Der Familiensegen hängt seit einiger Zeit gehörig schief bei Mbaye (Name geändert). Vor ein paar Jahren hat der Senegalese eine Schweizerin aus der Region geheiratet. Er sei nicht total verrückt gewesen nach ihr, aber sie hätten sich gut verstanden. Hierher gekommen sei er, weil er auf eine neue Chance gehofft habe. In seinem Heimatland habe er keine Arbeit gehabt, erzählte Mbaye vor dem Bezirksgericht Brugg.

Zur Last gelegt wurde ihm eine ganze Reihe von strafbaren Handlungen: mehrfache Vergewaltigung, mehrfache einfache Körperverletzung sowie mehrfache Drohungen, Tätlichkeiten, Beschimpfung und mehrfacher Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen, dazu Verletzung der Verkehrsregeln, pflichtwidriges Verhalten bei Unfall sowie Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrfähigkeit.

Der gross gewachsene 39-Jährige erschien sportlich-elegant gekleidet vor dem Gesamtgericht. Er wirkte ruhig und gefasst, gab bereitwillig – auf Französisch – Auskunft, wählte seine Worte mit Bedacht. Seine Frau war als Klägerin vor ihm während fast zweier Stunden befragt worden unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Gegen eine Wand gesprochen

Kurz nach der Heirat, sagte Mbaye in seiner Befragung durch Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven, habe ihn seine Frau über ihre Schwangerschaft informiert. Sie brachte einen Sohn zur Welt. Inzwischen gehört auch ein Töchterchen zur Familie. Am Anfang hätten sie gemeinsam geplant, führte Mbaye aus. Dann aber habe sich seine Frau verändert, habe alle Entscheidungen alleine gefällt, es habe immer nach ihrem Kopf gehen müssen. Zuerst habe er gedacht, es handle sich um eine vorübergehende schwierige Phase. Erst später habe er die Probleme erkannt und erfahren, dass seine Frau unter den Folgen eines schweren Autounfalls litt, psychische Probleme hat und regelmässig in Behandlung ist. Er habe versucht, ihr zu helfen, sei dazu aber nicht in der Lage gewesen. Seine Vorschläge seien nicht angekommen bei ihr, er habe wie gegen eine Wand gesprochen.

Es seien grösstenteils die Kinder, die ihn hier halten. Wie häufig er diese sehen dürfe, hänge allerdings von der Launen seiner Frau ab, hielt Mbaye fest. Das tue weh, aber er füge sich diesem Spiel. Würde er, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, eine Freiheitsstrafe absitzen müssen und für sieben Jahre des Landes verwiesen, würde er wohl nicht mehr zurückkehren. Das wäre, liess er durch die Dolmetscherin ausrichten, wie wenn er von seinem Zuhause weggejagt würde, was ihn in seiner Ehre verletzen würde.

Laut Anklageschrift soll der Beschuldigte mehrmals den Beischlaf vollzogen haben mit seiner Frau, obschon sie protestiert, ihm ausdrücklich klargemacht habe, dass sie damit nicht einverstanden sei und versucht habe, ihn mit den Händen wegzustossen. Dass er jeweils die Initiative ergriffen, seine Frau mit netten Worten zum Geschlechtsverkehr bewegen wollte, bestritt Mbaye nicht. Er habe versucht, sich einzuschmeicheln. Dass sie aber Nein gesagt, ihn sogar weggestossen habe, stimme nicht. «Das ist so nicht geschehen.»

Bei einem Streit, heisst es in der Anklageschrift weiter, soll Mbaye das Handgelenk seiner Frau gepackt und es verdreht haben, sodass sie während mehreren Wochen eine Schiene am Arm tragen musste. Ein anderes Mal habe er seine Frau zu Boden gedrückt und ihr einen Schlag verpasst, sodass sie einen Bluterguss am Auge erlitt. Überdies habe Mbaye seiner Frau mehrfach an verschiedenen Orten gedroht, dass er ihr die Kinder wegnehmen werde.

Mit dem Geschäftsauto verunfallt

Der Beschuldigte betonte vor Gericht mehrmals, dass er seiner Frau nichts angetan habe. Erklären konnte er sich die Anschuldigungen seiner Frau nur damit, dass sie in früheren Beziehungen von Afrikanern über den Tisch gezogen wurde. Sie wolle sich nun an ihm rächen. Dass er sich im Sommer 2017 nach einem Unfall mit dem Geschäftsauto – Mbaye hat eine Anstellung gefunden bei einem Betrieb in der Region als Hilfselektriker – nicht umgehend bei der Polizei gemeldet hat, sich also einer Blut- und Alkoholatemkontrolle entzog, begründete Mbaye damit, dass er in diesem Moment nur an den Arbeitgeber gedacht habe.

Für den Staatsanwalt gab es keinen Grund, an den Aussagen der Frau zu zweifeln. «Die Schilderungen erscheinen als glaubhaft.» Alleine die Tatsache, dass die Frau einmal ins Frauenhaus gezogen war, zeige, dass etwas Massives vorgefallen sein müsse. Der Beschuldigte trete zwar höflich und kooperativ auf, habe aber zwei Gesichter. Auch der Anwalt der Frau hob hervor, dass sie ihre einschneidenden Erlebnisse widerspruchslos und überzeugend dargelegt habe. Sie hätte keinen Grund, sich solche Geschichten auszudenken. Vom Beschuldigten sei weder Einsicht noch Reue zu spüren.

Es stand Aussage gegen Aussage

Dass die Ehe nicht einfach war, stellte der Verteidiger des Beschuldigten in seinem rund einstündigen Plädoyer nicht in Abrede. Die Aussagen der Frau aber müssten kritisch hinterfragt werden. Beweise und Indizien für ein strafbares Verhalten lägen keine vor, die Anklage stehe bei fast allen Punkten auf wackligen Füssen.

Mittlerweile liegt das schriftliche Urteil vor. Von Schuld und Strafe freigesprochen wird der Beschuldigte in den Punkten: mehrfache Vergewaltigung, Beschimpfung, mehrfache Drohungen sowie – in einem Fall – der einfachen Körperverletzung. Somit kommt es auch nicht zu einer Landesverweisung. Beim Vorwurf der Vergewaltigungen ist eine Mehrheit des Gerichts der Ansicht, dass die Aussagen der Privatklägerin nicht einheitlich waren. Es sei nicht eindeutig klar, ob sie zuerst in den Beischlaf eingewilligt und ihre Meinung erst später geändert hat oder ob der Beschuldigte verstanden hat, dass sie keinen Geschlechtsverkehr wollte.

Eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 50 Franken sowie eine Busse von 800 Franken erhält der Beschuldigte dagegen für den einen Fall von einfacher Körperverletzung sowie wegen Tätlichkeiten, Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen, Verletzung der Verkehrsregeln, Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrfähigkeit und pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall.