Rüfenach

«Das hat mir einige Diskussionen eingebracht»: Winzer wirkte zuerst in der Waschküche

Für den 51-jährigen Hoss Hauksson ist die biodynamische Bewirtschaftung seiner Reben – wie hier in der Geissberg – eine Herzensangelegenheit.

Für den 51-jährigen Hoss Hauksson ist die biodynamische Bewirtschaftung seiner Reben – wie hier in der Geissberg – eine Herzensangelegenheit.

Bei Hoss Hauksson treffen isländische Mentalität, heimischer Wein und Tessiner Sonnenschein in einer Kellerei in Rüfenach aufeinander. Die besondere Spezialität von Hauksson sind seine Orange-Weine.

Beim Eintritt in die Kellerei von Hoss Hauksson in Rüfenach empfängt einen der Duft nach Holzfässern und Wein. Zurzeit herrscht im oberen Stockwerk Hochbetrieb, die gegorenen Trauben werden gerade in der Kelter gepresst, das Auffangbecken ist gefüllt mit dem Jungwein. Hier entsteht der neue Jahrgang der Hauksson Weine, dem Start-up-Betrieb des Isländers Hoss Hauksson.

Erst seit 2017 ist Hauksson hauptberuflich Winzer. Zuvor war er 20 Jahre lang in der Finanzbranche tätig. Nach einem Mathematik-Studium in Kalifornien arbeitete er in London und Zürich, dort lernte er seine Frau kennen. 2008 zog es ihn endgültig in die Schweiz, nach Hünenberg im Kanton Zug. Hier experimentierte er bereits einige Jahre vor dem beruflichen Wechsel zum Winzer in der eigenen Waschküche. So bestellte er 2013 eine Tonne Trauben nach Hause, um erstmals selber Wein herzustellen. «Das hat mir dann doch einige Diskussionen mit meiner Frau eingebracht», meint er schmunzelnd.

Mittlerweile hat sich Hoss Hauksson jedoch einiges aufgebaut. Mit sechs Hektaren Weinreben in den Aargauer Gemeinden Remigen und Döttingen und einer Parzelle im Tessiner Dorf Gordemo stellt er aus elf verschiedenen Traubensorten diverse Weine her. Sein Team besteht aus zwei ganzjährig Festangestellten sowie mehreren Teilzeitarbeitern im Sommer.

Schafe sollen ganzjährig in den Weinbergen bleiben

Von Beginn an verfolgte der 51-Jährige das Ziel, nach biodynamischen organischen Richtlinien zu arbeiten. Er verzichtet dafür auf Pestizide und chemische Düngemittel. Der Boden braucht zunächst einige Jahre, um sich zu erholen, funktioniert dann aber als natürlich ausgeglichenes Biotop. Um die Umstellung zu unterstützen, hält Hauksson im Winter Schafe in seinen Parzellen, diese grasen die konkurrierenden Pflanzen ab und geben die wichtigen Nährstoffe an den Boden zurück. Ab nächstem Jahr sollen die Tiere dann ganzjährig in den Weinbergen bleiben. «In den Reben soll die Natur so einen eigenen Kreislauf bilden können», erklärt Hauksson.

Die Nähe zur Natur und eine nachhaltige Kultivierung der Weinreben sind dem Isländer ein Anliegen. Er glaubt fest daran, dass die ganze Energie, die man während zwei bis drei Jahre in einen Wein investiert, später irgendwie im Produkt enthalten ist. Das Ziel des Winzers ist, so nahe wie nur möglich an die Kategorie der Naturweine heranzukommen, ohne dabei an Qualität einzubüssen. Um dies zu erreichen, wird nebst dem Verzicht auf synthetische Spritzmittel bei der Kultivierung der Weinberge auch die Zugabe von Zusatzstoffen bei der Weinherstellung minimiert.

Rosafarbene Weine als spezielles Fachgebiet

Die besondere Spezialität von Hauksson sind seine Orange-Weine. Um diese herzustellen, werden die Weissweintrauben mit der Maische vergärt, was sonst eigentlich nur bei Rotwein gemacht wird. Auf diese Weise werden alle natürlichen Aromastoffe und Vitamine aus den Traubenschalen erhalten und ins Produkt integriert, der Wein erhält dadurch die typische rosa Färbung.

In allen Produkten der Hauksson Weine steckt dementsprechend viel nachhaltige und naturnahe Arbeit. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Weine in der Rüfenacher Kellerei ebenfalls naturbezogene Namen tragen oder die jeweiligen Rebberge bezeichnen. Zwei von Hoss Haukssons Weinen benennen isländische Begriffe: «Sólskin» (Sonnenschein) und «Tunglskin» (Mondlicht). Beide Begriffe bezeichnen Phänomene, nach denen sich die Natur und, damit einhergehend, auch die Arbeit in den Reben richtet.

Rune bedeutet «Freundschaft schliessen»

Der Name Sólskin widerspiegelt laut Hauksson gewissermassen die Essenz eines Weins: Den ganzen Sommer tanken die Trauben die Energie der Sonne, das Sonnenlicht wird so in übertragenem Sinne konzentriert, konserviert und schliesslich abgefüllt. «Es ist doch umso schöner, wenn man im Winter, wenn es nass und kalt ist, ein Stück Sonnenlicht zurückholen kann», meint Hauksson.

Das Logo der Hauksson Weine zeigt eine isländische Zauberrune.

Das Logo der Hauksson Weine zeigt eine isländische Zauberrune.

Auch die Rune, die das Logo seiner Kellerei bildet, enthält eine tiefere Botschaft, wie Hauksson erklärt: «Das ist eine isländische Zauberrune, sie bedeutet «Freundschaft schliessen» oder «wie man die Liebe einer Frau gewinnt» und beschreibt somit auch den Zauber, den die Weine in einer geselligen Runde mit uns anstellen.» Die Kombination aus isländischer Mentalität und die biodynamische Qualität seiner Weine scheint das Erfolgsrezept der Hauksson Weine zu sein.

Mittlerweile werden sie nicht mehr nur in Island und in der Schweiz vertrieben, sondern vor allem auch nach Dänemark und Deutschland exportiert. Mit der Belieferung von diversen regionalen Gastrobetrieben hat sich Hoss Hauksson ein weiteres wichtiges finanzielles Standbein aufbauen können. Bis zu 35'000 Flaschen Wein wird er mit seinen Rebflächen pro Jahr produzieren können, eine beachtliche Menge für einen Neuling in der Branche.

Ein Onlineshop und neue Beziehungen im Lockdown

Im März hat die Coronakrise den Isländer völlig unerwartet vor grosse Probleme gestellt. Besonders der Umsatzeinbruch in den Gastrobetrieben und die Absage der jährlichen Degustation bereiteten dem Winzer Sorgen. Mit der Entwicklung eines Onlineshops und dem Ausbau seines Händlernetzwerks konnte Hauksson die grössten finanziellen Defizite jedoch rechtzeitig auffangen.

Stetig arbeitet er daran, sein Geschäft weiter auszubauen und seinen Standplatz in der Branche zu festigen. «Wir brauchen noch ein wenig, bis die Verkaufskapazität das gleiche Niveau wie die Produktionskapazität erreicht hat. Die Coronakrise hat uns in der Entwicklung stark ausgebremst», hält Hauksson fest. Vorerst wird in der Kellerei in Rüfenach deshalb weiter experimentiert und an der biodynamischen Produktion gefeilt. Für die nähere Zukunft plant Hauksson, zusätzliche Parzellen im Tessin zu suchen.

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