Interview
Brugger Gewerbevereins-Präsident zieht Bilanz: «Wir sollten lernen, miteinander etwas zu erreichen»

Dietrich Berger zieht nach fünf Jahren als Präsident des Gewerbevereins Brugg eine Zwischenbilanz. Er sagt, warum es immer mehr «Vermieterwohlfühlpakete» gibt und man die Richtung des Einbahnverkehrs in der Altstadt ändern müsste.

Claudia Meier
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Dietrich Berger ist unterwegs auf dem Neumarktplatz, wo unter anderem am 10. und 11.September die extra21 als Alternative zur Expo stattfinden soll.

Dietrich Berger ist unterwegs auf dem Neumarktplatz, wo unter anderem am 10. und 11.September die extra21 als Alternative zur Expo stattfinden soll.

Alex Spichale (Brugg, 8. 1. 2021

Bei der Geschenkübergabe an Cuno Jent, den Gestalter der neuen Weihnachtsbeleuchtung, sagten Sie vor kurzem, dass sich in Brugg in den letzten 30 Jahren visuell nichts verändert habe. Ist Ihre Sichtweise immer so pessimistisch?

Dietrich Berger: Nein, nicht pessimistisch, sondern realistisch. Gehen wir mal vom Bahnhof zum Schwarzen Turm. Hat sich da wirklich visuell etwas verändert in den letzten fünf Jahren? Gut, fünf Jahre mag ein ehrgeiziger Zeithorizont sein, aber ich nehme nicht viel Veränderung wahr. Vielleicht kann man sagen, dass sich die Altstadt langsam Richtung Health-Care-Zone entwickelt und sich Dienstleister wie Physiotherapien, Coiffeure und Nagelstudios dort etwas bündeln, was ich selbst eine gute Entwicklung finde. Aber sonst?

Brugg hat eine neue Weihnachtsbeleuchtung.

Ja, aber genau genommen ist sie nicht wirklich neu, sondern ähnlich wie die alte und schnell wieder versorgt. Wenn wir einen Aufbruch möchten, müsste dieser nachhaltig und sichtbar sein.

Sie sind seit bald fünf Jahren Präsident des Gewerbevereins Brugg. Was hätte sich denn in dieser Zeit in der Stadt verändern sollen?

In der Geschäftswelt gibt es schnelle Veränderungen, nicht nur während der Coronakrise. Natürlich ist der Zeithorizont bei der Stadt ein anderer. Aber um beispielsweise in der Altstadt ein paar grosse Blumentöpfe aufzustellen, dauert es nicht fünf Jahre. Bereits mit kleinen Veränderungen könnte man eine Einkaufsstrasse attraktiver gestalten. Es braucht einfach jemand, der eine Idee umsetzt. Wenn wir ehrlich sind, ohne Eugen Pfiffner von der Energieversorgerin IBB hätten wir die neue Weihnachtsbeleuchtung letztes Jahr nicht bekommen.

Zum Jahresauftakt organisierte der Gewerbeverein jeweils für seine Mitglieder ein Fondue im Freien. Coronabedingt geht das jetzt nicht. Was hätten Sie den Anwesenden in ihrer Ansprache gesagt?

Gemeinsam sind wir stark. Stehen wir zusammen, helfen und unterstützen wir uns gegenseitig! Indem wir darauf achten, wo wir einkaufen und an wen wir unsere Aufträge in der Region vergeben. Auch, dass wir unsere Mitglieder berücksichtigen und so dafür sorgen, dass jeder ein Stückchen mehr Überlebenschancen in dieser schwierigen Zeit hat. Sobald es möglich ist, dass sich wieder mehr als 15 Leute versammeln dürfen, werden wir selbstverständlich eine solche Zusammenkunft organisieren.

Im vergangenen Jahr ist Otto’s ins OVS-Gebäude gezogen, Lidl hat im Neumarkt eine neue Filiale eröffnet und über dem Einkaufszentrum entstehen gut 20 Wohnungen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Diese Entwicklung ist für mich eine logische Konsequenz. Im Detailhandel wird es für die Selbständigerwerbenden stets schwieriger. Immer mehr grosse Ketten übernehmen. Als Vermieter würde ich das genauso machen. Kann ich eine grosse Fläche wie beispielsweise die von Lidl oder Otto’s an einen solchen Konzern vermieten, habe ich diese Flächen über die nächsten Jahre ausgelastet und schaffe ein «Vermieterwohlfühlpaket».

