Ein Blick in die Menükarte – und schon läuft einem das Wasser im Mund zusammen. An diesem Tag gibt es zum Beispiel Brotsuppe, Salat, Lammgigot, Hirsotto und Wirsing.

Beim zweitletzten Wort wollen die Besucherin gerade leise Zweifel befallen, doch ein Blick zu Hansruedi Vogt verscheucht diese im Nu. «Sie lesen richtig: Hirsotto. Ein Risotto aus Hirse.» In Vogts blauen Augen funkelt es vergnügt. Die Besucherin fragt nach, zeigt sich angetan – das mag er.

Kochen ist Vogts Leidenschaft. Wie ein Musiker komponiert er Menüs nach dramaturgischen Gesichtspunkten und macht damit Menschen glücklich. Er spricht von Pensionären und meint damit jene vielen Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums Brugg (AZB), die er seit 1976 bekocht. Die Gegenwartsform muss Ende Februar der Vergangenheitsform Platz machen: Dann geht Hansruedi Vogt, ein Brugger Urgestein, in Pension.

Glauben tut ihm das zwar keiner. Zu jugendlich-neugierig tritt er einem gegenüber. Dass 38 Jahre seit 1976 bis 2014 nur so vorbeigerauscht sind, nimmt man ihm sofort ab. Dass er nach dem heutigen grossen Abschiedsfest in ein Loch fallen wird, kommt einem nicht im Traum in den Sinn. «Ich habe mich sehr gut auf meine Pensionierung vorbereitet», sagt er.

Vogt hat in Riniken Land mit einem Bienenhaus gekauft und will sein Tai-Chi – eine chinesische Kampfkunst – pflegen, das er seit 12 Jahren als «grosses Hobby» pflegt. «Schon als Kind fühlte ich mich von China und Japan angezogen», sagt er, «aber dort war ich noch nie.» Das kann noch werden.

Eines Tages kam ein Anruf

Zu dem geworden, was er heute ist – Küchenchef – ist er dank seiner Mutter. «Sie hat in Brugg in einem Restaurant gearbeitet; ich war von der Küche fasziniert.» Hansruedi Vogt lernte im Badener Hotel Linde, absolvierte die Küchenchefschule im Militärdienst, war im Lausanner «Continental» tätig, bis er 1975 einen Anruf erhielt.

Es war der 9. Dezember. «Ich feierte damals gerade meinen 26. Geburtstag, als mir das Alterszentrum Brugg mitteilte, dass eine Stelle als Küchenchef frei wäre. Ob ich vielleicht . . ?» Vogt sagte zu, die Aufgabe interessierte ihn brennend. Aus und vorbei mit einer möglichen Karriere, die ihn mit dem Duft der grossen weiten Welt beglückt hätte? Hansruedi Vogt blickt sein Gegenüber aus blauen Augen an, die ihre sanfte Ironie nicht verbergen wollen.

Grosse, weite Welt? Was heisst das schon? Nichts. «Für mich war es eine ideale Situation, weil meine neue Arbeitsstelle nur gerade 900 Meter von meinem Haus entfernt war.» Und damit ganz nahe bei seiner Frau und den Kindern, die er deswegen oft sehen konnte. Viel hat sich seit Hansruedi Vogts Amtsantritt getan. Heute werden in der Küche elf Angestellte, zwei Lernende und ein Zivilschützer beschäftigt. Ein Team, das täglich 160 Menüs und viermal pro Woche den Kindermittagstisch bereitstellt, will heissen: Essen in die Schulen liefert.

Viele Lernende hat Vogt ausgebildet; unzählige Kochkurse hat er selbst absolviert oder gegeben; vieles hat er kreiert und initiiert – etwa das Café Rondino. Und, und – es will kein Ende nehmen. «Hansruedi Vogt ist eben ein Stück AZB», sagt Zentrumsleiter Heinz Pulfer über ihn.

38 Jahre sind eine lange Zeit. Diese könnte der scheidende Küchenchef leicht zum Anlass eines vor allem nostalgischen Rückblicks nehmen. Nichts davon. Vogt nimmt das Wörtchen «früher» selten in den Mund. Höchstens dann, wenn er von der Küche spricht: «Diese war in früheren Zeiten einfacher», sagt er und kommt auf Gerichte zu sprechen, die er besonders schätzt: Aargauer Braten (Schweinsbraten mit Zwetschge und Kartoffelstock) oder Kalbsnierenbraten. Und nicht zu vergessen Grossmutters Hörnli mit Gehacktem. Sie sind in Brugg legendär.

Löschen muss der Bruder nichts

Über 20 Jahre hat das AZB zweimal im Jahr das Marktbeizli im Salzhaus Brugg betrieben. Dann wollte das AZB nicht mehr – seither führt Vogt das beliebte Beizli mit Souschef Roger Wagner weiter. Und das werde auch so bleiben, sagt Vogt, denn, nicht wahr: So richtig in Pension gehen . . . das geht doch einfach nicht.

Übrigens: Sein Bruder Kurt, «der einzige Profi-Feuerwehrmann in Brugg», wird ebenfalls Ende Februar pensioniert. «Aber das», sagt Hansruedi Vogt lachend, «ist dann für uns beide ein ganz spezieller Anlass zum Feiern.» Löschen muss Kurt Vogt jedenfalls nichts – am wenigstens Hansruedi Vogts Feu sacré fürs Kochen.