Auf dem Eisiplatz und vor der NAB in Brugg sind an diesem Freitag wie üblich die Marktfahrer anzutreffen. Vor dem Chäsmobil von Ruedi Anliker stehen die Menschen Schlange, warten darauf, dass sie an die Reihe kommen.

In der Auslage liegen rund 120 Käsesorten. Ohne Hektik bedient Ruedi Anliker die Kunden, hat hie und da Zeit für einen kurzen Spruch oder steckt den Kindern ein Stückli Käse zu.

Die Arbeit auf den Wochenmärkten, das Umherziehen mit seinem mobilen Käsegeschäft ist Arbeit und Leidenschaft zugleich für den 58-Jährigen. Wir treffen ihn in seinem Zuhause in Veltheim.

Ein altes Bauernhaus, eng, aber gemütlich, in der Stube steht ein Kachelofen, auf dem Holztisch liegt ein Holzbrettchen, auf dem Ruedi Anliker – graues Haar, Brille und ein türkisfarbener Kapuzenpulli – für den Besuch Käse und Brot bereitgestellt hat.

Er nimmt mit seiner Frau Edith Platz am Tisch und erzählt, wie es dazu kam, dass er heute einer der wenigen Käseverkäufer im Bezirk ist.

Vor ziemlich genau 40 Jahren stieg Ruedi Anliker ins Käsegeschäft ein. In Dietikon im Limmattal übernahm er direkt nach dem Abschluss seiner Lehre als Haushalts- und Eisenwarenverkäufer den Käseladen seines Bruders, der seinerseits einen weiteren Käseladen in der Stadt Zürich eröffnete.

Obwohl Ruedi Anliker jung war und noch wenig Erfahrung hatte, lief das Geschäft. «Es war sehr locker», sagt er rückblickend. «Ich konnte mich ins gemachte Nest setzen.»

Ein Mann mit Verkaufstalent

Zusätzlich zum Geschäft setzte sich Ruedi Anliker hinter das Steuer eines Milchexpresses, fuhr damit in die Dörfer und Quartiere und brachte so Käse, Milch und andere Milchprodukte zu den Kunden. Später dann, als der Umsatz in seinem Lädeli zurückging, entschloss er sich, seine Produkte zusätzlich auf dem Wochenmarkt zu verkaufen.

«Ich sagte mir: ‹Wenn die Kunden nicht mehr zu mir kommen, dann gehe ich zu ihnen›», sagt Ruedi Anliker. Dabei merkte er, dass ihm diese Arbeit viel mehr Spass macht, als jene im Geschäft und dass er ein gewisses Verkaufstalent mitbringt, das gut ankommt.

Nach über 20 Jahren im Käsespezialgeschäft «Chäs & Brot» in Dietikon war die Zeit reif für einen Umbruch. Die Liegenschaft, die der Stadt gehörte, war renovationsbedürftig, doch es war nicht klar, was damit passieren würde.

So kündigten die Anlikers den Mietvertrag und zogen 1999 nach Veltheim, wo sie noch heute die zugezogenen Stadtzürcher sind. «Eigentlich wollte ich immer eine Berner Nummer an meinem Auto», sagt Ruedi Anliker mit einem Augenzwinkern. Seine Frau Edith, mit der er seit über 30 Jahren verheiratet ist, ergänzt: «Aber wir haben uns halt in dieses Haus hier verliebt.»

Und so zog die Familie, der jüngste Sohn war damals frisch auf der Welt, in das Bauernhaus. «Dass wir uns damals getrauten, mit vier Kindern – dazu mit einem Neugeborenen – unsere Zelte abzubrechen, ist schon erstaunlich», sinniert Ruedi Anliker. «Das macht man auch nur, wenn man jung ist.»

Plötzlich wird er durch das Wimmern eines Babys unterbrochen. Edith Anliker steht auf, nimmt den dunkelhäutigen Säugling hoch und setzt sich später, nachdem sie ihn geschöppelt hat, mit dem Kleinen wieder an den Tisch.

