Campusbrand

Campus Brugg: Warum Rauch schlimmer ist als Feuer und Wasser

Von aussen ist nichts zu sehen, innen sind Wände und Decken der obersten Geschosse am Campus Brugg rauchgeschwärzt. Fachleute erklären auf einem Rundgang, weshalb der Schaden so riesig ist.

Das geht einem nur schwer in den Kopf: Ein relativ kleines Feuer und dennoch 30 Millionen Franken Sachschaden. Und damit der teuerste Brandfall in der über 200-jährigen Geschichte der Aargauischen Gebäudeversicherung (AGV).

Sie ist fast so alt wie der Kanton selber, bei ihr sind heute alle 221 500 Bauten des Aargaus für insgesamt 197 Milliarden Franken versichert. Der neue Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch ist mit zwei Gebäudeteilen und sechs Geschossen ein riesiger Komplex, verbunden durch eine breite Passerelle.

Mit 200 Millionen Franken nicht billig, «aber in der Industrie gibt es teurere Gebäude», sagt Generalsekretärin Christina Troglia von der AGV.

Ein paar Treppen hoch, schon nähern wir uns der Stelle, wo das Feuer am späten Abend des 10. April ausgebrochen ist.

«Im denkbar ungünstigsten Moment», wie unsere Rundgang-Begleiter von Generalunternehmer HRS Real Estate AG und der Aargauischen Gebäudeversicherung immer wieder neu betonen: 90 Prozent des weit und breit grössten Unterrichtskomplexes waren fertig, die Brandmeldeanlage installiert, die Sprinkleranlage ebenfalls – aber nicht scharf gestellt.

Hitze bis zu 250 Grad

Eine Woche später wäre alles in Betrieb gewesen. Beim Brandherd im dritten Stock der Passerelle lagerten Holzpaletten, durch Plastik eingeschweisst. «Im Grunde war es ein Holzbrand mit Parkettmaterial, aber die Hitze erreichte auch ausserhalb des Brandherdes bis zu 250 Grad», sagt Kreisschätzerin Beatrix Sinniger, die ihre Zeit jetzt voll dem Rekordbrand widmet.

Im Bereich des Brandherdes ist alles geschmolzen, Decken, Wände, Leitungen, die kaputten Parkettböden sind teils schonherausgerissen. Löcher in der Betondecke zeigen, wo die Empa Proben entnommen hat. Die Statik wurde durch Bauingenieure überprüft, nur zwei Betonstützen müssen verstärkt werden.

Der aggressive Rauch zerstörte viel mehr als das Feuer und das Löschwasser selber. Aus einem plausiblen Grund: Im riesigen Schulhaus mit Dutzenden von Räumen stand zur Brandzeit alles offen.

Das ist der Hauptgrund für das verheerende Ausmass des Schadens. Weil die Hitze steigt, sehen die Wände und Decken ab Kopfhöhe im dritten und vierten Obergeschoss wie schwarz bemalt aus.

Der Laie denkt, das könnte man mit einer guten Reinigung wieder hinkriegen – und täuscht sich gewaltig: «Die Chlorid-Beschlagung auf den Oberflächen weist auf salzsäurehaltige Rauchgase hin. Diese greifen metallische Werkstoffe innert 48 Stunden an, speziell Anlagen der Elektronik», schildert Sinniger das Hauptproblem.

Im Zweifelsfall heisst das Abreissen der teuren Deckenverkleidungen samt der Technologie für Heizungen und Kühlung sowie der Kabelkanäle für die Kommunikation.

«Die Empa macht Prüfungen und sagt uns, was zu tun ist, ob Reinigen oder Abreissen und Ersetzen», erklärt die Schätzerin. Klar ist: Alles muss nach dem Grossbrand wieder 100-prozentig funktionsfähig und neuwertig sein.

Ein penetranter Brandgestank, der in kleinste Ritzen eingedrungen ist, begleitet uns auf Schritt und Tritt. Im obersten Geschoss reisst ein kleiner Bagger die Unterlagsböden heraus.

Eine Treppe mit dem schönen Parkett wird gewaltsam zerstört, die Gipswände mit Rissen sind zu ersetzen. Auf einer Leiter entfernt ein Mann mit einem Spachtel die dicke Russschicht. Wegen des Rauchs müssen alle Akustikelemente an den Decken und Wänden abgebrochen werden.

Vier Wochen Reinigungszeit

Der in die kleinen Löcher eingedrungene Russ und Rauch ist unmöglich wegzubringen. Allein die Reinigung der Spuren von Rauch, Hitze und Löschwasser dauert vier Wochen. «Nur für den Rückbau sind jetzt 130 Personen im Einsatz», erklärt Stephan Knöpfel, Zürcher Niederlassungsleiter von der HRS Real Estate AG.

Das Unternehmen hat ein neues Bauleiterteam unter Führung von Harald Ivens für die aufwendige Organisation aufgestellt. Einsatz und Koordination der Handwerker sind schwieriger als bei einem Neubau.

Die gegen 30 Millionen Franken sind ein gigantischer Schaden – aber in der Relation nicht einmal unüblich: «Bei einem Brand in einem offen gebauten Einfamilienhaus für 500 000 Franken kommen wir schnell auf 100 000 Franken Brand- und Rauchschaden», rechnet Beatrix Sinniger vor.

Mit der üblichen 15- bis 20-Prozent-Regel bewegt sich das Ausmass im Campus in einem realen Verhältnis.

Es hätte noch schlimmer kommen können: Bei laufender Lüftung wären auch die unteren Stockwerke vom Rauch verwüstet worden. So aber konnten die Handwerker dort nach Tagen weiterarbeiten.

Das ist auch der Grund, weshalb der neue Studiengang der Fachhochschule Nordwestschweiz Mitte September regulär beginnen kann. Erst im Juni wird sich zeigen, welche Räume im dritten und vierten Stock bereit sind.

In den fast fertigen Sektoren vereinen sich architektonische Gestaltung und handwerkliches Können. «Die Leute waren mit Herzblut im Einsatz, um zeitgerecht eine Spitzenqualität zu erreichen.

Bei der Nachricht vom Brand waren viele am Boden zerstört», sagt Bauingenieur Knöpfel. Und jetzt müssen sie im zerstörten Bereich wieder von vorne beginnen, fast wie in einem Rohbau.

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