Der leichte Geruch nach Holz, Leim und Farbe liegt in der Luft im Neubau des Weinbaubetriebs Hartmann in Remigen. Die Fensterbauer kümmern sich um die letzten Anpassungen, der Computer-Spezialist richtet den Büroarbeitsplatz im Empfangsbereich ein. Noch sind die Gestelle leer, am Schreibtisch aber erledigt Ruth Hartmann (53) schon die ersten Arbeiten. Trotz unzähligen Details, die geregelt sein wollen: Von der Hektik rundherum lässt sich ihr Mann Bruno (56) nicht anstecken. Über eine Stunde nimmt er sich Zeit für ein Gespräch an diesem Morgen, geht am langen Holztisch im ersten Stock bei einem Kaffee auf das 30-Jahr-Jubiläum des Betriebs sowie auf die anstehende Einweihung des Neubaus ein – bereitwillig und überlegt, bodenständig und sympathisch. Der Weinbau ist für ihn Herausforderung und Leidenschaft gleichermassen.

Bruno Hartmann, was verpasst der Weintrinker, wenn er noch nie einen Wein aus dem Weinbaubetrieb Hartmann in Remigen probiert hat?

Bruno Hartmann: Die Weinkultur und das Weintrinken sind emotionale, gesellschaftliche Momente. Im richtigen Umfeld mit dem richtigen Gegenüber ist der Genuss ein Erlebnis. Jeder Mensch hat aber ein anderes Geschmacksempfinden und Aufnahmevermögen.

Woran ist der Wein der Familie Hartmann zu erkennen?

Jedes Weingut hat seine Ausstrahlung und seinen Charakter. Wir produzieren fruchtige, kräftige, gehaltvolle und sortentypische Weine. Grossen Wert legen wir auf Qualität, Originalität und Nachhaltigkeit – von der naturnahen Produktion, über die Verwertung bis zur Vermarktung. Passiert uns ein Fehler im Rebberg oder arbeiten wir gegen die Natur, macht sich dies am Schluss beim Ergebnis bemerkbar.

Neben dem Inhalt muss auch der optische Auftritt stimmen.

Wir haben Etiketten, die zu unserer Betriebs-Philosophie passen, die eine Einheit bilden. Teilweise ist das Dorf Remigen abgebildet – eingebettet in der Landschaft zwischen Wald, Feldern Wiesen und Reben. So erkennt der Konsument den Ursprung des Produkts. Jeder Jahrgang ist allerdings anders.

Wie war 2014?

Das Rebjahr war nicht schlecht, aber schwierig. Im Frühling beim Austrieb der Reben war es trocken, von Juli bis Mitte August hatten wir viel Regen, was zu einem kräftigen Wachstum führte. Die Trauben waren so gross wie selten zuvor. Dann folgte eine Schönwetterperiode und damit eine wunderbare Ausreife der Beeren. Allerdings fand auch die Essigfliege gute Bedingungen vor und konnte sich rasch vermehren. Das stellte uns vor Herausforderungen bei der Ernte, denn die betroffenen Beeren mussten einzeln aussortiert werden. Aber die gesunden Trauben hatten einen hohen Reifegrad. Unter dem Strich hatten wir also etwas mehr Arbeit und etwa 15 Prozent weniger Ertrag. Der Jahrgang ist schön fruchtig und aromatisch und hat eine wunderbare Farbe.

Was bedeutet Ihnen das 30-JahrJubiläum des Betriebs?

Wir freuen uns, dass wir gesund bleiben konnten und heute mit zeitgerechten Weinen am Markt vertreten sind. Das Jubiläum ist auch eine Genugtuung für uns alle. Am Anfang stand der elterliche, konventionelle Landwirtschaftsbetrieb mit Ackerbau, Milchwirtschaft und rund 50 Aren Reben. In dieser Grösse bestand keine Überlebenschance. An der landwirtschaftlichen Schule bekam ich Freude an der Sparte Rebbau und fasste den Entschluss, den Betrieb zusammen mit meiner Frau Ruth an dieser bevorzugten Reblage aufzubauen. Wir setzten ganz auf den Rebbau und beschlossen, den Wein auch selber zu keltern und zu vermarkten. Dadurch komme ich in direkten Kontakt zu den Konsumenten. Das bereitet mir Freude.

Entstanden ist ein professionelles Weingut, einer der grösseren privaten Winzerbetriebe im Aargau mit rund 13 Hektaren Reben, die an
Jura-Südhängen gedeihen. Es war also der richtige Entscheid?

Wir können ein hochstehendes Produkt aus der Region anbieten. Die Rückmeldungen erfüllen uns mit Befriedigung und mit einem gewissen Stolz. Ich bin natürlich aber nicht der Einzige im Aargau. Die Schule und die Meisterprüfung absolvierte ich zusammen mit vielen Mitbewerbern. In unserem Kanton fand in den letzten 20 Jahren ein Quantensprung statt. Heute herrscht ein gesundes Wetteifern zwischen den exzellent ausgebildeten Leuten auf den Weingütern. Auch die Sortenvielfalt ist grösser geworden, denn seit den Neunzigerjahren dürfen im Aargau sämtliche Rebsorten angebaut werden. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Winzers, was er aus dieser Freiheit macht. Ein Weinbauer muss nicht nur Winzer, sondern auch Marketingexperte sein.

