Brugg

Das Geld reichte nicht einmal für den FC-Mitgliederbeitrag

Dank den Spendengeldern können die Buben Fussball spielen (Symbolbild). Key

Dank den Spendengeldern können die Buben Fussball spielen (Symbolbild). Key

Familie Ibrahim* aus dem Bezirk Brugg hat von Spendengeld der Soroptimist profitiert – dieses anzunehmen ist ihr schwer gefallen. «Wir waren kurz davor, die Jungs aus dem Fussballklub zu nehmen, aber das wäre schlimm gewesen für sie.»

Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Überall buhlen Hilfswerke, Naturschutzorganisationen oder Heime um finanzielle Zuneigung. Und das Geld fliesst. Auch die Soroptimist, die grösste internationale Service-Organisation für berufstätige Frauen, hat im Herbst Geld für Bedürftige gesammelt. Vor der Migros auf dem Brugger Neumarktplatz haben sie Äpfel für einen guten Zweck verkauft.

Doch wohin fliesst das Geld anschliessend? Wer kann wirklich davon profitieren? Im Fall der Soroptimist Brugg Baden erhalten Familien oder Bedürftige aus der Region Beiträge aus dieser Spendenkasse. Familie Ibrahim* zum Beispiel hat Geld von dieser Organisation erhalten.

Es brauchte Überwindung

Die syrische Familie lebt in einer Wohnung in einem Wohnblock im Bezirk Brugg, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Namen auf den Schildern bei den Klingeln lassen darauf schliessen, dass hier hauptsächlich ausländische Familien leben.

Mutter Zahra öffnet die Tür, bittet in die Wohnung. Am Esszimmertisch, unter dessen Glasplatte viele Fotos von der Familie platziert sind, nehmen wir Platz.

Die achtjährige Tochter setzt sich dazu, malt mit Buntstiften während des ganzen Gesprächs versunken ein Kunstwerk. Der neunjährige Sohn spielt im Wohnzimmer, der älteste, der Zwölfjährige, stürmt später in die Wohnung, schüttelt dem Besuch artig die Hand, gesellt sich zu seinem Bruder.

Insgesamt 1130 Franken hat die Familie von zwei Organisationen als finanzielle Unterstützung erhalten. Ein Teil kam von den kirchlichen Sozialdiensten, der andere Teil von den Soroptimist Brugg Baden.

Gebraucht hat es die Familie als Beitrag für das Fussballcamp der zwei Knaben sowie für den jährlichen Mitgliederbeitrag für den Fussballklub.

Es hat lange gedauert, bis sich Zahra Ibrahim, die seit frühster Kindheit in der Schweiz ist, überwinden konnte, das Geld anzunehmen. Es ist ihr unangenehm, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch am Ende siegte die Vernunft. «Ich war kurz davor, die Jungs aus dem Fussballklub zu nehmen», sagt sie. «Aber das wäre schlimm gewesen für sie.»

Der älteste Sohn bekräftigt das mit einem Kopfnicken. «Ich möchte mal für Barcelona spielen», sagt er. «Und mit der Schweizer Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewinnen.»

Es mag ein Traum sein, ein Traum, den viele träumen und der vielleicht nie Realität wird. Trotzdem wollte die Mutter diesen Traum nicht zerschlagen. «Ich will, dass meine Kinder mithalten können mit den anderen. Gleichwohl sollen sie aber auf dem Boden bleiben.»

Die Schulsozialarbeiterin war es dann, die Zahra Ibrahim einen Weg aufzeigte. «Sie sagte mir, dass es nicht richtig wäre, den Kindern den Sport wegzunehmen», sagt Zahra Ibrahim. «Sie verwies mich dann an die Sozialen Dienste der Gemeinde.»

Lange haben Zahra Ibrahim und ihr Mann diese Möglichkeit diskutiert. Beide hatten grosse Hemmungen. Er, der häufig sieben Tage in der Woche arbeitet, schuftet bis zum Umfallen, seine Kinder kaum sieht, wollte sich nicht eingestehen, dass er trotz der vielen Arbeit seinen Kindern nicht das geben kann, was sie möchten.

Es ist eine vertrackte Situation: Der Ehemann verdient zu viel, um Sozialhilfe zu erhalten, aber zu wenig, um der Familie ein finanziell sorgenfreies Leben zu ermöglichen. «Mein Mann wollte lieber die Familie bitten, uns Geld zu geben», sagt Zahra Ibrahim.

Doch das passte ihr wiederum nicht. «Ich hatte innerlich keine Ruhe», beschreibt sie die Situation, während sie dem mittleren Sohn eine Schüssel mit Apfelmus hinstellt, das dieser gierig verschlingt.

Ihrem Mann sagt sie nichts, als sie beschliesst, das Spendengeld doch anzunehmen. Er hat seither kein Wort mehr darüber verloren. Für sie hingegen war die Erleichterung gross. «Ich musste die Kinder nicht enttäuschen und es blieb mir erspart, den Verantwortlichen im FC zu erklären, warum die Jungs nicht mehr kommen können.»

Dankbarkeit überwiegt

Die finanziellen Sorgen sind trotz dem Zustupf nicht weg. Beklagen will sich Zahra Ibrahim aber nicht. «Es wird halt einfach jeweils schwierig, wenn alles auf einmal kommt: Steuern, Mitgliederbeiträge für den Fussballklub und gleich auch noch der Lagerbeitrag.» Sie selber würde gerne mehr arbeiten, die Gesundheit lässt es aber nicht zu. 20 bis 30 Prozent arbeitet sie von zu Hause aus. «Das ist eine gute Lösung für mich», sagt sie. «Einerseits bin ich immer zu Hause, wenn die Kinder von der Schule kommen und andererseits kann ich mir die Arbeit selber einteilen, wenn es mir an einem Tag gesundheitlich wieder nicht gut geht.» Ja, manchmal sei sie «hässig», dass ihr Körper nicht mitmacht, sei enttäuscht darüber, dass sie nicht mehr zum finanziellen Wohl beitragen kann. Doch dafür hätten die Kinder ein Mami zu Hause, das auf sie achtet. «Das ist ja auch wichtig», meint sie und streicht dem ältesten Sohn über den Kopf.

Obwohl es ihr noch immer unangenehm ist, dass sie Geld von Fremden annehmen musste, überwiegt doch die Dankbarkeit für diesen Zustupf. «Es ist schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die spenden. Denen die Mitmenschen nicht egal sind.»

*Name geändert

Meistgesehen

Artboard 1