Arabischer Frühling
Brugger Auswanderin will trotz Volksaufstand in Ägypten bleiben

Steffi Vetterli ist vor einem Jahr von Brugg nach Sharm-el-Sheik ausgewandert, wo sie in einer Tauchschule arbeitet. Anlässlich der Unruhen riet ihr die Schweizer Botschaft, Ägypten zu verlassen. Sie aber sagt: «Ich bleibe am Golf von Akaba!»

Erik Schwickardi
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Steffi Vetterli am Strand von Sharm-el-Sheik

Steffi Vetterli am Strand von Sharm-el-Sheik

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«Fische und Korallen in allen Farben und Formen - das Rote Meer ist ein Paradies für Schnorchler und Taucher», schwärmt Steffi Vetterli (35), seit einem Jahr Tauchlehrerin im ägyptischen Sharm-el-Sheikh. Doch seit ein paar Wochen ist die Stimmung stark getrübt: «Mit der Revolution verschwanden die Touristen blitzartig. Mehr als die Hälfte aller Hotels, Restaurants und Tauchschulen sind geschlossen.»

Die Stimmung ist gedrückt, ohne Touristen sind hier fast alle arbeitslos. Schüsse mit vielen Toten wie auf dem Tahrir-Platz in Kairo fielen in Sharm-el-Sheikh nicht: «Auf den Strassen blieb es ruhig. Die Lebensmittel wurden knapp. Mubarak stellte das Handynetz und das Internet ab.»

Angst habe sie aber nicht, schildert Steffi Vetterli: «Kurze Zeit hatte ich ein mulmiges Gefühl, aber das war schnell verflogen.» Die Schweizer Botschaft kontaktierte die Bruggerin telefonisch und wollte sie mit Nachdruck zur Flucht aus Ägypten bewegen - vergeblich: Derzeit sei die Lage ruhig, bis aber wieder richtig viele Touristen ans Rote Meer strömen, werden wohl noch einige Monate vergehen. «Viele Ägypter freuen sich über die Revolution, andere sind eher skeptisch und haben Angst vor der Zukunft.»

Hai-Attacken schlimmer als Volksaufstand

Fast drastischere Auswirkungen auf den Tourismus als der ägyptische Volksaufstand mit den «Tagen des Zorns» hatten die Hai-Attacken im Roten Meer: «Ein leichtsinniger Russe lockte am Strand mit einem rohen Huhn die Haie an - prompt biss ihm ein Hai Arme und ein Bein ab!» Nach mehreren Hai-Attacken auf Badegäste wurde der Strand von Sharm-el-Sheikh gesperrt. Die Provinzregierung liess Hunderte von Haien fischen, obwohl sie unter Naturschutz stehen.

«Die Haie werden wohl nach China verkauft. Dort sind Hai-Steaks eine Delikatesse», weiss Steffi Vetterli. Die Bruggerin fürchtet sich vor den bissigen Fischen nicht. Als Taucher im Wasser ist man für den Hai kaum interessant - der Hai greift von unten nach oben an. «Der Hai verwechselte die Badegäste mit Futter und machte einen ‹Probebiss›», erklärt die leidenschaftliche Taucherin. Von einem Fisch gebissen wurde Steffi Vetterli aber auch schon: «Ein 70 Zentimeter langer Drückerfisch biss ein Loch in meine Flosse.» Zum Glück schnappte der subtropische und stachelige Kugelfisch nicht an anderer Stelle zu: «So ein Drückerfisch kann dir locker ein Loch ins ‹Füdli› beissen», lacht die Aargauerin.

Den Traummann noch nicht gefunden

Steffi Vetterli spricht ziemlich gut arabisch, was ihr bei den Auftritten als Kinder-Clownin und feuerspeiender Fakir zugute kommt: «Die Ägypter staunen, dass auch eine Frau Feuer speien kann», lacht sie. «Die Ägypter sind sehr gastfreundlich, aber Frauen gegenüber auch aufdringlich und schwärmerisch - es gibt Frauen aus der Schweiz, die kommen extra wegen der ägyptischen Tauchlehrer hierher», berichtet Steffi Vetterli, die selbst ihren Traummann noch nicht angetroffen hat: «Er muss alltagstauglich, grossherzig und kommunikativ sein.

Ob er blonde oder dunkle Haare hat, spielt keine Rolle.» Käme da kein charmanter Tauchlehrer-Sunnyboy Ahmed, als Pendant zur Schweizer Skilehrer-Legende «Gigi vo Arosa», infrage? «Eher nein. Ich nehme keinen Ägypter», lacht Steffi Vetterli bestimmt. «Kultur, Mentalität und Religion sind zu verschieden. Ich bin eine starke Frau, das gäbe zu viele Diskussionen.»
«Heimweh habe ich nicht, nur Schinken vermisse ich manchmal. Jetzt koche ich halt Kamel-Voressen.» Ab und zu gibts mit anderen Schweizern ein Fondue unter Dattelpalmen.
Aufgewachsen ist Steffi Vetterli in Brugg.

Nach der Schulzeit besuchte sie die «Ecole de Marcelin» in Morges und liess sich zur «employée de maison» ausbilden. Später arbeitete sie im Gastgewerbe. Die ehemalige Pfaderin war schon früh fasziniert von der Zirkuswelt: «Als der Circus Royal in Brugg gastierte, riss ich zu Hause aus und übernachtete bei den Ponys im Stroh!» Damals war Steffi Vetterli acht Jahre alt.

Steffi Vetterli war Murmi

Die Glitzerkostüme der Artistinnen, die Clowns und die Manege hatten es ihr angetan. Vetterli wollte selbst zum Zirkus und stieg als Bürolistin bei der Gauklergruppe Pajazzo ein: «Plötzlich stand ich auf 3,5 Meter hohen Stelzen an einem Dorffest, weil jemand erkrankt war.» Beim Circus Olympia stand sie erstmals mit roter Nase in der Manege: «Alle Clowns streikten - das war meine Chance!» Als Clownin «Steffeli» führte sie bei «Adrenalin & Protein» (Geschwister Gasser) durchs Programm. Sechs Jahre lang schlüpfte Vetterli auch ins grellorange Fellkostüm der TV-Kinderfigur Murmi und erfreute unzählige Kinderherzen.

Heute führt die Brugger Clownin ihr eigenes Kinder-Zauberprogramm auf. Mehrfach war Steffi Vetterli als Kinder-Animateurin in den Mövenpick-Hotels in Ägypten engagiert. Vor einem Jahr kehrte sie nach zwei schweren Unfällen ferienhalber nach Sharm-el-Sheikh zurück und erhielt gleich ein Job-Angebot von der Tauchschule Subex. «Da konnte ich nicht Nein sagen», lacht die Brugger Frohnatur: «Jetzt bringt mich nichts mehr weg aus Ägypten: weder Haie, Islamisten noch die Revolution!»