Bözberg-Serie

Das kleine Linn erweitert den Horizont

Linn Carmen Stahel

Linn Carmen Stahel

Der bekannteste Ortsteil der jüngsten Gemeinde des Kantons bietet mehr als eine Linde am Dorfeingang. In Linn dominiert die Natur und der Weitblick ins Aaretal und ins Fricktal.

Die Strasse ist weiss, der Nebel dicht. Ein beklemmendes Gefühl begleitet die Redaktorin, als ob sie mutterseelenalleine die Anderswelt erkunden würde. Dabei ist das Ziel klar: Linn. Wie aus dem Nichts taucht er dann plötzlich auf: dieser symbolträchtige Baum – die Linner Linde, die das Gemeindewappen und -logo der neuen Fusionsgemeinde Bözberg prägt. Neben dem Parkplatz wartet eine fröhliche Schülerschar aufs Postauto, das sie zum Schulhaus im Ortsteil Oberbözberg bringt.

Linn ist sicherlich der bekannteste Ortsteil der jüngsten Gemeinde im Kanton Aargau. Unzählige Schulreisen und Heimattage führen jedes Jahr zur Linner Linde. Schmucke Bauernhäuser säumen die Strasse. «Das Ortsbild ist von nationaler Bedeutung», sagt Carmen Stahel später auf der Gemeindekanzlei. In Unterbözberg aufgewachsen, lebt sie seit bald neun Jahren mit ihrer Familie in Linn. Vor der Fusion war sie Gemeindeammann und heute ist sie Vizeammann der neuen Gemeinde Bözberg.

In Linn dominiert die Natur. Stahel schätzt den Weitblick, den man von der Linner Linde aus ins Aaretal und vom Zeihergutsch ins Fricktal hat. Auch den Blick von ihrem Garten auf den Frickerberg möchte sie nicht mehr missen. Das Sagemühlitäli Richtung Station Effingen ist ein beliebtes Naturschutzgebiet und führt Ausflügler durch eine zauberhafte Landschaft mit Wasserfall und Steinbruch. Eine Wanderroute über den Linnerberg bringt einen auf Schusters Rappen in knapp zwei Stunden auf die Staffelegg.

FC Brugg trainiert in Linn

«Im Ortsteil haben wir ein Schulhaus und eine Turnhalle», sagt Stahel zur Infrastruktur. Seit der Schulschliessung im Sommer 2009 wird die Turnhalle auch von auswärtigen Vereinen rege benutzt. Aktuell trainiert der FC Brugg zweimal pro Woche in Linn. Im Schulhaus hat die Geschäftsstelle des Juraparks Aargau ihren Sitz. «Auch der Untergrund wird rege genutzt», sagt Stahel und schmunzelt. Sowohl der Bözberg-Autobahn- wie der -Eisenbahntunnel führen unter dem ehemaligen Gemeindegebiet durch. «Der höchste Punkt der Gemeinde Bözberg ist mit 757 Metern über Meer der Zeihergutsch», so Stahel.

Die Einwohnerzahl in Linn hat sich in den letzten 100 Jahren kaum verändert – im Gegensatz zur Anzahl Haushalte. Im Jahr 1900 lebten 130 Personen in 28 Haushalten, 2011 waren es 136 Einwohner verteilt auf 60 Haushalte. Die ruhige Lage und das wunderbare Naherholungsgebiet lockte viele Neuzuzüger und Individualisten nach Linn. Von 254 Hektaren Fläche sind 12 Hektaren überbaut und 114 Hektaren mit Wald bedeckt. Der Ortsteil verfügt mittlerweile über keine Baulandreserven mehr. Seit mehreren Jahren gibt es kein Restaurant und keinen Laden mehr. Besucher müssen ihren Durst am Dorfbrunnen stillen.

Fusion als logischer Schritt

«Die Linner sind sehr stolz auf ihr Dorf und die Linner Linde», sagt Stahel. Da in Linn wenige Ausländer wohnen, sind die meisten Einwohner stimmberechtigt. Die Teilnahme an den Gemeindeversammlungen war stets überdurchschnittlich hoch. «Weil man nach der Versammlung immer gemütlich zusammensass, waren diese nicht zuletzt auch ein Ort der Begegnung», so Stahel. An der letzten Gmeind nahm fast die Hälfte aller Stimmberechtigten teil. Dieses Engagement wünscht sich Stahel auch künftig von den Linnern. Besonders beeindruckt ist sie vom ältesten Ortsbürger Heini Kohler. Der 87-Jährige lässt keine Gemeindeversammlung aus und beteiligt sich immer rege an den Diskussionen – nie verbissen, aber immer engagiert.

«Die Fusion war ein logischer Schritt. Viele Aufgaben und Problemstellungen können so kleine Gemeinden gar nicht mehr alleine bewältigen», fasst Stahel die neue Situation zusammen. Vieles auf der Verwaltung müsse heute schnell erledigt werden. «Als Vizeammann der Fusionsgemeinde muss ich in grösseren und umfassenderen Dimensionen denken», so Stahel zu den neuen Herausforderungen.

In Linn wurde vor der Fusion ein Dorfverein gegründet; dieser will beliebte Gemeinschaftsanlässe wie der Neujahrseinklang mit Erbsensuppe, ein Dorfvereinsfest und die «Christbaumverteilete» pflegen.

Von der Geburt bis zum Tod

In Sachen Tourismus wird Linn sicher auch künftig als Magnet der Gemeinde Bözberg wirken. «Die Linner Linde begleitet die Menschen von der Geburt bis zum Tod», erzählt Stahel. Es gibt immer wieder Taufen, Hochzeiten oder Abschiedszeremonien, die unter der Obhut der bekanntesten Linde in der Schweiz stattfinden. Die Bevölkerung ist tolerant, wenn es um Trommelanlässe oder andere Rituale geht. Doch auch hier gibt es Grenzen: Vor wenigen Jahren erfuhr der Gemeinderat gerade noch rechtzeitig von einer Beisetzung unter der Linde. Leute aus dem Baselbiet hatten ihre Grossmutter in einer Urne vergraben. Bevor das Loch zugeschüttet wurde, konnte der damalige Vizeammann noch eingreifen.

In der Zwischenzeit haben sich die Nebelschwaden aufgelöst. Der Neuschnee glitzert und die Morgensonne lässt den berühmtesten Ortsteil von seiner besten Seite erstrahlen.

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