Familie Anliker ist eine sogenannte Übergangspflegefamilie. Babys, die zur Adoption angemeldet wurden, werden von den Anlikers in ihren ersten Lebensmonaten betreut. Solange, bis alle rechtlichen Hürden genommen sind und die Babys zu Adoptiveltern kommen oder allenfalls eine andere Anschlusslösung gefunden wird.

Er wollte keinen Laden mehr

Zurück zum Käse und der Idee, die Ruedi Anliker damals, 1999, antrieb. Für ihn war klar, dass er weiterhin Käse verkaufen will. Aber auch etwas anderes war klar: «Ich wollte keinen Laden mehr.» Mit einem kleinen Anhänger besuchte er weiterhin die Wochenmärkte im Limmattal und suchte derweil nach Märkten im Bezirk Brugg. Sukzessive hat er sein Geschäft ausgebaut.

Mittlerweile bieten die Anlikers auch Catering an. Zudem vermieten sie Fondue- und Raclettezubehör für grössere Partys. Und aus dem Anhänger wurde über die Jahre ein Chäsmobil.

«Ich bin dankbar und stolz, dass ich mit meinem mobilen Käsespezialgeschäft eine grosse Familie ernähren konnte», sagt Ruedi Anliker und ergänzt lachend: «Und dies, obwohl ich ein ziemlicher Chaot bin.»

Auch Mitarbeiterinnen sind dazugekommen, die stundenweise auf dem Markt aushelfen. «Es sind wunderbare Leute, die nicht nur wegen des Geldes arbeiten kommen», sagt Ruedi Anliker.

Er rät auch mal von einem Käse ab

Dasselbe gilt für ihn. Ruedi Anliker sagt von sich selbst, dass er jeden Tag gerne zur Arbeit geht. «Das ist ein riesiges Geschenk, ich bin verwöhnt.» Dass Ruedi Anliker gerne arbeitet, merken auch die Kunden.

Dass sein Geschäft funktioniert, führt er darauf zurück, dass er ehrlich und authentisch ist. «Ich will den Leuten nicht das Geld aus der Tasche ziehen», sagt er. «Es kommt auch vor, dass ich einem Kunden von einem Käse abrate, wenn ich genau weiss, dass dieser nicht seinem Geschmack entspricht.»

Worauf er ebenfalls Wert legt, ist der Umgang mit den Produkten. So können seine Kunden auch mit Schalen, Tupperware oder eigenen Säcken ihre Ware abholen. Die Joghurtgläser nimmt der Käseverkäufer auch zurück.

Den Käse bezieht Ruedi Anliker von Produzenten, die er kennt, von denen er weiss, dass sie die Bauern, die die Milch liefern, nicht übers Ohr hauen. Der faire Umgang mit den Menschen und Tieren, mit der Natur sei ihm wichtig. «Ich achte die Natur, die Schöpfung», sagt er. «Das rührt auch von meinem Glauben an Gott.»

Was Ruedi und Edith Anliker besonders wütend macht, ist die Lebensmittelverschwendung. «Wenn ich jünger wäre, würde ich einen Markt für abgelaufene Lebensmittel eröffnen», sagt Ruedi Anliker.

Jünger wird aber auch er nicht. Darum macht er sich bereits jetzt Gedanken, wer denn mal sein Geschäft übernehmen könnte. Von den Kindern hat keines Interesse. «Wenn sich jemand, der die gleiche Leidenschaft wie ich mitbringt, meldet, dann würde ich vielleicht sogar früher aufhören.»

Bis dahin aber wird er von Mittwoch bis Samstag weiterhin auf den Wochenmärkten in der Region und im Limmattal unterwegs sein und den Kunden immer mit einem fröhlichen Spruch auf den Lippen Käse verkaufen.