Remigen
Cordula Soland war acht Jahre lang Gemeindeammann: «Ich sah mich nie als Politikerin»

Cordula Soland (56) wuchs im Zürcher Oberland auf und wohnte später in Aesch BL. Nach Remigen kam sie durch den Beruf ihres Mannes. Jetzt tritt sie nach 18 Jahren im Gemeinderat – davon 8 als Gemeindeammann – zurück. «Trotz grosser Belastung hat das Positive überwogen», sagt sie im Interview mit der az.

Michael Hunziker
Drucken
«Trotz grosser Belastung hat das Positive überwogen», sagt Cordula Soland, hier im Sitzungszimmer im Gemeindehaus.

«Trotz grosser Belastung hat das Positive überwogen», sagt Cordula Soland, hier im Sitzungszimmer im Gemeindehaus.

Severin Bigler

Cordula Soland ist entwaffnend ehrlich: Sie habe sich gut überlegt, ob sie sich – kurz vor ihrem Abschied als Gemeindeammann in Remigen – für einen Interview-Termin zur Verfügung stellen will, sagt sie mit einem kecken Lachen. Denn in ihren insgesamt 18 Jahren im Gemeinderat, die letzten 8 als Gemeindeammann, sei es nicht um ihre Person gegangen, sondern um die laufenden Geschäfte. Sie hat sich dann doch zum Gespräch durchgerungen, steht frisch und munter Red und Antwort am grossen Tisch im Sitzungszimmer im Gemeindehaus an diesem Dezembermorgen.

Frau Soland, dem Besucher in Remigen fällt sofort die Überbauung auf, die derzeit entsteht im Unterdorf. Zählt dieses Grossprojekt zu den Höhepunkten in Ihrer langen Amtszeit?

Cordula Soland (überlegt): Höhepunkt ist nicht das richtige Wort, das tönt, als hätten wir wie auf ein Ziel darauf hingearbeitet. Das Thema Unterdorf zeigt für mich, was mit einem stetigen Dranbleiben bewirkt werden kann, dass gute Resultate möglich sind, wenn man sich nicht mit der erstbesten Lösung zufriedengibt. Das Land lag lange brach. Die Entwicklung war blockiert.

Und da wurde der Gemeinderat aktiv?

Wir haben uns für einen Gestaltungsplan entschieden – auch, um den Landbesitzern Hand bieten zu können. Begleitet wurden wir von Fachbüros. Der Planungs- und Baubewilligungsprozess war anspruchsvoll. Jetzt ist zu sehen, was mit Ausdauer entstehen kann. Die ersten Bezüge sind im nächsten Frühling oder Sommer vorgesehen.

Gebaut wird ein komplett neues Quartier, die Einwohnerzahl wird auf einen Schlag um rund 300 Personen auf 1400 steigen. Birgt dieses schnelle Wachstum nicht auch Gefahren?

Das ist sicher ein grosser Schritt. Wir wissen nicht genau, wer zuzieht, welche Anforderungen auf uns zukommen. Ich sehe es positiv, wir werden einen Weg finden. Dieses Projekt hat sich wie ein roter Faden fast durch meine ganze Amtszeit gezogen.

Zur Person: Eine neue Heimat gefunden

Cordula Soland (56) wuchs im Zürcher Oberland auf und wohnte später in Aesch BL. Nach Remigen kam sie durch den Beruf ihres Mannes. «Ich bereue es nicht. Es ist eine schöne, neue Heimat geworden.» Das Paar hat eine erwachsene Tochter, die aber «schon lange» nicht mehr im Dorf wohnt. Cordula Soland arbeitet in einem Teilzeitpensum auf dem Flugplatz Birrfeld. Diese Tätigkeit will sie weiter ausüben. «Das ist kein Müssen, sondern ein schöner Ausgleich.» (mhu)

In dieser wurde – 2014 war es – ebenfalls das 950-Jahr-Jubiläum der Gemeinde gefeiert.

