«Am 9. November um 8 Uhr schrien Frauen auf dem Marktplatz von Al Quriyah in Panik auf und suchten Schutz vor den Geschossen, die vom Himmel prasselten. Die Artillerie tötete an diesem Frauen-Markttag 21 Zivilisten. Ein Zeuge sah verstreute Tote mit abgetrennten Gliedern und Köpfen.»

In ihrem neusten Buch «Im Namen der Opfer» beschreibt Carla Del Ponte schonungslos, was sie in den knapp sieben Jahren in der UNO-Sonderermittlungskommission zu Syrien erlebt hat. Die Lektüre lässt einen konsterniert zurück. Hoffnungslos und wütend. Traurig und hilflos. Man möchte jeden einzelnen Politiker, der in der UNO Einsitz nimmt, schütteln. Das ist von Del Ponte natürlich beabsichtigt. Schenkt man den Ausführungen der ehemaligen UNO-Chefanklägerin Glauben, gibt es für Syrien keine Hoffnung mehr. Die internationale Staatengemeinschaft scheint kein (politisches) Interesse daran zu haben, etwas an der Situation in diesem Land, in dieser Region, zu ändern.

Erstmals vor Publikum über ihr neues Buch sprach Carla Del Ponte am Mittwochabend an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch. Eingeladen wurde sie von Dozent Andreas Petersen im Rahmen der öffentlichen Vorlesungsreihe «CampusGlobal». Im Normalfall reicht die Aula an der Klosterzelgstrasse mit 200 Plätzen dafür problemlos aus. Carla Del Ponte aber lockte über 600 Interessierte an. «500 haben sich offiziell angemeldet», sagte Stephan Burkart, Dozent und Leiter Praxistransfer an der FHNW. «Etlichen mussten wir absagen.» Die Veranstaltung musste in den Lichthof im Hallerbau transferiert werden.

Durchaus ernst

Wer sich vom Referat von Del Ponte total neue Erkenntnisse erhoffte, wurde enttäuscht. Klar: Im Anschluss gab es ihr neues Buch zu kaufen. Da will man ja nicht vorweg greifen. Die Ex-UNO-Chefanklägerin und Botschafterin sparte dafür nicht mit unterhaltsamen Anekdoten aus ihrer Karriere. Die zierliche Frau mit Louis-Vuitton-Gürtel und Goldkette schaffte es im Nu, mit ihrem Charisma und ihrer rhetorischen Begabung, dass die Anwesenden an ihren Lippen hingen. Scharfzüngig und pointiert skizzierte sie ihren Werdegang, ihren Umgang mit Grössen wie Angela Merkel oder dem Papst. Zwischen den unterhaltsamen Anekdoten wurde die Tessinerin, die in ihrer Freizeit gerne Golf spielt, aber durchaus auch ernst.

Zum Schmunzeln

Zum Schmunzeln

Carla del Ponte über Angela Merkel, die sich ihr gegenüber stets «unsympathisch» verhalten hat, und den Papst, der sich weigerte, sie zu empfangen.

Sie sparte nicht mit Kritik an der UNO, an der internationalen Staatengemeinschaft und an ihren Kommissions-Kollegen. «Die internationale Justiz kann nur existieren, wenn es die Staaten so wollen», betonte sie. «Die Staatengemeinschaft will es aber nicht, Syrien ist das beste Beispiel dafür.» Und in der UNO sässen zu viele Leute, die den lieben langen Tag nichts arbeiten würden.

Kinder werden gefoltert und getötet

Die UNO-Kommission mit Carla Del Ponte, die zu Syrien ermittelte (Ende Dezember 2017 stieg Del Ponte unter lautem Getöse aus), führte etliche Zeugenbefragungen durch, hatte Beweise von Kriegsverbrechen, von Menschenrechtsverletzungen gesammelt. Beweise, dass chemische Waffen eingesetzt werden, dass Folter an der Tagesordnung ist, dass sämtliche beteiligten Parteien Gräueltaten ausüben. «Ich habe in meiner Zeit als Chefanklägerin die Verbrechen in Jugoslawien und Ruanda erlebt. In Jugoslawien haben Kinder teilweise immerhin überlebt», schilderte Del Ponte, «In Syrien aber werden sie gefoltert und getötet. Und es kommt noch schlimmer: Viele Kinder müssen auf der Flucht sterben.» Es sei ihr unbegreiflich, warum Flüchtlingen der Weg in die Sicherheit noch so erschwert wird.

«Was ist passiert? Niemand hat etwas getan»: Carla del Ponte über die Sonderkommission

«Was ist passiert? Niemand hat etwas getan»: Carla del Ponte über die Sonderkommission.

Sie kritisierte, dass die Kommission, trotz ihren Beweisstücken, nie ernst genommen wurde. Um überhaupt ein Tribunal einberufen zu können, um die Kriegsverbrecher offiziell zur Verhaftung ausschreiben zu lassen, braucht es die Zustimmung des UNO-Sicherheitsrats. Fünf Länder haben permanenten Einsitz, zehn Länder werden jeweils gewählt. Die fünf ständigen Staaten haben das Vetorecht. Russland und China gehören dazu. Und genau diese beiden Staaten haben es gemäss Del Ponte bis heute verhindert, dass ein Tribunal eingerichtet werden kann. Hintergrund: Es ist kein Geheimnis, dass Russland mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gemeinsame Sache macht. «Niemand weiss warum, es ist Politik», so Del Ponte. «Nach dem Jugoslawien-Tribunal mussten Kriegsverbrecher fürchten, dereinst ins Gefängnis zu kommen. Das ist zurzeit nicht der Fall. Menschenrechte existieren bald nicht mehr.» Es brauche endlich eine Justiz für die Opfer des syrischen Kriegs. Obwohl die Zukunftsprognosen für Syrien düster sind, sagte Del Ponte: «Ich habe Hoffnung. Auch Assad wird dereinst vor Gericht erscheinen müssen.» Und so schreibt sie auch in ihrem Buch:

«Ich habe keine Zweifel daran, dass Assad zu lebenslanger Haft verurteilt würde. [...] Falls die Giftschlangen lesen können, seid versichert: Die Zeit wird kommen, da wir euch am Genick packen.»