Brugg

Bürgermeister von Rottweil sagt: «An Freundschaften klebt kein Preisschild»

Rutenzug und Morgenfeier sind die Herzstücke des Brugger Jugendfestes. Mit Spannung wird jeweilen der Gastredner erwartet. Dieses Jahr kam Werner Guhl, Bürgermeister von Rottweil, und riss das Publikum mit einer begeisternden Rede mit.

«Willkommen zum Rutenzug! Nachdem es am Mittwoch ein klein bisschen geregnet hat, lacht heute bald die Sonne»: Der Brugger Stadtammann Daniel Moser war am Donnerstag erleichtert. Die Sonne hatte sich beim Rutenzug zwar noch geziert und liess sich auch bei der Morgenfeier im Freudenstein erst am Ende blicken. Hauptsache: Der Regen blieb fern.

Vorhang auf für den Gastredner aus Bruggs deutscher Partnerstadt Rottweil, Bürgermeister Werner Guhl. Auch ihm war die Freude ins Gesicht geschrieben. «Seit fast 30 Jahren komme ich nach Brugg. Das Jugendfest habe ich schon mindestens zehnmal besucht. Aber nie, nie hätte ich gedacht, hier die Jugendfestrede zu halten.» Applaus brandete auf. «Das sind meine Assistenten», sagte Guhl darauf und deutete mit einer charmanten Geste auf Barbara und Yves, Julia und Lukas.

«Ich lade euch zur Fasnet ein»

Die vier Schüler hielten Pakete und Fähnchen mit dem Aufdruck «1913» in den Händen. «Ja», löste Guhl das Rätsel um die Jahreszahl, «seit 100 Jahren dauert die Freundschaft zwischen Brugg und Rottweil.»

Wer denn schon in Rottweil gewesen sei, wollte der Bürgermeister wissen. Viele Hände schnellten in die Höhe. Guhl zeigte sich zufrieden, «doch es könnten noch viel mehr sein. Deshalb lade ich die Schulen ein, nach Rottweil zur Fasnet zu kommen.» Applaus. Manche fragten sich in diesem Moment wohl, wie der Rottweiler Bürgermeister die Verbindung von der Fasnet (Fasnacht) zum Jugendfest schaffen würde. «Die Fasnet-Tage sind für uns in Rottweil das Höchste im Jahr – wie bei euch in Brugg das Jugendfest.»

Das Thema Freundschaft zog sich als roter Faden durch die Rede des Gastes. Er habe Schülerinnen und Schüler der Klasse 2a der Brugger Bezirksschule gefragt, was Freundschaft für sie bedeute. Florian habe darauf so geantwortet: «Freundschaft ist, wenn man sich vertraut.»

Im Hinblick auf Städte, so Guhl, liesse sich allerdings fragen: «Ist es schon Freundschaft, wenn man sich gegenseitig besucht? – Nein.» Freundschaft hänge nicht von Symbolen ab; «Freundschaft muss man im Herzen tragen.» Und an Julia gewandt: «Öffne dein Paket.»

Julia hob Wanderschuhe in die Höhe. Nanu? Werner Guhl: «Mitten unter uns ist ein 83-jähriger Mann – Karl Nagel. Wo ist er?» Der Angesprochene stand auf. Applaus. Guhl: «Jetzt erzähle ich euch eine Geschichte. «Karl Nagel kommt immer ans Jugendfest. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam er eine der seltenen Lehrstellen, als Maurer. Aber dann gingen, arbeitsbedingt, seine Schuhe kaputt. Schlimm. Denn ohne Schuhe würde er die Lehre nicht beenden können.» Aber dann habe ihn eines Tages ein Paket erreicht – mit geschenkten Schuhen aus Brugg. «So konnte Karl seine Lehre beenden.»

Anwesend war auch Maja Becht, Stadtführerin in Rottweil. Als sie aufgerufen wurde, hielt Schüler Lukas Schokoladenpulver und Schweizer Schoggi in die Höhe. Maja Becht, so Guhl, habe als 11-Jährige erstmals eine heisse Schokolade getrunken – dank Schokoladenpulver aus Brugg. «Maja Becht war danach überzeugt, dass in Brugg Kakaobohnen wachsen.» Was der Bürgermeister von Rottweil mit diesen Beispielen sagen wollte, war klar: Freundschaften sind dann wichtig, wenn es einem nicht so gut geht. «Es ist ein Geben und Nehmen. An Freundschaften klebt kein Preisschild.» Donnernder Applaus für eine mitreissende Rede.

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