Hobbys gibt es in allen Varianten: Einige basteln etwa gerne Modellflugzeuge, andere wiederum machen Sport, sammeln Briefmarken oder geben sich ihrer künstlerischen Ader hin. Pascale Gautschi aus Brugg fällt am ehesten in die letzte Kategorie, wobei ihr Hobby nicht gerade als eines der üblichsten gilt: Sie stellt gerne Moulagen her, also Modelle von verletzten oder verstümmelten Körperteilen, die zum Beispiel für realistische Rettungsübungen gebraucht werden. Damit angefangen hat sie Mitte der 90er-Jahre, als sie noch im Samariterverein und in der Feuerwehr mitwirkte. Dort waren oft solche Nachahmungen etwa von Verbrennungen, offenen Wunden oder abgehackten Händen oder Fingern gefragt.

In ihrem Arbeitszimmer bei ihr zu Hause zeigt Pascale Gautschi Beispiele von Objekten, die von ihr gestaltet wurden. «Sehen Sie, das ist meine Hand», sagt sie und legt eine abgehackte, aus Silikon geformte Hand neben ihre eigene. Es sei das erste Objekt aus Silikon, das sie gestaltet habe, deshalb sehe es noch nicht so professionell aus, meint sie. In der Tat aber sieht das Handmodell aus Silikon erschreckend ähnlich wie ihre eigene Hand aus. Die Fingernägel, die Hautdetails, die Farbe samt den vereinzelten Flecken und sogar der Ehering: Pascale Gautschi hat eine Kopie ihrer eigenen Hand hergestellt und den entsprechenden Armstumpf gleich noch dazu kreiert.

«Mir ist es wichtig, dass meine Moulagen möglichst echt aussehen», sagt sie. In einem Fotoalbum zeigt sie Bilder von Übungen, die mit aus ihrer Sicht schlechten, unrealistischen Moulagen oder Schminke durchgeführt wurden. «Das regt mich auf.» Geht es ihr dabei nur um die Freude am Gestalterischen, oder macht es für Rettungsübungen tatsächlich einen Unterschied, wenn Verletzungen realistisch dargestellt werden oder nicht? «Wenn etwas nur angedeutet ist und du dir die Situation zuerst vorstellen musst, gehst du oft nicht richtig darauf ein», sagt sie, die jahrelang an solchen Rettungsübungen teilnahm. Eine echt aussehende Verletzung helfe demnach durchaus: Dann nähme man die Übung eher ernst.

Heute wird Pascale Gautschi immer wieder für ihre realistischen Moulagen angefragt, darunter auch von der Baselbieter Organisation für taktische Notfallmedizin «TEMC», das für «Tactical Emergency Medical Concept» steht. Auch an deren Übungen nimmt sie üblicherweise teil. Armeeangehörige, Behördenmitglieder oder Sicherheitskräften lernen dort, wie man korrekt reagiert und lebensrettende Massnahmen einleitet bei widrigen, sogenannten «taktischen» Umständen wie etwa bei einem Gefecht, Amoklauf, Terroranschlag oder einer Geiselnahme.

Nur Schminken reicht nicht

Für eine solche Simulation hat Pascale Gautschi zuletzt etwa Handaufsätze aus Silikon mit täuschend echten Schusswunden kreiert, teilweise auch noch mit einer festsitzenden Schusspatrone. Die verschiedenen Verletzungen könnten zwar auch gut mit Wachs, Farben und anderen Materialien direkt auf die Haut der Übungsteilnehmenden geschminkt werden. Die Zeit zwischen zwei Übungsszenarien seien aber oft zu kurz dafür. Zudem würde beim Einsatz von Wasser, etwa bei einer Feuerwehrübung, alles sofort ausgewaschen.
Für ihre möglichst realitätsnahe Moulagen experimentiert Pascale Gautschi denn auch mit vielen Materialien, informiert sich, wo sie kann, schaut sich unzählige Videos im Internet an und versucht herauszufinden, wie sie beim Gestalten der Verletzungen am besten vorgeht. Bis auf einen Kurs bei einer Maskenbildnerin in Dresden letzten Monat hat sich Pascale Gautschi alles selber beigebracht. Als gelernte Orthopädistin habe sie dabei auf Erfahrung mit Silikon und der Herstellung von Prothesen zählen können.

Immer mehr Anfragen

Ihre Moulagen sind jedenfalls immer gefragter: Ende Mai steht die nächste «TEMC»-Übung an, für den Herbst hat sie bereits eine Anfrage von der Brugger Feuerwehr erhalten und künftig könnte sogar ein Auftrag für die Kantonspolizei ein Thema werden. Andere Moulage-Gestalter und Wiederverkäufer aus Deutschland und der Romandie seien ebenfalls bereits mit ihr in Kontakt getreten. Pascale Gautschi fände es jedenfalls «der Hammer», wenn sie andere Moulage-Begeisterte kennenlernen würde. «Leider kenne ich niemanden, mit dem ich das Hobby teilen kann», sagt sie. Dann könnte sie zum Beispiel auch Gesichtsmasken gestalten. «Dafür braucht es zwei bis drei Leute, denn das Abformen mit dem Silikon muss schnell gehen.»

Im Brugger Samariterverein gründete die heute 47-Jährige vor vielen Jahren eine Moulagegruppe, fand aber nur wenig Interessenten dafür. Auch ihr Lebenspartner, den sie dort kennen gelernt hat, lässt sich bis heute nicht von ihrem Hobby und dem langsam anwachsenden «Gruselkabinett» bei ihnen zu Hause begeistern, nimmt es aber mit Humor. Sympathisch und aufgestellt gibt sich auch Pascale Gautschi: Die Freude am Gestalten sieht man ihr unweigerlich an, vor allem wenn ihr etwas sehr gut gelingt. Auf die Hand etwa, die sie im Kurs in Dresden gestaltet hat, ist sie besonders stolz. Man erkennt dort unter anderem die leicht violetten Adern und sogar ein paar kurze – natürlich echte – Härchen. Objekte herzustellen für Horrorfilme oder für Theaterproduktionen würde sie durchaus reizen, wie sie sagt. Dafür müsste sie aber noch viel dazu lernen.

Realistisch, aber eben nicht echt

Das Moulagieren macht ihr auf jeden Fall Spass und überhaupt die Teilnahme an Rettungsübungen. Sind ihr die Darstellungen von verstümmelten Körperteilen denn nie unheimlich oder gar makaber? Pascale Gautschi vermag die Frage mit einem fundierten «Nein» zu beantworten, denn sie spricht aus Erfahrung: Moulagen seien zwar realistisch, aber im Vergleich zu echten Verletzungen relativ «schön» anzusehen. «Ich habe echte Verstümmelungen gesehen. Die sind wirklich schlimm», sagt sie. Nach 18 Jahren als Orthopädistin und Rehatechnikerin machte sie ihr Hobby Feuerwehr zum Beruf und arbeitete fünf Jahre lang als Lokführerin auf dem Lösch- und Rettungszug der SBB. Und was sie dort gesehen hat, sei ihr sehr nahe gegangen. «Einer der Personenunfälle wurde mir dann zu viel.»

Dies sei einer der Gründe gewesen, warum sie die SBB verlassen habe. Sie liess sich danach zur medizinischen Masseurin ausbilden und führt heute die Praxis «Salubria» in Turgi. Ihre Abenteuerlust lebt sie nebenbei aus, etwa beim «Geocachen» – eine Art moderne Schatzsuche mit GPS-Gerät –, Wandern oder Klettern. Ja: Pascale Gautschi hat auch normale Hobbys.