Windisch

Dank des Vereins ist sie auch mit ihrem Rollstuhl mobil

Annelise Ringseis (71) sitzt seit 20 Jahren im Rollstuhl und ist Stammkundin beim Rollstuhlfahrdienst.

Dass sie einmal in einem Rollstuhl sitzen würde, hätte Annelise Ringseis nie gedacht. Doch das Schicksal hat erbarmungslos zugeschlagen. Die heute 71-Jährige ist jetzt seit 20 Jahren auf das Gefährt angewiesen. MS hat sie, multiple Sklerose. Eine Erkrankung des Nervensystems, unheilbar.

Ihre Lebensfreude hat Annelise Ringseis nicht verloren. Fröhlich bittet sie den Besuch in ihre Wohnung an der Pestalozzistrasse in Windisch. Am runden Holztisch, auf dem eine einzelne rote Rose in der Vase steht, erzählt sie – brombeerfarbenes T-Shirt und Brille – von ihrer Lebensgeschichte. Im Hintergrund schnarrt der Radiosender SWR 4. Deutscher Schlager, ihre Lieblingsmusik. Eine Erinnerung an früher.

Früher. An diese Zeiten denkt die Seniorin gerne. Viel lieber als an die Zukunft. Daran zum Beispiel, wie sie viel mit ihrem Mann unterwegs war, Reisen nach Griechenland, Zypern und Mallorca unternahm. Heute möchte sie nicht mehr verreisen, meint sie. Die Erinnerungen würden ihr reichen.

Kinder waren dem Paar nicht vergönnt. Am Anfang sei dies hart gewesen, zu akzeptieren. «Aber irgendwie habe ich mich daran gewöhnt», sagt sie. «Wir hatten dafür als Ehepaar viel Zeit gemeinsam.» Beide verwirklichten sich im Beruf. Annelise Ringseis führte zwölf Jahre lang den Kiosk im Holzhäuschen an der Kestenbergstrasse in Windisch.

Sie wollte im Quartier bleiben

Einschneidend war dann die Diagnose MS, die Annelise Ringseis im Jahr 1988 erhielt. Die Krankheit verlief langsam. 1996 ging es aber nicht mehr ohne Rollstuhl. «Ich merke die Krankheit vor allem in meinen Beinen», sagt Annelise Ringseis. Das Ehepaar musste umziehen, weil im Wohnblock kein Lift eingebaut war. «Für mich war aber die Bedingung, dass wir im gleichen Quartier bleiben», erinnert sich die 71-Jährige. «Schon nur wegen der Leute hier, die ich gut kenne.»

Die Ringseis hatten Glück und fanden im gleichen Quartier eine Wohnung. Es war eine schlimme Zeit für Annelise Ringseis. Sie habe gehadert, mit der Welt und mit sich selber geschimpft, sich gefragt, warum gerade sie an dieser Krankheit leiden muss. Doch irgendwie schaffte sie es, die negativen Gedanken zu überwinden.

«Die allergrösste Hilfe dabei war mein Mann», sagt sie. «Aber auch mein Umfeld hat gut reagiert. Plötzlich achteten sich alle darauf, welche Orte für Rollstuhlfahrer geeignet sind.» Hilfsbereite Menschen treffe sie häufig an. «Auch viele Ausländer kommen und bieten mir ihre Hilfe an», sagt sie. «Meistens brauche ich die aber gar nicht. Dann sage ich: ‹Nein danke, aber schön, dass Sie gefragt haben.›»

Schon die Diagnose der Krankheit war ein harter Schlag für Annelise Ringseis. Ein weiterer kam im Jahr 2010 dazu. Ihr Mann starb urplötzlich nach dem Mittagsschlaf. Eine Lungenembolie. Mit dem Tod ihres Ehemanns kam auch die Angst auf, was denn jetzt aus ihr wird. «Ich dachte: ‹Jetzt muss ich ins Heim.›», erinnert sich Annelise Ringseis. «Doch das wollte ich gar nicht.» Musste sie auch nicht. Die Spitex klärte sie über ihre Möglichkeiten auf und half beim Organisieren. Sie konnte weiterhin in ihrer Wohnung bleiben.

Unterstützung kommt von vielen

Am Morgen erhält sie Hilfe von der regulären Spitex, für den Abend hat sie eine private Spitex angestellt. «Ich bin eine Nachteule und will jeweils spät ins Bett», verrät Annelise Ringseis lächelnd. Eine Freundin im Wohnblock bietet ihr ebenfalls Unterstützung an.

Hilfe bekommt sie bis heute auch vom Verein Rollstuhlfahrdienst Region Brugg. «Dank dem Verein bin ich immer noch mobil», freut sich Annelise Ringseis. «Einmal pro Woche fahre ich so nach Nussbaumen, wo ich aufgewachsen bin.» Dort trifft sie ihre Schwester und ihren Bruder, macht den Wocheneinkauf oder geht zum Coiffeur. Auch wenn sie Physiotherapie hat, ist es der Fahrdienst, der sie hinbringt. «Ganz toll ist, dass der Fahrdienst auch abends verfügbar ist», so Annelise Ringseis. «So konnte ich kürzlich mit meiner Schwester in den Ausgang für ein feines Znacht auswärts.»

Annelise Ringseis ist seit 30 Jahren Gönnerin des Vereins. Schon zu jener Zeit, als sie selber noch nicht auf den Rollstuhl angewiesen war. Heute ist sie es. Und trotzdem kann sie ein selbstbestimmtes Leben führen. Aber: «Ich denke oft daran, wie es wäre ohne Rollstuhl. Manchmal möchte ich einfach aufstehen und spazieren gehen», sagt sie. Über die Zukunft will sie sich keine Gedanken machen. «Die schiebe ich auf die Seite.»

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