Schinznacherfeld
«Das Fahren im Windschatten ist lebensgefährlich»

Bei einem Unfall im Schinznacherfeldtunnel ist vor zwei Wochen ein Chauffeur ums Leben gekommen. Ein Ingenieur vermutet, dass es wegen einer automatischen Vollbremsung des vorderen Lastwagens zum Unfall gekommen ist.

Michael Hunziker
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Am Montagmorgen letzte Woche kam es zur heftigen Kollision im Tunnel Schinznacherfeld. Keystone

Am Montagmorgen letzte Woche kam es zur heftigen Kollision im Tunnel Schinznacherfeld. Keystone

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Kurz nach dem Lastwagenunfall auf der Autobahn 3 im Schinznacherfeld-Tunnel, bei dem ein Chauffeur getötet wurde, ist die Vermutung aufgekommen: Zur heftigen Kollision geführt habe eine automatische Vollbremsung des vorderen Lastwagens.

Ein Chauffeur verlor sein Leben

Zum schweren Lastwagenunfall auf der Autobahn 3 bei Schinznach-Dorf ist es am Montag letzte Woche gekommen. Der Chauffeur eines mit Dieselöl beladenen Anhängerzugs, ein 36-jähriger Schweizer aus dem Kanton Glarus, wurde im Schinznacherfeld-Tunnel beim heftigen Aufprall auf den vor ihm fahrenden Sattelschlepper in seiner Führerkabine eingeklemmt und getötet. Der Fahrer des vorausfahrenden deutschen Sattelschleppers, ein 32-jähriger Ungar, wurde nicht verletzt. Der Unfall führte zu Verkehrsbehinderungen und Umleitungen, da die Fahrbahn für mehrere Stunden gesperrt werden musste. Die Kantonspolizei zog die Unfallgruppe zur Tatbestandsaufnahme bei. Zur Klärung des Unfallherganges eröffnete die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach eine Strafuntersuchung. Die beteiligten Fahrzeuge wurden sichergestellt. (mhu)

Der nachfolgende Schweizer Chauffeur sei durch den abrupten Stopp überrascht worden. Diese These stellt gegenüber der Aargauer Zeitung auch eine verlässliche Quelle auf, die nicht namentlich genannt werden will. Gemäss «Blick am Abend» lässt die Aargauer Staatsanwaltschaft abklären, ob ein technischer Defekt im Selbstbremssystem des vorausfahrenden deutschen Sattelschleppers aufgetreten ist.

Hubert Kirrmann aus Baden geht ebenfalls davon aus, dass eine automatische Vollbremsung des vorderen Lastwagens den Unfall verursacht haben könnte. Dies aber nicht wegen eines Fehlers im Selbstbremssystem, wie etwa ein Defekt in der Elektronik. Sondern, weil der hintere Lastwagen nicht über ein solches Selbstbremssystem verfügte und der Chauffeur aus diesem Grund nicht rechtzeitig handeln konnte.

«Diese Gefahr wird zunehmen»

Als Ingenieur setzt sich Kirrmann mit der Sicherheit von automatischen Systemen für die Verkehrstechnik und für industrielle Anlagen auseinander. Die neu zugelassenen Lastwagen und Busse aus dem EU-Raum müssen heute mit Notbremsassistenten ausgestattet sein, erklärt Kirrmann und betont: «Das Fahren im Windschatten eines solchen Fahrzeugs ist lebensgefährlich.» Denn sei der Abstand zum vorderen Gefährt zu gering, komme es bei dessen automatischer Vollbremsung unweigerlich zur Kollision. «Keiner kann so schnell reagieren», stellt der Ingenieur fest. Anders ausgedrückt: «Der Unfall im Schinznacherfeld-Tunnel wurde nicht in erster Linie verursacht durch das Versagen des Selbstbremssystems des vorderen Lastwagens, sondern durch das fehlende Selbstbremssystem und den zu kleinen Abstand des zweiten Lastwagens.» Es werden, fährt Kirrmann fort, immer mehr Lastwagen mit Bremsautomatik auf den Strassen verkehren. «Diese Gefahr wird also zunehmen.»

Was kann eine automatische Vollbremsung auslösen? Die Sensoren reagieren auf Hindernisse, ob ein Fahrzeug, ein Mensch oder ein Wildtier. Laut Kirrmann ist denkbar, dass sich im Schinznacherfeld-Tunnel ein Gegenstand auf der Fahrbahn befand – in Betracht kommen könnte ein stehendes Auto oder die verlorene Ladung eines Lastwagens – der von den Sensoren als Hindernis erkannt wurde, was zu einer automatischen Vollbremsung führte.

Nach Kirrmanns Dafürhalten müssten, um in Zukunft Probleme zu verhindern, in sämtlichen Fahrzeugen Selbstbremssysteme zum Einsatz kommen, wie dies eine US-Behörde letzte Woche beschlossen hat. «Dies soll Tausende Leben pro Jahr retten.» Denn heute ereignen sich auch auf den Schweizer Strasse viele Auffahrunfälle – was gerade auf den Autobahnen jeweils zu langen Staus führe. Der Ingenieur macht darauf aufmerksam, dass verschiedene Autohersteller bereits mit Bremsassistenten arbeiten oder – als logische Entwicklung – selbstbremsende Autos testen. «Irgendwann werden Fahrzeuge, die kein Selbstbremssystem haben, nicht mehr auf die Autobahn zugelassen», ist er überzeugt und fragt: «Muss die Schweiz immer warten?»

Unfallhergang wird geklärt

Die Fachleute von Bund und Kanton äussern sich auf Anfrage zurückhaltend zum Thema «Selbstbremssysteme» und zur Frage, ob allenfalls ein technischer Defekt zum Unfall im Schinznacherfeld-Tunnel geführt hat. Das Aargauer Strassenverkehrsamt verweist auf die Hersteller, um korrekte Antworten zu erhalten. Es handle sich um hochsensible Systeme, die den Mitarbeitenden des Strassenverkehrsamts zwar bekannt sind. Über die technischen Details hätten sie allerdings kein Spezialwissen. Das Bundesamt für Strassen (Astra) will sich zum tragischen Unfall nicht äussern, bevor die Untersuchungsergebnisse vorliegen.

Damit der konkrete Unfallhergang geklärt werden kann, werde die Staatsanwaltschaft «sämtliche Untersuchungshandlungen vornehmen, die nötig sind», sagt Mediensprecherin Sandra Zuber. Beigezogen würden Spezialisten und in Auftrag gegeben würden Gutachten. Wann mit ersten Erkenntnissen zu rechnen ist, kann laut Sandra Zuber zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgeschätzt werden.