Wir haben uns nicht einfach für ein Hauptfest entschieden, sondern unsere traditionellen Anlässe in das Jubiläumsjahr eingebunden. Ich denke, das kam gut heraus. Am Waldarbeitstag zum Beispiel haben wir Kastanienbäume gepflanzt. In 20 oder 30 Jahren können vielleicht Marroni gebraten werden.

Von einem Einwohner kam ebenfalls der Wunsch, wieder einmal die Gemeindegrenze abzumarschieren. Das haben wir aufgenommen. In spezieller Erinnerung bleibt das Konzert von Sängerin und Pianistin Marie Louise Werth, das vom damaligen Vizeammann organisiert wurde. Das war sein Traum, wir dachten zuerst, wir könnten uns das nicht leisten. Aber er hat es geschafft. Das zeigt, was man erreichen kann, wenn man beharrlich bleibt.

Wie haben Sie sich verändert in Ihrer Amtszeit?

Es gibt Gemeinderäte, die behaupten, sie seien stets die Gleichen geblieben. Das bin ich nicht. Gelernt habe ich sicher, Geduld zu haben, gut zuzuhören, auch heikle Gespräche und Verhandlungen zu führen und in schwierigen Momenten ruhig zu bleiben. Wäre ich immer noch die Gleiche wie vor 18 Jahren, würde ich das nicht unbedingt als positiv empfinden. Aber ich habe bestimmt noch die gleichen Werte wie damals.

Diese sind?

Ich sehe mich als konservativ-liberal. Remigen ist für mich das ideale Dorf zum Wohnen. Wir wollen unsere Eigenständigkeit bewahren, jeder soll – wenn immer möglich – selbstständig für seinen Lebensunterhalt aufkommen.

Auf der anderen Seite: Welches waren die Tiefpunkte?

(überlegt) Puh, solche hatten wir eigentlich kaum. Zu schaffen machte vielleicht das Tempo, das in politischen Prozessen eher langsam ist. Die Tätigkeit erschwert hat auch, wenn wir kein Gehör gefunden haben beim Kanton oder dieser gewisse Aufgaben den Gemeinden übertragen hat. Mit dem neuen Finanzausgleich beispielsweise zahlen wir nicht mehr an den öffentlichen Verkehr. Ich bin gespannt, ob nun das Angebot aufrechterhalten wird. Ebenfalls sind in meiner Amtszeit gewisse Bereiche – wie das Bauwesen – komplizierter und komplexer geworden, die Erwartungshaltung aber ist gestiegen.

Gab es Momente, in denen Sie an den Anschlag kamen?

Ja, die hat es gegeben. Ich habe mir vor Ablauf einer Amtszeit immer gut überlegt, ob es für mich noch stimmt, ob ich erneut kandidieren will.

Was hat jeweils den Ausschlag gegeben?

Trotz grosser Belastung hat das Positive überwogen. Die Aufgabe kann einem Zufriedenheit geben. Nicht zu unterschätzen sind die vielen Kontakte, die man in der Region knüpfen kann. Man hat Ansprechpersonen und erhält Tipps, lernt auch andere Sorgen und Nöte kennen. Diesen Austausch habe ich geschätzt, er ist sehr wertvoll. Man kann einander unterstützen, in gewissen Bereichen zusammenarbeiten.

Wo klappt die Zusammenarbeit?

Beim Steueramt haben wir eine regionale Lösung gefunden mit den Gemeinden Rüfenach und Mönthal. Aktuell beschäftigt uns die Integration der Spitex Bözberg-Rein in die Spitex Region Brugg AG. Unsere kleine Spitex kann die steigenden Anforderungen nicht mehr alleine bewältigen. An unserem runden Tisch haben wir Gemeinden hinter dem Bruggerberg dieses Projekt besprochen und angepackt. Villigen hat die Federführung übernommen, wir haben verschiedene Varianten geprüft und jetzt sind wir auf dem Weg. In Zukunft ein Thema sein können ebenfalls die Stellvertreter- und Pikett-Regelungen beim Bauamt oder bei der Wasserversorgung.

Zurück zum Thema Kandidatur: Wie kamen Sie vor 18 Jahren zum Amt im Gemeinderat?

