Die Auswanderer

«Ciao Schweiz!» – dieses Aargauer Paar wandert heute nach Südafrika aus

Er mit seinem Velo und sie mit der Klangschale: Maurizio Massignani und Ruth Deflorin aus Lupfig freuen sich auf den neuen Lebensabschnitt.

Er mit seinem Velo und sie mit der Klangschale: Maurizio Massignani und Ruth Deflorin aus Lupfig freuen sich auf den neuen Lebensabschnitt.

Maurizio Massignani und Ruth Deflorin wandern nach Südafrika aus – als Rentner bezahlen sie da keine Steuern.

Wenn Ruth Deflorin (58) und Maurizio Massignani (66) heute Montagabend am Flughafen Zürich das Flugzeug besteigen, wird ein neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen. Mit einem One-Way-Ticket gehts nach Kapstadt in Südafrika. Im Oktober 2015 haben sich die beiden in einem Vorort ein Haus gekauft, in dem sie die kommenden Jahre wohnen möchten. Die Auswanderer empfingen die az in der Eigentumswohnung in Lupfig, nur wenige Tage, bevor das verbleibende Hab und Gut in einen Container verfrachtet wurde.

Es herrscht Aufbruchstimmung. «Nur, was wir beide noch wollen, nehmen wir nach Südafrika mit – so auch das Bett», sagt Ruth beim Gespräch am Küchentisch und lacht. Vieles haben sie bereits verschenkt oder verkauft. In der Ecke vor dem Schlafzimmer steht eine hölzerne Giraffe, die Ruth von einem Besuch bei ihrem Bruder, der seit 20 Jahren in der Elfenbeinküste lebt, mitgebracht hat. Nun kehrt diese wieder nach Afrika zurück.

In Italien nicht fündig geworden

Auf die Idee, nach Südafrika auszuwandern, kamen Ruth und Maurizio vor einem Jahr, als sie dort ihre Ferien verbrachten. Ursprünglich hatte Maurizio aber einen komplett anderen Plan für die Zeit nach seiner Pensionierung. Auf der Suche nach Arbeit kam der gebürtige Norditaliener 1968 mit dem Zug in die Schweiz.

Bei der Firma BBC/ABB fand er eine Anstellung und arbeitete sich während 47 Jahren von der Produktion in der Werkstatt bis zum technischen Berater im Büro hoch. In der Freizeit war er oft mit dem Velo unterwegs. Da es ihm im Winter in der Schweiz zu kalt und nass ist, wollte der mittlerweile eingebürgerte Schweizer zurück nach Italien, wo sein Bruder lebt. Maurizio machte sich auf die Suche nach einem attraktiven und bezahlbaren Haus an der Adriaküste. Er zog einen Makler bei, fand aber nichts Geeignetes und gab seinen Traum von einem Haus in Italien im Mai 2015 auf.

Der Wunsch, in ein wärmeres Land auszuwandern, blieb allerdings bestehen. Auch Thailand war eine Option. Doch allzu heiss sollte das Klima in der neuen Heimat schon wegen des Velofahrens nicht sein. Dann kam plötzlich Südafrika ins Spiel: Ruth und Maurizio erinnerten sich an die schönen Ferien, die faszinierende Tierwelt, die beeindruckende Landschaft und lernten über Bekannte Schweizer kennen, die in Südafrika leben.

Es brauchte Überzeugungsarbeit

Das Paar engagierte erneut einen Makler, der ihm nach kurzer Zeit interessante Liegenschaften anbot. Während eines Monats schauten sich Ruth und Maurizio vor Ort zwölf Häuser an, einige davon befanden sich noch im Bau. Ruth verliebte sich in ein grosses Haus mit Garten in Somerset West, eine halbe Stunde vom Flughafen Kapstadt und fünf Minuten mit dem Auto vom Strand und vom Einkaufszentrum entfernt. Besonders angetan war sie vom Raum neben der Garage, der sich perfekt als Yoga-Zimmer eignet.

Ein bisschen Überzeugungsarbeit bei Maurizio brauchte es schon noch, bis der Kaufvertrag unterzeichnet war. «Ich bin sehr glücklich, dass ich vor 17 Jahren einen Partner kennen gelernt habe, der diesen Schritt nun mit mir wagt», sagt Ruth. Wie in Südafrika üblich werden sie eine Haushalthilfe und einen Gärtner anstellen.

Maurizio will sich bei der Überwachung des weissen Wohnquartiers in Zweiergruppen engagieren. Die nahegelegenen Weinberge und Gebirgszüge laden zum Velofahren ein. Bereits kennen gelernt haben sie ihre neuen Nachbarn. Mit einigen von ihnen dürften die Schweizer künftig auf einem der sieben Golfplätze in der Nähe anzutreffen sein. Auch sozial möchten sie sich einbringen, sei es über Kinderpatenschaften oder bei der Mithilfe am Quartier-Strassenfest am 6. Dezember.

Mit 50 neues Standbein aufgebaut

Ruth arbeitete bis letzte Woche noch als Assistentin eines Geschäftsbereichsleiters bei der ABB. «Mit dem Kurs 57+ von Maurizios Arbeitgeber begannen wir, intensiv über unsere Lebensvorstellungen zu diskutieren», erinnert sie sich. Ihr wurde damals schnell klar, dass sie sich angesichts der unsicheren Wirtschaftslage ein zweites Standbein erarbeiten wollte.

Mit 50 liess sie sich deshalb zur Yoga-Lehrerin und Klangschalen-Therapeutin ausbilden. Einen Schritt, den sie nie bereut hat und der sich in Südafrika auszahlen könnte. «Im Yoga-Zimmer möchte ich künftig Kurse anbieten, auch für Leute, die es sich nicht leisten können», sagt die verwitwete Mutter einer 39-jährigen Tochter. Letztes Jahr reduzierte ABB Ruths Büro-Job von 100 auf 60 Prozent. Und ab 2017 ist diese Stelle ganz gestrichen. Es macht den Anschein, als könnte der Zeitpunkt fürs Auswandern kaum besser sein.

Der heutige Abschied von der Schweiz wird Ruth, die mit sechs Geschwistern in Fislisbach aufgewachsen war, und Maurizio trotz grosser Vorfreude nicht einfach fallen. Dank Skype, Whatsapp und Mails werden sie mit den Daheimgebliebenen unkompliziert in Kontakt bleiben. Die Wohnung in Lupfig sei an ein älteres Ehepaar aus dem Eigenamt vermietet, sagt Maurizio. Sein grösstes Ziel sei es, die nächsten Jahre in vollen Zügen zu geniessen. Ein nicht allzu schwieriges Vorhaben, wenn man bedenkt, dass man in Südafrika mit 55 Jahren zu den Rentnern gehört und Rentner keine Steuern bezahlen.

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