Brugg

Das Hofstattfestival: Klein, fein und immer gut für Überraschungen

Zwar kamen am Samstagabend etwas weniger Leute als erwartet, trotzdem war das Hofstattfestival für das Publikum und die auftretenden Bands ein absolutes Highlight. Für Müslüm gab es auf der Bühne einen Adrenalinschub.

Posaunenklänge schallen durch die Brugger Hofstatt und das Baritonsaxofon röhrt. Während die Kummerbuben beim Soundcheck ihr riesiges Instrumentenarsenal testen, schleicht ein schlaksiger junger Mann mit grauem Käppi und hellgrünem Tanktop müde und abgekämpft ins Salzhaus. Das Kräfte zerrende Arbeitspensum von Semih Yavsaner hinterlässt Spuren und er seufzt: «Ich bin fix und fertig.» Dann hellt sich sein Blick auf: «Wartet, bis ich auftrete. Dann krieg ich wieder einen Adrenalinschub! Und bis dahin lasse ich es einfach «La Bambele».

Müslüm blüht auf

Genau! Semih ist «Müslüm», Erfinder des Immigrantenpops und ohne seine Markenzeichen – schriller Anzug, dicke Perücke, riesiger Schnauz und zusammengewachsene Augenbrauen – kaum zu erkennen. Sein erster Eindruck vom Konzertort: «Sehr charmant und intim». Dass er vorher noch vor Tausenden von Zuschauern in Arbon aufgetreten ist und jetzt vor lediglich 400 Leuten performt, macht für ihn keinen Unterschied. «Wenn ich meine Musik mit anderen teilen kann, blühe ich auf», verkündet er.

Hanspeter Stamm, OK-Präsident des Hofstattfestivals, schwärmt vom Freitagsprogramm: «Cristallin, Juan Rozoff und Dabu Fantastic brachten alle zum Tanzen.»

Sänger hüpft in Hofstatt-Brunnen

Dass rund 250 Leute kamen, entspricht seinen Erwartungen. «Unser Festival ist klein aber fein», sagt er. Und anscheinend immer wieder für eine Überraschung gut. Tobias Carshey, der das hochkarätige Line-up vom Samstag eröffnet, springt bei seinem letzten Song in den Hofstatt-Brunnen, um dann tropfnass und nur mit akustischer Gitarre seinen Hit «Cry» zu spielen. Kummerbuben-Sänger Simon Jäggi betätigt sich als Feuerschlucker, traktiert ein Kinderxylophon mit einem Schlagzeugschlegel und haut ordentlich auf die Pauke, wenn er nicht gerade mit Grabesstimme Lieder von falschen Freunden, alten Schlachthäusern, Königspudeln und Aussenseitern singt.

Die Kummerbuben bezeichnen ihren Sound als Rumpelrock und Draufgängerpolka. Die teilweise bitterbösen oder tieftraurigen Texte zu fetzigen Bläsersätzen schreibt Jäggi selber. «Dicki Meitschi» ist eine Ode an die Aussenseiter. «Jeder sollte stolz sein auf das, was ihn anders macht. Denn genau damit hebt er sich von der Masse ab», meint der Blondschopf hinter der Bühne und schwärmt wie alle Musiker vom schönen Ambiente in der Hofstatt.

Salzhaus wird magische Kulisse

Gerade zu magisch wird die Kulisse, als «King of Trash» Andi Hofmann und Maria Bänziger das Salzhaus mit analogen Aufnahmen aus der Natur illuminieren. Das Publikum ist bunt gemischt und stammt aus allen Ecken der Deutschschweiz. Bea Weber aus Brugg zeigt sich begeistert: «Ein wunderschöner Anlass – und einfach typisch Brugg! Wir sind alles andere als eine Schlafstadt.»

Der Zuschauer-Aufmarsch am Abend ist zwar kleiner als erwartet, aber alle sind gut drauf. Müslüm startet sein Set mit «Ainmal» und bittet: «Das kultivierte Publikum soll doch das iPhone abstellen und den Moment geniessen.» Und dann bringt er mit «Süpervitamin», «Apochalüpt», «Ego» und «La Bambele» die Stimmung auf den Siedepunkt. Beim virtuos gespielten Balkan-Pop-Rock mit orientalischen Einflüssen kann sich niemand mehr ruhig halten und der Entertainer gibt alles. Keine Spur mehr von der anfänglichen Erschöpfung. The show goes on.

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