Freitag, 10. April 2015, kurz nach Mittag an der Fröhlichstrasse in Brugg. Ein Chauffeur hat seine sechste Ladung Beton auf der Baustelle abgeliefert und will vom Abladeplatz wegfahren. Er tut, was er immer tut, bevor er wegfährt: Er schaut auf die Strasse, er blickt sorgfältig in alle Spiegel, dann fährt er langsam los. Dass sich vorne rechts, im toten Winkel, ein 81-jähriger Mann mit Rollator befand, konnte er nicht sehen. Der Lastwagen überrollte den Rentner, der dabei ums Leben kam.

«Zuerst habe ich an den Chauffeur gedacht – und an die Angehörigen»: Beim Pflegezentrum «Süssbach» ist man tief betroffen ob des tragischen Unfalls.

«Zuerst habe ich an den Chauffeur gedacht – und an die Angehörigen»: Beim Pflegezentrum «Süssbach» ist man am Unfalltag tief betroffen.

(10. April 2015)

Seit 13 Jahren fährt der 40-jährige Italiener schon Lastwagen. Er gilt als zuverlässiger und äusserst vorsichtiger Fahrer. Bisher zu jenem 10. April hatte er noch nie einen Unfall, ja nicht einmal einen Kratzer verursacht.

Der Unfall macht ihm schwer zu schaffen. Ein halbes Jahr lang getraut er sich nicht mehr ans Steuer. Inzwischen fährt er wieder, aber er hat die Freude am Beruf verloren.

Anklage: fahrlässige Tötung

Die Staatsanwaltschaft klagte den Chauffeur wegen fahrlässiger Tötung an. Denn er habe pflichtwidrig unvorsichtig gehandelt. Konkret: Er hätte vor dem Wegfahren vollständig um sein Fahrzeug gehen sollen, um sicher zu seine, dass sich da niemand befinde. Mit mehr Aufmerksamkeit wäre es zudem möglich gewesen, den Rentner rechtzeitig zu sehen. Allenfalls hätte der Chauffeur auch eine Hilfsperson beiziehen müssen, die ihn mit Handzeichen leiten und allenfalls rechtzeitig hätte stoppen können. Schliesslich hätte der Fahrer wissen müssen, dass in der Nähe des Alterszentrums Brugg mit gehschwachen Personen zu rechnen sei.

Hätte also der Chauffeur besonnen gehandelt, hätte der Tod des 81-jährigen Mannes vermieden werden können, argumentierte die Staatsanwaltschaft. Daher sei der Lastwagenfahrer schuldig zu sprechen und zu einer bedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen zu 80 Franken zu verurteilen, samt Busse von 2000 Franke und der Übernahme der Verfahrenskosten.

Verteidigung: Freispruch

Den Angeklagten treffe keinerlei Schuld, erklärte Pflichtverteidigerin Jeanine Breunig-Hollinger. Der Rentner habe sich im für Fussgänger deutlich sichtbar abgesperrten Bereich befunden. Der Chauffeur habe deshalb davon ausgehen können, dass sich im gesperrten Bereich niemand befinde. Und zu verlangen, dass ein Chauffeur jedes Mal bevor er losfährt, zuerst eine Runde um sein Gefährt machen müsse, sei unrealistisch. Der Chauffeur habe sich korrekt verhalten, alle Vorschriften erfüllt, habe mit geöffnetem Fenster die Strasse kontrolliert, sämtliche Spiegel konsultiert.

LKW überrollt Senior: Todesbaustelle in Brugg wird sicherer

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Nach dem tödlichen Unfall in Brugg zog die Baustellen-Leitung Konsequenzen. (14. April 2015)

Beim Opfer handelte es sich um einen gehschwachen Mann mit eingeschränktem Hörvermögen, der meist ohne Hörgerät unterwegs war. Hätte er sein Hörgerät getragen, hätte er sich an den markierten Weg gehalten, wäre es höchstwahrscheinlich nicht zu Unfall gekommen. Es gebe immer wieder Unfälle, bei denen man niemandem die Schuld zuweisen könne. Hier handle es sich um einen solchen Unfall. Entsprechend verlangte die Verteidigerin einen Freispruch.

Das Bezirksgericht Brugg unter dem Vorsitz von Präsidentin Franziska Roth folgte mehrheitlich der Argumentation der Verteidigung und sprach den Chauffeur vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Es berief sich dabei auch auf das Vertrauensprinzip: Der Chauffeur habe damit rechnen dürfen, dass sich auch die andern Verkehrsteilnehmer regelkonform verhalten. Er musste also nicht damit rechnen, dass jemand dort steht, wo er nicht hingehört. Der Chauffeur schien sehr erleichtert.