Oliver Roggwiller sitzt am Tisch und sagt: «Ja, es gab schon Momente, in denen ich bereute, dass ich mich für die Mitarbeit im Projekt gemeldet hatte.» Dann strahlt er über das ganze Gesicht und ergänzt: «Aber ich würde es sofort wieder machen.» Studierende der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) organisierten eine knapp dreiwöchige Reise für Studierende, um mehr über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Indien zu lernen. Rund ein Jahr dauerten die Vorbereitungen des Projekts «Focus India».

Doch Roggwiller stiess erst nach der Rückkehr von seinem Austauschsemester in Hongkong im vergangenen Herbst zum Projekt. Er war für PR und Kommunikation verantwortlich. Mittlerweile studiert der 24-Jährige im 8. Semester berufsbegleitend Betriebsökonomie mit Schwerpunkt internationales Marketing. Der in Brugg wohnhafte Student arbeitet in einem 80-Prozent-Pensum in Zürich und besucht derzeit den Unterricht an der FHNW in Olten, weil das letzte Jahr in englischer Sprache erfolgt. Im August will er seine Bachelor-Arbeit abgeben und dann – so sein Plan – bei der Beratungsfirma Accenture einsteigen.

Indien ist spannender als China

Im Rahmen seines Austauschsemesters hatte Roggwiller auch Gelegenheit, während mehreren Monaten in Ost- und Südasien sowie in Indien herumzureisen. Für den gebürtigen Birmenstorfer war es das erste Mal, dass er mit Armut und grossen sozialen Gegensätzen konfrontiert wurde. Vor allem Indien hat ihn fasziniert. Die Rückkehr in den Schweizer Alltag fiel ihm nicht einfach. Als er vom Projekt «Focus India» hörte, wollte er unbedingt mitmachen. «Es gibt auch ein Projekt für China, aber Indien finde ich spannender, weil es meiner Ansicht nach mehr Potenzial hat als China», erklärt Roggwiller seine Motivation. Die FHNW-Delegation setzte sich aus 17 Studierenden, 3 Dozenten, 3 Organisatoren sowie 2 PR- und Kommunikationsverantwortlichen zusammen.

Anders als beim Herumreisen letztes Jahr war nun jeder Reisetag in Indien verplant: Besuche bei Schweizer Firmen, kulturelle Veranstaltungen sowie Austausch mit Nicht-Regierungs-Organisationen. «Wir tauchten in komplett andere Realitäten ein und es war eindrücklich zu sehen, wie Schweizer Firmen in Indien ihre Werte pflegen», sagt Roggwiller. Für Studentinnen sei die Gruppenreise eine gute Gelegenheit gewesen, Indien auf sichere Art kennenzulernen. Manchmal störte es ihn, dass die Gruppe wie in einer Seifenblase unterwegs war: «Da es sich um eine Geschäftsreise handelte, logierten wir in schönen, klimatisierten Unterkünften.» Mit anderen Worten: Mit den heiligen Kühen und den Leuten auf der Strasse kamen die Studierenden nicht oft in Kontakt. Dafür kam Oliver Roggwiller mit konkreten Vorstellungen zurück, wie es für ihn nach dem Studium weitergehen könnte.

Einstieg bei internationaler Firma

Am liebsten würde er nach Indien zurückkehren, sofern er bei Accenture Schweiz einsteigen kann und eine entsprechende Projektstelle frei wird. «Das wäre megacool», sagt er mit einem breiten Lachen. «Mich faszinieren dabei das analytische Denken und der Einblick in viele verschiedene Unternehmen.» Mit dem Einstieg bei einer international tätigen Firma, könnte er später das Land wechseln. Grundsätzlich ist das Unternehmen für den 24-Jährigen wichtiger als der Standort. So weiss er, dass Accenture Indien jedes Jahr knapp 20 000 Studierende aufnimmt. Roggwiller will einer davon sein. Deshalb hat er sich mit viel Leidenschaft für «Focus India» engagiert, das Business-Netzwerk verstärkt und als Folge davon einen Fünftel seines Semesters in der Schweiz verpasst.

Projekt "Focus India"

Seit 15 Jahren bietet die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) ihren Studierenden die Möglichkeit, im Rahmen von Internationalen Studentenprojekten im Ausland Erfahrungen
zu sammeln. Teilnehmen können Studierende im Abschlussjahr des Bachelor-Studiums sämtlicher Hochschulen der FHNW, wie Wirtschaft, Informatik, Technik, Life Sciences oder angewandter Psychologie von den Standorten Olten, Brugg-Windisch  und Basel. Unter dem Motto «Gain, Train and Sustain» (Zunehmen, trainieren und fortsetzen.) befasste sich «Focus India» in der elften Ausgabe mit der Herausforderung der rasant wachsenden Bevölkerung in Indien. Es wurde analysiert, wie Schweizer Unternehmen in Indien junge, talentierte Arbeitnehmer finden, sie ausbilden und anschliessend weiter unterstützen, um die von ihnen versprochene Schweizer Qualität auch in Indien garantieren zu können. Die Studierenden besuchten verschiedene Unternehmen in Neu-Delhi, Bangalore, Pune und Mumbai.