So muss ich nicht mit zehn kleinen Geschäften verhandeln und mir ständig Sorgen machen, dass die Mieten nicht bezahlt werden.

Genau. Vermiete ich an viele kleinere Betriebe, ist mein Aufwand doch bedeutend grösser. Ob das fair ist oder nicht. Den regionalen Gedanken stützt das sicher nicht. Hier wünschte ich mir etwas mehr Fingerspitzengefühl. Aber es ist eine Binsenwahrheit «Wer zahlt, befiehlt». Was die Wohnungen betrifft, liegt das im Trend. Im Dienstleistungsbereich, dazu muss man kein Hellseher sein, werden die Büronutzflächen kleiner werden, die Homeoffice-Pflicht beschleunigt das nochmals stark. Zusätzlich ist die Nachfrage nach zentrumsnahen Wohngelegenheiten gross. Also ist dieser Schritt nur logisch. Wobei zu beachten ist, dass Bruggs Attraktivität sicher nicht steigt, indem hier Arbeitsplätze gestrichen werden, weil sie durch Wohnungen verdrängt werden.

Das heisst, Kleinunternehmen haben hier kaum noch eine Chance.

Als Gewerbevereinspräsident finde ich das schade. Denn ich glaube, die Entwicklung einer Kommune gelingt besser, wenn die Unternehmen hier nicht nur etwas verkaufen, sondern auch etwas bewirken wollen. Und das machen vor allem die Einheimischen und nicht die grossen Ketten. Deshalb wäre ein guter Mix im Neumarkt aus meiner Optik absolut notwendig.

Wie steht es um das neue Gastrokonzept auf dem Neumarktplatz?

Nach meinem Informationsstand wird es wieder ein Café geben.

Im Sommer sollte die Fussball-EM stattfinden. Ist der Eisi-Platz noch für das Public Viewing reserviert?

Ziel ist es auf alle Fälle, sofern Corona das auch erlaubt, auf dem Eisi-Platz ein Public Viewing zu veranstalten. Es wäre doch wunderschön, wenn wir dann wieder etwas gemeinsam erleben dürften.

Wird es dieses Mal klappen?

Das ist ganz schwierig zu sagen. Ich hoffe aber, dass die Organisatoren nicht frühzeitig das Handtuch werfen, sondern auf die Gefahr hin, hier viel Arbeit in den Sand zu setzen, an das Positive glauben und daran arbeiten.

Sie waren – noch vor der Coronakrise – an den Workshops der Stadt zur Erarbeitung des neuen Altstadt-­Entwicklungsleitbilds dabei. Wie haben Sie diese Anlässe erlebt?

Dass es viele Einwohner gibt, die sehr interessiert sind, wie sich die Altstadt entwickelt. Ob alle dann auch bereit sind, neben dem Ideengeben ihren Teil zur Umsetzung beizutragen, das steht für mich auf einem anderen Blatt. Jetzt bin ich wieder bei den Blumentöpfen. Sichtbare Veränderungen gab es bisher nicht. Erste Schritte, und ich spreche nicht von teuren Massnahmen, sollen allerdings erst in drei bis vier Jahren möglich sein. Den einzigen Output, den ich erkennen kann, ist der runde Tisch, der neu zweimal pro Jahr stattfindet.

Sie sehen vor allem Handlungsbedarf, um den Eingang zur Altstadt besucherfreundlicher zu gestalten. Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang als Nächstes?

Ich finde es nach wie vor falsch, nicht durch das «grosse Tor» in die Altstadt und über die Hintertüre – Spitalrain und Storchengasse – hinausfahren zu dürfen, sondern durch die Hintertüre hinein und über die Hauptstrasse hinaus. Man müsste nur die Richtung des Einbahnverkehrs ändern. Wie ich orientiert bin, gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Auffindbarkeit und der Eingangssituation befasst. Ich bin aber nicht im Bild, was der Stand heute ist.

Der Gewerbeverein könnte einen Aufruf lancieren, um Blumentöpfe für die Altstadt anzuschaffen?

Das hat für mich relativ wenig direkt mit dem Gewerbe zu tun. Hier geht es um eine Verschönerung der Stadt, damit sie einladender und attraktiver ist. Das Stadtbauamt müsste verpflichtet werden, die Blumen zu pflegen. Eine solche Initiative könnte auch vom Quartierverein kommen.

