Brugg
Das Ende einer Ära: Brockenstube schliesst im März

Nach 102 Jahren verliert die Stadt eine beliebte soziale Institution. Die Brockenstube des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF) muss wegen roter Zahlen schliessen.

Claudia Meier
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Eva Stanek ist seit Oktober Leiterin der Brockenstube des Gemeinnützigen Frauenvereins in der Brugger Altstadt. CM

Eva Stanek ist seit Oktober Leiterin der Brockenstube des Gemeinnützigen Frauenvereins in der Brugger Altstadt. CM

Claudia Meier

Es ist ein Kommen und Gehen an der Hauptstrasse 19 in der Altstadt: Im zweiten Stock durchstöbern Kunden und Kundinnen – Bedürftige, Neugierige, Lehrpersonen und Spielgruppenleiterinnen – das breite Angebot in der Brockenstube des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF) Brugg.

Sie werden in der Regel fündig. Gekauft werden jeweils am Mittwochnachmittag und am letzten Samstag im Monat Kleider, Haushaltartikel, Kleinmöbel, Spielsachen und Kuriositäten. Doch damit ist bald Schluss. Mitte März 2015 macht der SGF die Brockenstube dicht und räumt die Etage. «Seit vier Jahren suchen wir ein geeignetes Lokal für die Brockenstube», sagt Eva Stanek, seit Oktober Leiterin.

Stammkundschaft ist enttäuscht

Als «Notnagel» habe der SGF vor drei Jahren, als er aus feuerpolizeilichen Gründen die Liegenschaft an der Hauptstrasse 12 verlassen musste, die Räumlichkeiten im ehemaligen Warenhaus Rössli bezogen. «Im Gegensatz zur kostenlosen Nutzung in der Alten Post bezahlen wir nun rund 1300 Franken Monatsmiete. Ein zusätzlicher Raum ist gesponsert», so Stanek weiter. «Nach Abzug von Miete und Lohn für die Leitung schreiben wir jeden Monat rote Zahlen. Die Einnahmen/Ausgaben-Rechnung ergibt einen monatlichen Verlust von mehreren hundert Franken. Für die Unterstützung sozialer Projekte bleibt deshalb weniger übrig.»

Da die Liegenschaft an der Hauptstrasse 19 zum Verkauf steht und ab Januar die Miete steigt, hat sich der SGF schweren Herzens zur Schliessung der Brockenstube entschlossen.

«Damit geht eine 102-jährige Ära in der Stadt Brugg zu Ende. Das Team mit den 18 – teilweise langjährigen – Mitarbeiterinnen ist sehr traurig», betont Leiterin Stanek. «Wir haben viele Stammgäste, die enttäuscht sind. Das sind einerseits Leute, die darauf angewiesen sind, günstig einzukaufen. Und andererseits haben wir Kunden, die sich einfach riesig freuen, wenn sie etwas Passendes finden. Einige kommen jede Woche, um zu stöbern und zu plaudern. Der soziale Aspekt dieser Institution ist nicht zu unterschätzen.»

Die zweifache Mutter ist mit viel Leidenschaft als Leiterin tätig. Auch wenn sie das Angebot schon langsam reduziert, mag Stanek noch nicht ganz ans Aufgeben denken: «Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder und wir finden einen Raum und auch eine neue Leiterin, die das Amt gemeinnützig übernimmt.» Wichtig sei, dass die neuen Räumlichkeiten gut erreichbar sind und man auch mit dem Auto vorfahren könne. Denkbar sei, die Öffnungszeiten noch besser den Kundenbedürfnissen anzupassen, so Stanek.

Individuell in Notlagen geholfen

Der SGF hat mit dem Reinerlös und Mitgliederbeiträgen schon vielen Leuten in individuellen Notsituationen geholfen. Für Kinder und Erwachsene, die von der Sozialhilfe lebten, gab es bis letztes Jahr jeweils ein Weihnachtspäckli. Und erst vor kurzem habe ein ehemals beschenktes Kind geheiratet und an der Hochzeit Geld für den SGF gesammelt, erzählt Stanek und strahlt.

Zwischen bunten Blechdosen, Raclette-Öfen, Kristallgläsern und Geschirr steht Eva Stanek an einem Tisch und begutachtet die Ware, die sie von einer Hausräumung mitgenommen hat. «Vieles geht sehr schnell wieder weg. Wir sind nicht nur auf Antiquitäten spezialisiert. Sehr beliebt sind Kleinmöbel, Leintücher, Bastelutensilien und Haushaltgegenstände.»

Auch die Weihnachtskarten beim Eingang dürften schon bald Käufer finden. «Vor einem Monat haben wir zehn Bananenschachteln voll Kleider und Spielsachen für Syrien gespendet», fährt Stanek fort. Ende März werden die Türen nun definitiv geschlossen, ausser es geschieht doch noch ein Wunder.