Bereits nach fünf Minuten wird die Verhandlung an diesem Nachmittag zum ersten Mal unterbrochen. Der Beschuldigte Tobias (Name geändert) stellt nach der Belehrung durch Gerichtspräsident Sandro Rossi ein mündliches Gesuch um amtliche Verteidigung. Nach einer kurzen Besprechung wird Tobias eröffnet: Das Gesuch wird abgelehnt, da es sich beim vorliegenden Fall gemäss Gesetz um eine Bagatelle handelt.

Tobias muss sich wegen Betrugs vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten. Vor etwas mehr als einem Jahr nimmt die Geschichte ihren Lauf. Tobias stellt damals ein MacBook von Apple auf die Auktionsplattform ricardo.ch. Wie meistens wählt er eine Auktionsdauer von zehn Tagen, zudem legt er einen Sofort-Kauf-Preis von 1760 Franken fest. Mit dieser Funktion kann ein Interessent die Auktion umgehen und sich die Ware stattdessen sofort zu diesem Preis sichern. Er sei davon ausgegangen, dass in den nächsten sieben bis zehn Tagen niemand bieten werde, sagt Tobias, der häufig auf ricardo.ch inseriert. Tatsächlich drückt aber am selben Tag der Geschädigte Bekim den Sofort-Kauf-Knopf. Somit sind er und Tobias einen rechtsgültigen Kaufvertrag eingegangen, Tobias ist verpflichtet, Bekim das MacBook zu liefern. Tobias nimmt auch sofort Kontakt mit Bekim auf und übermittelt ihm seine Bankdaten. Er verspricht, das MacBook zu liefern, sobald er die 1760 Franken hat. Bekim zahlt den Betrag noch am selben Tag ein. Tatsächlich ist Tobias aber nicht mehr im Besitz des MacBooks. Er hat es bereits einem Kollegen überlassen. Bekim erhält in der Folge kein MacBook und auch seine Einzahlung nicht zurück. Tobias seinerseits erneuert mit dem Geld das Fitnessabo und lässt sein Velo flicken.

Er sieht sich als unschuldig

Das steht in der Anklageschrift. Bei der Befragung durch den Gerichtspräsidenten zeigt sich, dass Tobias mehrere Versionen der Vorgänge zu Protokoll gab. So erzählt der 33-Jährige bei der Polizei, bei der Staatsanwaltschaft und nun auch vor Gericht immer eine etwas andere Geschichte. «Ich bin eigentlich der Leidtragende», sagt Tobias, der mit ruhiger Stimme spricht und nur energisch wird, wenn ihn Gerichtspräsident Rossi auf seine unterschiedlichen Aussagen anspricht. Er habe dem Kollegen, den er unter vier verschiedenen Namen kennt, das MacBook überlassen, nachdem dieser ihm erzählt habe, es sei ein Update möglich und er würde dieses für ihn durchführen. Tobias, der aktuell vom Sozialamt unterstützt wird und eine Lehre als Fachmann Gesundheit absolvieren möchte, geht darauf ein. Er lässt den Kollegen das MacBook mitnehmen, in der Annahme, die Auktion werde noch einige Zeit laufen und er dann das Gerät wieder zurückhaben.

Nachdem Bekim wie erwähnt am selben Tag den Kauf tätigt, nimmt Tobias mit seinem Kollegen Kontakt auf. Dieser sagt ihm, er werde das MacBook selbst zur Post bringen. Das passiert aber nie. Er habe versucht, seinen Kollegen, den er in einer Brugger Bar kennen gelernt hatte, ausfindig zu machen, sagt Tobias. Er habe gewusst, dass sein Kollege nur drei Querstrassen weiter wohne. Als er dort nach ihm suchte, habe er herausgefunden, dass sein Kollege im betreuten Wohnen lebte und verschwunden war, so der Beschuldigte.

«Ich habe nach Treu und Glauben gehandelt, wollte mich nicht bereichern», sagt Tobias. Er finde es unfair, dass er nun die ganze Last dieses Vorfalls zu tragen habe. Er habe auch mehrmals mit dem Geschädigten Kontakt aufgenommen und ihm angeboten, einen Teil des Betrags zurückzuzahlen, was dieser aber nicht akzeptierte und weitere Kontaktaufnahmen schliesslich abblockte.

Zivilrechtliche Lösung möglich

Tobias fordert einen Freispruch. «Sie liessen den Worten nie Taten folgen», antwortet Gerichtspräsident Rossi, denn bis zum Prozesstag hat Tobias dem geschädigten Bekim noch keinen Rappen retour gezahlt. Rossi macht Tobias daraufhin einen Vorschlag. Das Strafverfahren liesse sich nämlich ohne Verurteilung abwickeln, wenn der geschädigte Bekim, der in den Ferien weilt und deswegen nicht am Prozess teilnimmt, das Geld zurückerhalten und danach sein Desinteresse an einer Strafverfolgung mitteilen würde. «Sind Sie faktisch in der Lage, den Betrag auf der Gerichtskasse zu hinterlegen?», fragt Rossi den Beschuldigten. Dieser weicht aus: «Theoretisch schon.»

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit erläutert Gerichtspräsident Rossi Tobias anschliessend die Möglichkeiten einer zivilrechtlichen Lösung. In der Folge versucht Rossi, Bekim in den Ferien zu erreichen, was aber nicht klappt. Nichtsdestotrotz arbeitet das Gericht eine Vereinbarung aus. Gemäss dieser muss Tobias innerhalb der nächsten Tage den Betrag von 1760 Franken auf der Gerichtskasse deponieren. Bekim kann in der Folge sein Desinteresse an einer Strafverfolgung zum Ausdruck bringen, das Strafverfahren würde damit ohne Verurteilung abgeschlossen. «Es ist ein Zug-um-Zug-Geschäft», so Gerichtspräsident Rossi.

Beide Parteien können die Vereinbarung bis Mitte September widerrufen. Sollte das geschehen, wird das Gericht ein Urteil fällen und entscheiden, ob Tobias sich des Betrugs schuldig gemacht hat oder freigesprochen wird. Das letzte Wort in dieser Geschichte ist also noch nicht gesprochen.