die Verbundenheit mit dem über 700-jährigen Dorf und der Linner Linde, der einzigartigen Landschaft und Kultur zu dokumentieren», hält der Vorstand fest. «Dabei soll auch die Sensitivität im verantwortungsvollen, demokratischen Umgang mit Minderheiten gestärkt werden.»

Die Erfahrungen in der Gemeinde Bözberg, fährt der Vorstand fort, «weisen eindeutig darauf hin, dass wir als Minderheit bei der bis heute noch unveränderten politischen Lage und vorherrschenden Politkultur nur sehr geringe Aussichten darauf haben werden, dass unseren Anliegen – selbst wenn diese nur Linnerinnen und Linner betreffen – beachtet und ernstgenommen werden». Um diese Interessen von Linn auch in Zukunft zu wahren, sei der Verein ProLinn gegründet worden. «Uns ist es wichtig, vieles in einen grösseren Zusammenhang und Betrachtungsweise zu stellen, also weg von der kommunalen, hin zur regionalen und zur kantonalen Kontaktpflege. Der grosse Erfolg gibt uns zwischenzeitlich auch recht.» ProLinn, fügt der Vorstand an, sei klar als Ergänzung zum bestehenden Dorfverein zu sehen. Es wird intensiv zusammengearbeitet, der Unterschied liegt in den Aktivitäten. Während sich der Dorfverein eher um das soziale und gesellschaftliche Leben im Dorf kümmert, ist ProLinn politisch aktiv mit Wirkung nach aussen und organisiert regionale Veranstaltungen zur Pflege des kulturellen und gesellschaftlichen Austauschs mit anderen Dörfern. 2015 entstand so eine freundschaftliche Beziehung mit der Bevölkerung aus Habsburg. Den Anlässen und gegenseitigen Besuchen ist im «Fokus Linn» ein Kapitel gewidmet unter dem Titel «Nachbarn mit Sichtverbindung lernen sich kennen».

Die Macher von «Fokus Linn» wollen – auch in Zukunft – den Fokus, wie der Name sagt, auf Linn und seine Umgebung richten, gleichzeitig aber auch über den Gartenhag blicken. «Wir versuchen, unsere Anliegen in einen grösseren, regionalen bis kantonalen Kontext zu stellen.» Dies sei, stellen sie ohne falsche Bescheidenheit fest, gut gelungen, was die vielen überwältigenden, ausschliesslich positiven Reaktionen belegen.

Die Linde ist sympathisch

Überdies sollen die Aargauer Politikerinnen und Politiker mit dieser Publikation sensibilisiert werden. «Ein grosses Anliegen ist es uns, dass der Konflikt rund um die Fusion eine konstruktive Folge hat und die Aargauer Gemeinden, aber auch der Kanton, aus unseren gemachten Erfahrungen lernen können.»

Finanziert wird «Fokus Linn», das mit einer Auflage von 1500 Exemplaren erschienen und bereits fast vergriffen ist, durch Sponsoren, einzelne Inserate und Spenden, führt der Verein ProLinn aus, ohne detaillierte Zahlen zu nennen. Unterstützt werden die Herausgeber von aktiven und ehemaligen Politikern des Kantons. Ausserdem tragen viele Leserinnen und Leser mit einem freiwilligen Beitrag die Kosten mit. Apropos: Empfänger der sporadisch erscheinenden Publikation sind neben den Haushaltungen von Linn auch auswärtige Vereinsmitglieder sowie eine grössere Anzahl von Personen des öffentlichen Lebens, aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Aargau.

Es gebe einen eigentlichen Linn-Fanclub. «Linn und die Linner Linde verfügen über sehr hohe Sympathiewerte», freut sich der Vorstand. «Wir dürfen heute zahlreiche namhafte Politikerinnen und Politiker auf kommunaler, kantonaler und Bundesebene zu den Mitgliedern des Vereins ProLinn zählen. All dies hätten wir nicht so und insbesondere nicht in diesem Ausmass erwartet. Für diese Bestätigung unserer Arbeit und die grossartige Unterstützung sind wir sehr dankbar.»

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