Es war eine Verfolgungsjagd, die mit einer filmreifen Verhaftung mitten auf der Autobahn A1 in Lenzburg endete. An einem späten Freitagabend im November letzten Jahres fuhr der betrunkene Bulgare S.L. von Basel auf der A3 in Richtung Bern. Als eine Patrouille der Kantonspolizei sein Fahrzeug in Effingen im Fricktal kontrollieren wollte, ergriff der damals 36-Jährige die Flucht. Seine Irrfahrt dauerte 25 Kilometer. Erst ein künstlich verursachter Stau konnte ihn bremsen.

Auf seiner Fahrt hat er gleich mehrere Delikte begangen, wie das Bezirksgericht Brugg festhielt: mehrfache qualifizierte und grobe Verletzung der Verkehrsregeln, fahren in fahrunfähigem Zustand, versuchte Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit. Übersetzt: der beschuldigte Lenker hatte während seiner Fahrt 1,9 Promille im Blut.

Bis ihn die Polizei verhaften konnte (in Unterhosen, barfuss und mit 9000 Franken im Portemonnaie), fuhr er permanent mit massiv überhöhter Geschwindigkeit. Auf der Höhe Othmarsingen erreichte er 165 km/h statt der erlaubten 80 km/h.

Er leistete sich mehrere weitere waghalsige Manöver: so riss er sein Fahrzeug bei der Ausfahrt Mägenwil mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h von der normalen Spur auf die Ausfahrt und überfuhr die doppelte Sicherheitslinie. Weiter überholte er ein vor ihm fahrendes Fahrzeug mit viel Risiko: Er wechselte nur wenige Meter hinter dem Auto und nur knapp vor dem auf der Überholspur fahrenden Polizeiauto auf die Überholspur.

Reue, aber wenig Einsicht

Der Angeklagte machte vor den Richtern keine Anstalten, sich zu verteidigen. Der Prozess fand in einem abgekürzten Verfahren statt, sprich: die Verteidigerin des Irrfahrers und die Staatsanwaltschaft hatten sich im Vorfeld des Prozesses auf eine Strafe geeinigt. Er habe an jenem Tag zwei, drei Dosen Bier und ein wenig Wodka getrunken, sagt der Angeklagte mit leerem Blick und gekrümmten Schultern. Immer wieder betonte er, dass er zum Zeitpunkt der Verfolgungsjagd unter grossem Stress gestanden sei, «Meine Frau und ich waren im Scheidungsprozess.»

S.L. streitet keinen Anklagepunkt ab und bereut, wie er sich in jener Nacht verhalten habe. Trotzdem beteuerte er auf mehrmaliges Nachfragen des Gerichtspräsidenten, dass er nicht glaube, mit seinem Verhalten jemanden gefährdet zu haben. Schliesslich habe sein Auto während der ganzen Fahrt nichts und niemanden touchiert. Es sei aber sein Ziel in Zukunft nie mehr alkoholisiert und zu schnell zu fahren.

In allen Punkten schuldig gesprochen

Das Bezirksgericht Brugg sprach den Angeklagten in allen Punkten einstimmig schuldig: 16 Monate Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe von 8000 Franken, beides bedingt, lautete das Urteil. Weiter muss der Angeklagte eine Busse von 2000 Franken und die Verfahrenskosten bezahlen. Einzig die Bewährungszeit wurde erhöht: statt der aussergerichtlich besprochenen zwei Jahre, willigt auch S.L. ein, die Bewährung auf drei Jahre zu erhöhen.

Der Gerichtspräsident betonte während der Urteilsverkündung, es sei nicht richtig, dass der Angeklagte während seiner Fahrt niemanden gefährdet habe. Seine Fahrt sei halsbrecherisch, rücksichtslos und mehr als unüberlegt gewesen.

Er habe unbeteiligte Lenker und die Polizisten, die ihn verfolgen mussten, gefährdet. Ausserdem appellierte er an das väterliche Gewissen des Bulgaren, er ermahnte ihn, was es bedeute, sollte er während der dreijährigen Bewährungsfrist wieder eine Straftat begehen: «Dann werden Ihre Kinder Sie im Gefängnis besuchen müssen.»

9000 Franken Bargeld 

Geklärt wurde auch die Frage, warum der Irrfahrer 9000 Franken Bargeld bei sich hatte: Er habe das Geld durch den Verkauf von zwei Occasionsautos verdient, erklärte der Beschuldigte den Richtern. Der Betrag wurde eingezogen, um die Kosten des Verfahrens zu decken. «Der Angeklagte hatte nur eine Vorstrafe aus einem Vermögensdelikt, die einige Jahre her ist. Deshalb gehen wir davon aus, dass er sich während seiner Probezeit bewähren wird» sagt Staatsanwalt Christoph Rüedi nach dem Prozess gegenüber der Aargauer Zeitung.

Weshalb der Bulgare mit Wohnsitz in Genf in jener Nacht in Unterhosen fuhr, bleibt offen.