Der junge Verein InBrugg betreibt Standortmarketing. An den teilweise umstrittenen Werbekampa­gnen – Stichwort «Jesus-Plakat» vor Fronleichnam 2019 – hat sich der Gewerbeverein Brugg in den Jahren 2019 und 2020 mit 20000 Franken beteiligt. Welche Bilanz ziehen Sie?

Wir haben mit InBrugg einige Initiativen gemacht, die einen «lauter» und die anderen «leiser». Gemeinsam für den Standort etwas im Marketingbereich zu machen, ist dringend notwendig. ­Beteiligt sind der Gewerbeverein Brugg, die Neumarkt-Mietervereinigung und die City-Galerie. Coronabedingt konnten wir letztes Jahr nicht viele Aktionen durchführen, sodass die Mittel noch nicht erschöpft sind. Deshalb haben wir den Jahresbeitrag des Gewerbevereins für 2021 auf 5000 Franken reduziert.

Wie geht es mit InBrugg weiter?

Wir verfolgen das Ziel, weitere Aktionen durchzuführen. Im letzten Dezember veranstalteten wir – noch klein und fein – einen Weihnachtsbaum-Wettbewerb. Den möchten wir dieses Jahr mit mehr Vorlaufzeit wiederholen – hoffentlich in Kombination mit dem Weihnachtsmarkt. Auch möchten wir den Wettbewerb breiter abstützen und nach Möglichkeit die Schulen miteinbeziehen. Wie es mit InBrugg mittelfristig weitergeht, hängt nicht zuletzt auch von der City-Galerie ab. Wie bekannt ist, soll da ab 2025 umgebaut werden. Wir werden sehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Stadt Brugg auch weiterhin ein Standortmarketing braucht mit möglichst vielen Playern. Was Brugg Regio macht, ist ein regionales Standortmarketing und daher etwas Anderes.

Seit Jahren sagen Sie, dass Sie von Handelsprofessor Thomas Rudolph von der HSG eine Studie für Brugg machen lassen möchten, damit das Einkaufserlebnis hier attraktiver wird. Wie steht es damit?

Die Studie hätten wir sehr gerne gemacht, aber in Brugg finden das diverse Leute nicht notwendig. Dass die ganze Studie vom Gewerbe bezahlt wird, das wollen wir doch auch nicht. Ich finde das schade. Klar kann man heute sagen: zum Glück. Denn mit Corona ist sowieso wieder alles anders. Aber es ist nach wie vor so: In Brugg wird nur reagiert und nicht agiert. So entwickelt sich auch etwas. Aber wenn wir steuern wollen und Einfluss nehmen auf das, was geht, dann müssen wir aktiver werden.

Und beim Tempo – trotz Corona­krise – zulegen.

Ja. Und vor allem müssen wir in Brugg lernen, nicht ständig gegeneinander zu kämpfen, sondern miteinander etwas zu erreichen. Wir müssen uns nicht mit Aarau oder Baden messen, sondern im Wettbewerb mit Lenzburg und Frick behaupten. Aber solange in Brugg selber alle Parteien gegeneinander arbeiten, werden wir keinen Erfolg haben. Ich sage das als Gebenstorfer und Herzblut-Brugger (lacht). Alle sind aufeinander angewiesen. Es braucht ein dynamisches Miteinander von Bevölkerung, öffentlicher Hand und Gewerbe. Leider habe ich in Brugg den Eindruck, dass das nicht allen klar ist.

Tatsächlich erledigen zum Beispiel viele Bözberger ihre Grosseinkäufe eher in Frick als in Brugg.

Eben. Das ist eine Kommune, die Anziehungspunkte hat. Und wir bringen es in Brugg zuwenig fertig, solche anzubieten. Wir haben hier beispielsweise das Café Stadtklatsch und man sieht, dass es ein Bedürfnis ist. Ich wünschte mir, dass neben den «Stadtklatsch»-Initiantinnen noch andere Leute den Mut hätten, weitere Begegnungsstätten zu schaffen, die zum Verweilen einladen.

Die Coronakrise hat den Onlinehandel befeuert. Welche Rückmeldungen haben Sie dazu von den Mitgliedern des Gewerbevereins?

