Mülligen

Darum will Holcim den Kiesabbau erweitern

Blick vom Dach auf das weitläufige Areal: Via Förderband gelangt der Rohkies ins Werksgebäude, wo er aufbereitet, gewaschen und gesiebt wird.

Blick vom Dach auf das weitläufige Areal: Via Förderband gelangt der Rohkies ins Werksgebäude, wo er aufbereitet, gewaschen und gesiebt wird.

Das ist – für die Bevölkerung und Natur – zu erwarten mit dem neuen Kiesabbaugebiet «Lindenacher Ost».

Kies aus Mülligen ist gefragt. Im heutigen Abbaugebiet «Eichrüteli» aber sind die Vorräte bald erschöpft. Die Holcim (Schweiz) möchte den Betrieb in ihrem Kieswerk nun für die kommenden Jahre sicherstellen. Geplant ist, den Abbau zu erweitern im Gebiet «Lindenacher Ost». Das Vorhaben – und dessen Auswirkungen auf die Umwelt – weckt allerdings auch Ängste. Grundwasser, Verkehrserschliessung oder aber Lebens- und Wohnqualität lauten die Stichworte.

«Wir nehmen die Bedenken ernst», sagt Markus Vogt, Werkleiter in Mülligen. Und fügt an: «Wir setzen auf eine transparente Kommunikation, wir haben nichts zu verheimlichen.» An diesem sommerlichen Nachmittag nimmt er sich rund zwei Stunden Zeit: für einen Rundgang, beziehungsweise eine Rundfahrt durch das Kieswerk. Der Werkleiter zeigt das weitläufige, fast etwas versteckt am Dorfrand liegende Kiesgruben-Areal, wo übrigens auch seltene Pflanzen- und Tierarten ihren Lebensraum haben, wie etwa die Uferschwalbe. Derzeit werden hier durchschnittlich 300 000 Kubikmeter Kies abgebaut pro Jahr.

Ebenfalls führt Vogt von oben nach unten durch das Werksgebäude, in dem das Material aufbereitet wird. Schliesslich beantwortet er bereitwillig Fragen – unkompliziert, bodenständig und mit einer angenehmen Prise Humor. Red und Antwort stehen ebenfalls Ingo Steinberger, Leiter Rohstoffsicherung, sowie Dennis Schneider, Regionenleiter bei der Holcim.

Am Tag der offenen Kiesgruben vom Samstag, 26. Mai, wird dann die Bevölkerung eingeladen in das Kieswerk Mülligen. Werkleiter Vogt hofft, dass viele diese Gelegenheit für eine Besichtigung nutzen – «nur wenige haben das Abbaugebiet wohl schon aus der Nähe gesehen» –, das Gespräch suchen und allenfalls vorhandene Vorbehalte vorbringen.

Abbau erfolgt im Uhrzeigersinn

Das neue Abbaugebiet «Lindenacher Ost» befindet sich südlich der Autobahn A3 und hat eine Fläche von rund 30 Hektaren. Die grossen, qualitativ hochwertigen Kiesvorkommen sowie die gute Verkehrsanbindung waren für Holcim ausschlaggebend für die Standortwahl. Vorgesehen ist, ab 2019 insgesamt 5,4 Mio. Kubikmeter Kies abzubauen. Der Abbau erfolgt in drei Etappen im Uhrzeigersinn und dauert – bei jährlich 365 000 Kubikmetern – etwa 15 Jahre. Das Rohmaterial wird via Förderband durch einen vorhandenen Transporttunnel unter der Autobahn zum Werksgebäude gelangen. Im kantonalen Richtplan ist das Gebiet «Lindenacher Ost» als Abbaugebiet eingetragen. In einem nächsten Schritt entscheiden Mitte Juni die Gemeindeversammlungen in Mülligen und Lupfig über die Teiländerung der Nutzungsplanung – also über die Überlagerung der Landwirtschaftszone mit einer Materialabbauzone.

