Remigen

«Das gibt dem einzelnen Schauspieler viel mehr Freiheit»: Wenn Corona auf der Bühne steht

Neu heisst es für Dominic Hartmann: spielen auf  Distanz.

Neu heisst es für Dominic Hartmann: spielen auf Distanz.

Schauspieler Dominic Hartmann lebt in Berlin. Beim Lockdown kehrte der Remiger in die Schweiz zurück. Gut zwei Monate nach seiner Flucht reiste er ans Maxim Gorki Theater zurück – von da an war alles etwas anders.

Es geschah Schlag auf Schlag. «Ich war gerade im grossen Berlin angekommen und staunte noch über all die berühmten Leute, mit denen ich arbeiten durfte. Da stand plötzlich alles still», erinnert sich Dominic Hartmann. Das war Mitte März, kurz bevor die Grenzen zur Schweiz geschlossen wurden. Der erste Gedanke des Schauspielers aus Remigen: Jetzt einfach nur heim. Er buchte den ersten Flug zu seinem Freund nach Zürich, die frisch bezogene Wohnung blieb zurück.

Im Nachhinein muss der 28-Jährige über seine Reaktion lachen. «Das war wohl ein Panik-Move. Aber ich wollte einfach irgendwo sein, wo ich mich zu 100 Prozent sicher fühle.» In die deutsche Hauptstadt hatte er sich erst kurz vor dem Lockdown gewagt. Nach einem Masterstudium an der Zürcher Hochschule der Künste und einem Studiopraktikum am Schauspielhaus Zürich war die Aufnahme ins Ensemble des Maxim Gorki Theaters der nächste grosse Schritt. Zum Glück sei seine temporäre Rückkehr in die Schweiz kein Problem für das nach eigenen Angaben «kleinste Stadttheater in Berlin» gewesen. «Zuerst gab es keine Shows und dann haben wir mit Onlineproben via Zoom begonnen», sagt Hartmann.

Neu wird «innerhalb» der Box gedacht

Gut zwei Monate nach seiner Flucht nach Zürich reiste der Remiger ans Maxim Gorki Theater zurück. Von da an war alles etwas anders. «Die grösste Arbeit auf der Bühne machte plötzlich das Einhalten der Coronamassnahmen aus. Sie sind wie zusätzliche Regieanweisungen und werden Teil der Inszenierung», erklärt der Schauspieler. Auf Masken hätte man – zumindest auf der Bühne – verzichten können. «Glücklicherweise hat das Distanzhalten zwischen den Akteuren zum Stück gepasst. Und wegen der Platzbeschränkungen war es für das Publikum eben etwas privater.»

Nun arbeitet das Ensemble des Maxim Gorki Theaters bereits am nächsten Programm. Das Stück «Alles unter Kontrolle» von Regisseur Oliver Frljic wurde laut Hartmann speziell auf die Coronasituation adaptiert: Alle darstellenden Personen treten separiert voneinander in Plexiglas-Boxen auf. Das Publikum wandert in Gruppen à zehn Personen von Box zu Box und erlebt eine zehnminütige Einlage. «Überraschenderweise gibt das dem einzelnen Schauspieler viel mehr Freiheit. Wir müssen uns weniger an den anderen orientieren und können uns selbst mehr ausdrücken.»

Nun kommt nochmals alles anders für ihn

Ab dieser Woche steckt Deutschland im zweiten Lockdown. Was das für Dominic Hartmann bedeutet, weiss er zur Zeit des Interviews nicht genau. Die Proben würden auf jeden Fall weitergeführt werden. Ob aber die Premiere des neuen Stücks im Dezember stattfinde, stehe noch zur Debatte. Der 28-Jährige fügt an: «Mittlerweile hat sich das Team irgendwie daran gewöhnt und es sind alle sehr flexibel.» Im Gegensatz zu freischaffenden Berufskollegen könne er sich die Situation auch mehr leisten. Ein Zweijahresvertrag mit dem Gorki ermögliche ihm das Privileg eines regelmässigen Einkommens.

Regelmässig ist sonst nichts in den kommenden Monaten für den Schauspieler. «Ich plane jeweils nur die nächsten drei bis vier Tage. Alles andere lohnt sich nicht», sagt Hartmann. Wo er sich aber sicher ist: «Ich fahre jetzt nicht nochmals schnell nach Hause in die Schweiz. Mittlerweile habe ich mich an die Situation gewöhnt und weiss, dass alles nicht so schlimm ist.» Freunde und Familie vermisse er trotzdem stark. Vor allem, weil er diese normalerweise alle drei Wochen besuche. Nun hat Hartmann sie schon wochenlang nicht mehr gesehen. Gerne wolle er zwar in Zukunft in Berlin bleiben. Es steht aber fest für ihn: «Zürich und Remigen sind Heimat.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1