Windisch
Darum heisst das Transportmittel für psychisch Kranke «s gäle Wägeli»

Die Suche nach einem speziellen Transportmittel für psychisch Kranke führt durch die halbe Schweiz.

Dieter Minder
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Früher war die Psychiatrische Klinik Königsfelden noch eine ummauerte Institution mit Langzeitpatienten.

Früher war die Psychiatrische Klinik Königsfelden noch eine ummauerte Institution mit Langzeitpatienten.

Archiv az/Dominic Kobelt

«Pass uf, söscht holt di ‹s gäle Wägeli›!» Noch in den 70er-Jahren war dies eine geläufige Warnung gegen Leute, die sich etwas seltsam benahmen. Von Leuten, die psychisch krank waren, hiess es oft: «Dä het ‹s gäle Wägeli› gholt.» Nur, wer oder was das ‹gäle Wägeli› war, weiss niemand, gesehen hatte es auch niemand. Immer wurde es im Zusammenhang mit psychiatrischen Anstalten erwähnt. Ob die Klinik Königsfelden in Windisch, die Zürcher Klinik Burghölzli, die Berner Klinik Münsingen oder die Thurgauer Klinik Münsterlingen, «s gäle Wägeli» wird mit allen in Verbindung gebracht, doch es scheint ein rein virtuelles Objekt zu sein.

Mario Etzensberger, früherer Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG), erinnert sich, dass Walo Locher, der 2005 verstorbene Pflegedienstdirektor von Königsfelden, der Frage nach dem «gäle Wägeli» nachgegangen war. Er soll herausgefunden haben, dass in früheren Jahren psychisch Kranke mit Postwagen in die Klinik gebracht wurden. Dokumente, die diese Vermutung belegen, gibt es allerdings nicht. Jürg Härdi, Bereichsleiter Pflege, Fachtherapien und Sozialdienst der PDAG, der nach Lochers Tod dessen Büro räumen musste, fand nichts.

Mit dem Handwagen nach Brugg

Härdi kennt verschiedene Thesen, ist sich aber bewusst, dass sich keine untermauern lässt. Eine geht auf die Zeit zurück, als Königsfelden noch eine ummauerte Klinik mit Langzeitpatienten war. Deren Schuhe wurden beispielsweise von Brugger Schuhmachern repariert und die Schuhe mit Handwagen gebracht und geholt. Dieser Begründung widerspricht, dass der Begriff «s gäle Wägeli» in der ganzen Schweiz bekannt ist. Härdi hat ihn auch schon aus Deutschland gehört.

Im Film «Der Erfinder» wird die Hauptperson Niggli (gespielt von Bruno Ganz) mit einem Pferdewagen in die psychiatrische Klinik eingeliefert. Der Begriff «s gäle Wägeli» war aber bereits vor dem Film bekannt, womit das dort gezeigte Fahrzeug eher eine Folge statt die Ursache der Wortschöpfung ist.

Die Post kommt in Gelb

Die Assoziation zur Post wird vor allem optisch gestützt: Gelb ist die Hausfarbe der Post, gelb sind die Postautos. Doch Karl Kronig vom Museum für Kommunikation in Bern sagt: «Ein direkter Bezug zur Post ist mir nicht bekannt.» Für eine Verbindung zu Postautos gäbe es in den Archiven des Museums keine Hinweise. Er nimmt, wie viele andere an, dass der Begriff seinen Ursprung im Mittelalter hat. Und das ist ein weiterer Erklärungsansatz. Im Mittelalter sollen die Kranken insbesondere die Pestkranken von den Strassen aufgelesen und mit gelben Karren weggeschafft worden sein. Gelb war die Farbe der Schande, sie stand für die Ächtung und Absonderung gesellschaftlicher Gruppen, als Symbol des Aussätzigen, Verstossenen, Unchristlichen, als Signal- und Warnfarbe. Das «gäle Wägeli» könnte also so zu seinem Anstrich gekommen sein.

Ein ehemaliger Pfleger des Psychiatriezentrums Münsingen wollte das «gäle Wägeli» in einem Museum in La Sarraz ausgemacht haben. Und wirklich, dort steht eine gelbe Kutsche mit der Aufschrift Krankenwagen Münsingen. Doch die Recherchen der Berner Zeitung ergeben, dass dieser Krankenwagen nichts mit dem Psychiatriezentrum Münsingen zu tun hat. Er war einst für den Krankenhilfsverein Münsingen gebaut und von diesem eingesetzt worden. Am Schluss des Artikels heisst es: «Das gelbe Wägeli gehört ins Reich der Fantasie, aber nicht in ein Museum.»

Anders sehen es Teilnehmer im Blog zur Geschichte der Gemeinde Weiach (ZH). In mehreren Einträgen wird «s gäle Wägeli» als Krankenauto bezeichnet, mit dem Menschen in die Kliniken eingeliefert worden seien. Eine Person behauptet, sogar, dieses in ihrem Berufsleben im Kanton Basel gesehen zu haben. Dem widerspricht Elisabeth Krauer: «Ein gelbes Wägeli gab es nie.» Die Patienten seien mit normalen Krankenautos oder allenfalls mit einem Polizeiauto in die Klinik gebracht worden. Krauer war von 1951 bis zu ihrer Pensionierung in verschiedenen Funktionen in den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel tätig gewesen und kennt somit die Materie.

Aus Gelb wird Blau

Wie verbreitet der Begriff «s gäle Wägeli» ist, zeigt die Aufnahme ins Schweizerische Idiotikon. Dieses ausführliche Werk zum Schweizerdeutsch in seinen vielen Dialekten macht mit einer Klammer auf die mangelnde Belegbarkeit aufmerksam: «(Fiktives) Fahrzeug, mit dem Geisteskranke in die Anstalt gebracht werden», so der Eintrag. Dafür verrät das Idiotikon eine andere für den Aargau als Kanton der Regionen möglicherweise typische Erscheinung: Im Fricktal heisst es nicht «s gäle Wägeli», sondern «s blaue Wägeli».