Die Planungen, Abklärungen und Messungen hätten frühzeitig begonnen, sagt der Rohstoffverantwortliche Ingo Steinberger. Die nötigen Daten für die Umweltverträglichkeitsprüfen seien stetig aufgearbeitet und aktualisiert worden. «Der Schutz des Grundwassers ist und bleibt jederzeit gewährleistet», betont er. Statt der gesetzlich vorgeschriebenen Schicht von 2 Metern werde Holcim eine 3 Meter dicke Kiesschicht über dem Grundwasserspiegel belassen. Will heissen: Sollte im schlimmsten Fall einmal etwas passieren, also ein Tank einer Baumaschine reissen und tatsächlich Treibstoff auslaufen – «was noch nie vorgekommen ist» –, sei das Grundwasser durch diese 3 Meter tiefe Schicht geschützt. Das verschmutzte Material könnte in der Folge ausgebaggert und entsorgt werden. Steinberger verweist auf die Grundwasserkarte des Kantons. «Das Grundwasserschutzgebiet befindet sich komplett ausserhalb des neuen Abbauperimeters.»

Weniger Verkehr durch das Dorf

Überdies sei das neue Abbaugebiet weiter entfernt von den Wohnquartieren als das bestehende Abbaugebiet «Eichrüteli», fährt Steinberger fort. Die Folge: «Die Lärm- und Staubbelastung wird gegenüber heute deutlich abnehmen.» Gleiches gelte für die Verkehrsbelastung. Denn neu erfolgen, ist vorgesehen, die Zu- und Wegfahrt für die Lastwagen im Süden über die Autobahnbrücke und die Birrfeldstrasse. Der Verkehr durch das Dorf könne also weiter reduziert, die Sicherheit für Fussgänger und Velofahrer erhöht werden. Zu rechnen sei mit maximal 116 000 Lastwagenbewegungen pro Jahr.

Die Erschliessung des Werkareals hat in Mülligen über Jahre für intensive Diskussionen gesorgt. «Es waren viele Ideen und Pläne auf dem Tisch, viele Probleme mussten angesprochen werden», räumt Regionenleiter Dennis Schneider ein. Zusammen mit dem Gemeinderat sowie der Verkehrskommission habe schliesslich eine «sehr gute» Lösung gefunden werden können. Eine, die Sinn mache, auch wenn sie für Holcim nicht ganz kostengünstig sei, ergänzt Schneider. Investiert in das neue Verkehrskonzept, sagt er auf Nachfrage, werde ein Betrag im einstelligen Millionenbereich. Voraussichtlich in den nächsten Wochen soll das entsprechende Baugesuch eingereicht werden.

Auch die Öffnung der Autobahn-Werkausfahrt war immer wieder ein Thema. Es seien zähe Verhandlungen geführt worden mit Vertretern von Behörden sowie des Bundesamts für Strassen (Astra), blickt Schneider zurück. Aber: «Keine Chance», lautet sein Fazit. «Die Öffnung wäre zwar praktisch, allerdings sind uns da die Hände gebunden.»

Gemeinde wird entschädigt

Kiesabbau bedeute immer einen Eingriff in die Umwelt, sind sich die Verantwortlichen bewusst. Sie sind gleichzeitig überzeugt, ein solides Erweiterungsprojekt ausgearbeitet zu haben, das die verschiedenen Bedürfnisse berücksichtigt. Für die Landwirtschaft, wissen sie, komme es zwar zu einem Unterbruch. Aber das Abbaugebiet werde wieder mit sauberem Aushubmaterial aufgefüllt, rekultiviert und renaturiert, geschaffen werde Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Die Landeigentümer würden für die Einschränkungen entschädigt.

Apropos: Für das erweiterte Kiesabbaugebiet schliessen Holcim und die Gemeinde einen neuen Inkonvenienzvertrag ab. Dieser regelt, wie die Gemeinde – und damit die Steuerzahler – für den Abbau und die Nutzung der Infrastruktur angemessen entschädigt wird. Derzeit laufen die Verhandlungen.

Bei Anliegen zum Kieswerk oder Fragen zum Erweiterungsprojekt empfehlen die Verantwortlichen, sich direkt mit Werkleiter Markus Vogt in Verbindung zu setzen. Dieser sagt: «Wir sind ein fester Bestandteil des Birrfelds. Vieles lässt sich ganz unbürokratisch mit einem kurzen Telefonanruf erledigen.»

Tag der offenen Kiesgruben Samstag, 26. Mai, 10 bis 16 Uhr, Kieswerk Mülligen: Führungen durch Werk und Kiesgrube; Informationsstand zum Erweiterungsprojekt; Entdeckungstour: Die Kiesgrube als Lebensraum für Tiere und Pflanzen; Festwirtschaft; Kinderspielplatz.

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