Ich wohnte damals zwar noch nicht lange im Dorf, wurde aber angefragt. Vielleicht kannte man meinen Namen von der Frauenriege. Ich nehme an, dass es nicht allzu viele Freiwillige gab, die sich in den Vordergrund drängten (lacht). Am Anfang konnte ich mir ein solches Amt allerdings überhaupt nicht vorstellen. Mein Mann hat mir gesagt, es brauche dazu vor allem gesunden Menschenverstand. Schliesslich habe ich den Versuch gewagt.

Es war eine grosse Portion Neugierde dabei?

Ja, sicher auch. Ich sah diesen Schritt als Möglichkeit, das Dorf noch besser kennen zu lernen. In das Amt bin ich reingewachsen.

Und sind schliesslich Gemeindeammann geworden.

Nach 10 Jahren im Gemeinderat hätte ich mir ohne weiteres auch einen Rücktritt vorstellen können. Es standen zu dieser Zeit allerdings Wechsel an. Nach einem Jahr als Vizeammann bin ich aus dem Windschatten getreten. Schnell habe ich gespürt, dass der Wind für einen Gemeindeammann etwas rauer sein kann.

Würden Sie trotzdem noch einmal gleich entscheiden?

Ja, ich würde es wieder machen. Man erhält eine Chance, ganz vieles zu lernen. Der Bevölkerung möchte ich danken, dass sie mir das Vertrauen geschenkt hat. Ich erhielt auch viele positive Echos. Das ist ein schöner Lohn.

Wie hat sich die Gemeinde verändert in Ihrer Amtszeit?

Wir hatten eine recht rege Bautätigkeit, die Einwohnerzahl hat sich allerdings kaum erhöht. Viele Junge zogen weg. Das Unterdorf sehe ich deshalb als eine Chance. Geblieben ist Remigen in all den Jahren ein lebendiges Dorf. Wir verfügen über aktive Vereine. Bei Anlässen wie bei den Jugendfesten kann stets auf deren Engagement gezählt werden. Das sind schöne Erinnerungen. Derzeit laufen die Vorbereitungen für das kantonale Turnfest 2018.

Ziehen Sie sich Ende Jahr komplett aus der Politik zurück?

Ich sah mich eigentlich nie als Politikerin. Ich hatte vielmehr eine Aufgabe, die ich nach bestem Wissen und Gewissen wahrnahm. Aus dieser werde ich mich ganz klar zurückziehen. Ich bin froh, nicht mehr entscheiden zu müssen (lacht). Für Anlässe im Dorf, das Vereinsleben oder auch die Gemeindeversammlungen werde ich mich weiterhin interessieren. Ich geniesse und schaue, was auf mich zukommt.

Konkrete Pläne für die gewonnene Freizeit haben Sie nicht?

Ich freue mich darauf, weniger fremdbestimmt zu sein, nicht mehr auf Sitzungstermine Rücksicht nehmen zu müssen. Reisen wird sicher ein Thema. Ein weiteres Hobby, das ich zusammen mit meinem Mann ausübe, ist das Fliegen ab dem Birrfeld. Er ist der Pilot, ich die Co-Pilotin. Wir können nun einmal spontan etwas unternehmen, wenn am Abend oder am Wochenende schönes Flugwetter herrscht.

Welchen Tipp geben Sie Ihrem Nachfolger Markus Fehlmann auf den Weg?

Sich selber zu bleiben, immer gut zuhören, nicht das Gefühl zu haben, die ganze Verantwortung alleine tragen zu müssen. Man ist ein Fünfergremium, die Entscheide werden gemeinsam gefällt. Wichtig ist, dass man Vertrauen hat in seine Gemeinderatskollegen, gewisse Bereiche abgeben kann, dass die Zusammenarbeit mit der Verwaltung funktioniert und diese einen unterstützt. In meiner Zeit hat es vom Team her stets gepasst, wir haben uns gut verstanden. Bei Wechseln war spannend, zu sehen, wie sofort eine neue Dynamik entstand. Die Neuen kommen mit neuer Energie und mit neuen Ideen.

Aktuelle Nachrichten