Wir haben dazu nicht sehr viele Rückmeldungen erhalten, aber die digitale Landschaft, und ich spreche bewusst nicht nur vom Onlinehandel, wird unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren noch stark prägen und verändern. Jeder von uns muss sich in diesen Themen künftig viel fitter machen, als er es momentan ist.

Wie oft haben Sie selbst im letzten Jahr online eingekauft?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte nie online eingekauft. Selbstverständlich schätze auch ich, dass ich das zu jeder Tages- und Nachtzeit machen kann. Zwei bis drei Tage später habe ich die Ware im Haus. Aber ich kaufe, als Gebenstorfer, sehr bewusst praktisch alles, was geht, in Brugg ein. Ich gehe bewusst zu den Detailhändlern, um sie zu unterstützen.

Ihre Bank heisst jetzt nicht mehr NAB, sondern CS. Was bedeutet der Namenswechsel für den Platz vor dem Brugger Hauptgebäude?

Das hat auf den Platz keinen Einfluss. Die Nutzungsmöglichkeiten sind immer noch dieselben. Jetzt heisst er ­Credit-Suisse-Platz, man kann ihm aber auch noch NAB-Platz sagen.

Im März 2019 zählte der Gewerbeverein Brugg 107 Dienstleister, 47 Detaillisten und 41 Gewerbetreibende. Wie viele Mitglieder sind es aktuell in diesen drei Sparten?

Per 31. Dezember 2020 hatten wir folgenden Bestand: 107 Dienstleister, 43 Detaillisten, 40 Gewerbetreibende.

Zusammen mit dem Gewerbeverein WindischPlus organisieren Sie im September 2021 als Ersatz für die grosse Expo die extra21. Wie viele Anmeldungen haben Sie?

Wir haben bis Mitte September 2020 total 36 provisorische Anmeldungen erhalten. Die extra21 findet im Stadtzentrum statt. Ich hoffe, dass wir etwa 50 Teilnehmer haben werden.

Was ist dieses Jahr vom Gewerbeverein sonst noch zu erwarten?

Wir werden selbstverständlich wieder versuchen, Netzwerkanlässe für unsere Mitglieder durchzuführen, sofern das Corona zulässt. Weiterhin arbeiten wir daran, den Schülern vor der Berufswahl Einblicke in Lehren zu geben, wie wir das mit dem Kids Day machen, und wir werden wie bisher die Stimme des Gewerbes bei der Stadt geltend machen.

Für die Vernetzung zwischen der Fachhochschule und dem Gewerbeverein fanden in der Vergangenheit Wirkstoffanlässe statt. Wird diese Reihe wiederbelebt und neu vielleicht digital angeboten?

Von 2015 bis 2017 gab es solche Veranstaltungen. Es wäre sicherlich wünschenswert, hier wieder etwas zu machen. Ich könnte mir gut vorstellen, jetzt wo der Druck auf alle für die Nutzung von Onlinemedien sehr gross geworden ist, gemeinsam mit der FHNW wieder etwas zu machen. Wir werden sehen.

Im Herbst finden Gesamterneuerungswahlen statt: SP-Stadtrat Willi Däpp vermittelte Ihnen als KV-Stift damals Buchhaltung. Vor vier Jahren führte der Gewerbeverein Hearing mit den Stadtammann-­Kandidaten durch und empfahl danach alle Stadtratskandidaten aus dem bürgerlichen Lager zur Wahl. Das sorgte bei den Linken – inklusive Däpp – für viel Ärger. Wie wird sich der Gewerbeverein dieses Mal bei den Wahlen einbringen?

Was wir genau machen, haben wir im Vorstand noch nicht besprochen, darum kann ich dazu nichts Konkretes sagen. Warten wir es mal ab, wie sich das Ganze entwickelt. Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass wir nach den Wahlen einen Stadtrat haben, der in sich harmoniert und etwas mehr bewegen wird.

Die Amtszeit eines Vereinspräsidenten sollte idealerweise fünf bis sechs Jahre dauern, sagten Sie 2016 im Interview als neuer Gewerbevereinspräsident. Treten bald zurück?

Diese Aussage ist meine Überzeugung und ich handle danach. Die Suche nach einem Nachfolger läuft noch nicht, da ich noch keinen Demissionszeitpunkt bekannt gegeben habe. Ich wünschte mir, dass jemand aus dem bestehenden Vorstand übernimmt. Ansonsten werden wir dieses Amt wieder in einem zweistufigen Verfahren ausschreiben.