Das Weingut Hartmann legt nicht Wert darauf, beim Grossverteiler im Regal zu stehen?

Es ist wichtig, den Wein am richtigen Ort zu haben. Wir arbeiten mit Weinfachgeschäften und Gastronomiebetrieben zusammen, die unseren Wein mit Freude ihrer Kundschaft zeigen. Wir bürgen für unsere Region und für ein nachhaltiges Produkt. Auf diese Weise stossen immer neue Weinliebhaber dazu, die uns kennen lernen wollen.

Welches ist bei Ihren Weinen das Erfolgsgeheimnis?

Wir müssen nicht nur authentisch sein, sondern auch eine breite Schicht von Weintrinkern ansprechen. Wir kennen alle unsere Kunden, spielen ihnen nicht etwas vor. Wir haben die Menschen gern – das ist wohl zu spüren und darum können wir verkaufen. Allen Weintrinkern können wir allerdings nicht gerecht werden. Sie werden beeinflusst von anderen Weinsorten und das Trinkverhalten verändert sich. Wir können uns den Entwicklungen anpassen, weil wir über das Wissen und die Technik dafür verfügen.

Der Geschmack hat sich verändert?

Weine, wie sie vor 30 Jahren gekeltert wurden, würden heute wohl keine Mehrheit mehr finden. Wir müssen ein feines Gespür für die Wünsche der Weintrinker haben, müssen gut zuhören können und ein offenes Ohr für Ideen haben. Der Weinliebhaber will immer mehr wissen über den Inhalt und die Produktion, will auch den Rebstock und den Winzer sehen – keinen vergrämten Weinbauer, der sich im Keller versteckt. Diesem Umstand wollen wir Rechnung tragen.

Ihrem Neubau kommt dabei eine zentrale Rolle zu?

Die Erweiterung ist eine Bereicherung für die Weinbauregion Geissberg. Wir können die Weinkultur weiter pflegen, die Abläufe optimieren, stärker und besser kommunizieren sowie im grösseren Rahmen Kurse und Seminare oder Degustationen in behaglicher Atmosphäre – und auf Wunsch mit entsprechenden Häppchen – durchführen, ohne dass wir zur Konkurrenz für die Gastrobetriebe werden. Durch den grosszügigen Laden besteht die Möglichkeit, das Verkaufserlebnis zu fördern.

Hand aufs Herz: In welchen Bereichen passierten Fehler?

In der Geschichte unseres Betriebs gab es verschiedene Etappen. Da wir immer versuchten, mit Weitsicht vorzugehen, können auf einen positiven Aufbau zurückblicken. Negative Momente gab es kaum. Auch sind wir in unserem Gebiet in der glücklichen Lage, dass wir seit 27 Jahren keine Schäden mehr an den Reben zu verzeichnen hatten, sei es durch Frost oder Hagel. Das ist nicht selbstverständlich und hat uns geholfen, das wir uns in dieser Form entwickeln konnten. Vor zwei Jahren haben wir dem Betrieb die Rechtsform einer Familien-Aktiengesellschaft geben.

Die 17 Rot- und Weissweine sowie Spezialitäten werden immer wieder prämiert. Welche Bedeutung haben diese Auszeichnungen?

Mit den Wettbewerben können wir uns mit unseren Mitbewerbern aus dem In- und Ausland messen. Wir sehen, wo wir stehen. Der wichtigste Indikator für uns bleibt aber der Konsument, der uns über Jahre oder sogar Jahrzehnte treu bleibt.

Der Betrieb achtet nicht nur auf naturgerechte Anbau- und kontrollierte Kelterungsmethoden, sondern will innovativ und kreativ bleiben, setzt beispielsweise auf Sonnenenergie.

Wir wollen Trauben verarbeiten mit wenig Energie. Und diese Energie soll erneuerbar sein. Deshalb kommen bei uns Sonnenkollektoren und eine Holzschnitzelheizung zum Einsatz. Auch in der Verarbeitung legen wir Wert auf einen guten Ausweis mit einer möglichst kleinen Umweltbelastung.

Welche Rolle spielen der Römer Wy und die Vindonissa-Weine?

Wir haben Achtung vor der Vergangenheit und dem geschichtlichen Erbe. Es waren die Römer, die ihre Kultur in unsere Region brachten. Reb- und Weinbau blieben über die Jahrhunderte erhalten. Durch die vier schweizweit einzigartigen Römerrebberge entstand eine Zusammenarbeit in der Region Vindonissa, mit dem Legionärspfad, dem Vindonissa Museum und den beteiligten Vindonissa-Winzern. Die Weinkultur ist auch für den touristischen Bereich wichtig.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Schweizer Kochnationalmannschaft?

Wie beliefern viele Speiserestaurants und kamen dadurch in Kontakt zur Aargauer Kochgilde. Aus diesem regionalen Team von Berufsköchen ging schliesslich die Kochnationalmannschaft hervor, die sich dann für zwei unserer Weine entschied. Das ist ein Vertrauensbeweis.

Welchen Wein trinken Ruth und Bruno Hartmann nach Feierabend zu zweit zu einem gemütlichen Nachtessen?

In der Regel ist es ein Rotwein, weil dieser facettenreich ist. Und meistens ist es ein Wein eines anderen Anbieters. Das ist spannend, denn jeder Betrieb hat eine ganz eigene Philosophie.