Brugg

Claudio Cassanos ist ein Mann fürs Grobe – und auch fürs Feine

Claudio Cassano: «Irgendwann kommt eine Inspiration – oft mitten in der Nacht.» ASP

Claudio Cassano: «Irgendwann kommt eine Inspiration – oft mitten in der Nacht.» ASP

Claudio Cassanos erste grosse Anschaffung, auf die er lange sparte, war weder ein Auto noch ein Motorrad – sondern eine Schweissanlage, denn er verfolgt seine künstlerische Laufbahn konsequent und trotzdem setzt er sich nicht unter Erfolgsdruck.

«Alles braucht seine Zeit, man kann nichts erzwingen», sagt Claudio Cassano. Mit dieser Lebenseinstellung ist der Brugger Künstler bisher gut gefahren. Er ist bekannt für seine Leuchten und Objekte, in denen er Fundstücke, Halbedelsteine und wertvolle Metalle mit viel handwerklichem Geschick zusammenfügt.

Auf dem Schrottplatz, dem Flohmarkt oder in der freien Natur findet er «Schätze», auf die andere keinen Blick verschwenden würden. Doch bis die Teile passen und reif sind für die Verarbeitung, liegen sie oft monatelang im Atelier herum. 

Cassano setzt sich nicht unter Druck. «Irgendwann kommt eine Inspiration – oft mitten in der Nacht», erklärt er völlig entspannt. Beim Arbeiten zielt er nie darauf hin, gefällig zu sein, sondern richtet den Fokus ganz auf sein eigenes ästhetisches Empfinden.

Und macht sich auch keinen Stress, was den Verkauf seiner Werke angeht: «Es kann lange dauern, bis ein Käufer oder eine Käuferin auf eine meiner Kreationen anspricht.» Seine Klientel kommt mittlerweile aus der ganzen Schweiz.

Für die Bibliothek in Windisch gestaltete er einen 2,5 Meter hohen Buchdeckel aus Stahl mit hinterleuchtetem Schriftzug. Er präsentierte seine Exponate in Frankreich, Belgien, Luxemburg und Holland, beteiligt sich an einer Dauerausstellung in Ascona und führte mit Partnerin Regula Zimmerli in Saas-Fee drei Jahre lang seine eigene Galerie, bevor die beiden 2014 an der Aarauerstrasse in Brugg neue Räumlichkeiten mieteten. Mit der Galerie Immaginazione ist auch der grosse Wunsch in Erfüllung gegangen, Gastkünstlerinnen und -künstler eine Plattform zu bieten.

«Ein typisches Immigrantenkind»

Er schweisst, schleift, stanzt, biegt, bohrt. Giesst russbeschmiert Bronze in seinem selbst gebauten Ofen mitten im Wald von Villnachern. Lässt die Späne fliegen, wenn er mit seiner Motorsäge an einem Holzstück zugange ist. Claudio Cassano ist der Mann fürs Grobe.

Aber auch fürs Feine. Eine alte weggeworfene Backform kombiniert er mit einer Platte aus rohem Stahl, in die er mit dem Plasmagerät haarfeine Fischfiguren hineinschneidet.

In der Mitte schimmert ein kostbarer Achat. Das Hirschgeweih aus Saas-Fee verziert er mit hauchdünnem Blattgold, hinterlegt es mit einem Lochblech aus der Abfallmulde und bestückt das Ganze mit kleinen LED-Lämpchen.

Ein altes Cheminéegitter kombiniert er mit Bronzeverzierungen und Kerzenleuchtern, die er aus Rückhaltern von Fensterläden gestaltet hat. Fast alle Objekte sind mit Licht versehen und verändern ihre Optik je nach Tageszeit.

«Ich bin ein typisches Immigrantenkind», erzählt Cassano über seine Jugend. Seine Eltern kamen in den Sechzigerjahren aus Apulien nach Brugg ins Altenburg-Quartier. Der Vater war Fabrikarbeiter, das Einkommen für die sechsköpfige Familie knapp. Cassano: «Wir hatten kein Telefon, feuerten mit Holz und versorgten uns selber aus dem, was unser Garten abwarf.»

Wenn man sich etwas nicht leisten konnte, wurde darauf verzichtet. «Ich habe bis heute noch nie etwas auf Pump gekauft», schildert Cassano. Nach der Spenglerlehre bezog er seine erste eigene Bleibe.

Weil ihm die meisten käuflichen Einrichtungsgegenstände nicht gefielen oder zu kostspielig waren, fing er an, selber kleine Möbel und vor allem Lichtobjekte herzustellen. Was er schuf, gefiel seinen Freunden und er bekam kleine Aufträge. So fing seine Künstlerlaufbahn an.

Aus Werkstatt wurde «Artbar»

Cassanos erste grosse Anschaffung, auf die er lange sparte, war weder ein Auto noch ein Motorrad – sondern eine Schweissanlage. Weil seine eigenwillige Kunst immer mehr Liebhaber fand, konnte er die Spenglerarbeiten reduzieren.

Mit 24 machte er sich selbstständig. Existenzängste plagten ihn nie. «Ich lebe im hier und jetzt, plane nie lange voraus und hadere nicht mit dem Schicksal. Das bringt nichts», ist er überzeugt. Konsumgüter bedeuten ihm nach wie vor wenig. «Ich könnte von heute auf morgen auf praktisch alles verzichten», behauptet er.

Die Werkstatt war 10 Jahre lang Schauplatz für die Eventreihe Artbar, die er mit Zimmerli sowie Claudia Piani und Robbie Caruso veranstaltete. Die Mixtur aus Kunst, Musik und Bar gilt bis heute als Highlight in der Brugger Veranstaltungsagenda.

«Wir hörten ganz bewusst auf dem Höhepunkt damit auf», meint Cassano. Er ist auch Mitinitiant der 2012 aus der Taufe gehobenen Ausstellung «Kunst auf dem Schrottplatz», die alle zwei Jahre auf dem Schrottplatz von Dominik Bingisser in Brugg über die Bühne geht und spektakuläre Installationen inmitten von Überseecontainern und Bergen von Altmaterial bietet. Fragt man Claudio Cassano nach seinem Credo, erwidert er ganz nüchtern: «Einfach leben – und zufrieden sein, mit dem, was man hat.» Damit hat er es weit gebracht.

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