Brugg-Windisch
Klimawandel und Klimakrise: Die meisten wissen, dass etwas schiefgelaufen ist, tun aber nichts

Das Forum Interface der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch fragte sich, wie Klimapolitik funktionieren kann.

Christoph Bopp
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Engagierte Menschen schliessen sich zusammen und demonstrieren für mehr Klimaschutz.

Engagierte Menschen schliessen sich zusammen und demonstrieren für mehr Klimaschutz.

Andrea Stalder (Frauenfeld, 15. März 2019)

Im Frühling 2020 traf Corona auch das Forum Interface der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch. Die vorgesehenen Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Fast ein bisschen sinnbildlich, dass sich das Programm vor allem der Frage widmen wollte, was man konkret in Sachen Klimaschutz tun könnte.

Anderthalb Jahre später sind Referate wieder möglich. Programm reloaded: Die Aula der FHNW war gut gefüllt, und das Problem Klimaveränderung oder die damit verbundene ­Krise hat eher an Dringlichkeit gewonnen.

Das Coronavirus hat das Klima zwischenzeitlich etwas von der politischen Bühne verdrängt. Aber jetzt kommt es zurück. Ab Herbst diskutieren die Eidgenössischen Räte über die Gletscherinitiative. Sie verlangt, dass bis 2050 in der Schweiz keine fossilen Brenn- und Treibstoffe mehr verwendet werden dürfen. Ausnahmen soll es noch geben (Rettungsdienste etc., wenn die Substitution nicht gut möglich ist), aber sie müssen durch CO2-Senken in der Schweiz kompensiert werden.

Der Vorschlag ist dem Verein zu zögerlich

Céline Pfister vom Verein Klimaschutz zeigte auf, wie es nach der Ablehnung des CO2-Gesetzes weitergehen kann. Das politische System der Schweizer Demokratie ermöglicht verschiedene Szenarien. Die Gletscherinitiative ist eine Ziel-Initiative auf Verfassungsebene. Sie verzichtet deshalb, konkrete Massnahmen vorzuschlagen. Denn sie muss – im Falle einer Annahme – durch ein Gesetz konkretisiert werden.

Der Bundesrat hat im August die Botschaft zu seinem direkten Gegenvorschlag verabschiedet. Auch er will das Netto-null-Ziel bei den CO2-Emissionen bis 2050 in die Verfassung schreiben. Aber der Vorschlag ist dem Verein Klimaschutz zu zögerlich und zu defensiv. Die Initiative werde deshalb nicht zurückgezogen, betonte Céline Pfister. Damit sie eine Chance hat und nicht am Ständemehr scheitert, müsse man sich vor allem Kampagnen überlegen, die auf dem Land funktionieren.

Netto null Emissionen bereits 2030 verlangt die Klimagerechtigkeitsinitiative Basel 2030. Axel Schubert vom Initiativkomitee erklärte nachvollziehbar, dass es 2050 für das 1,5-Grad-Ziel zu spät sei. Sein Plädoyer, warum es dringlich ist, jetzt und auf breiter Basis zu handeln, war eindringlich und argumentativ gut gestützt. Das wurde auch in der anschliessenden Diskussion deutlich. Es gab Fragen, ob man da nicht überhaupt fatalistischer Pessimist werden müsste oder ob es nicht allgemein zu spät sei, um noch etwas zu retten.

Kein Sensorium für ein Phänomen wie das Klima

Es gibt Leute, die das Problem nicht sehen wollen. Oder die nicht daran glauben, dass der Mensch mit dem Klima überhaupt etwas zu tun hat. Die meisten aber räumen ein, dass da etwas schiefgelaufen ist und man handeln muss. Trotzdem geschieht nicht viel.

Auf eine Ursache dafür ging Schubert selbst ein: Wir Menschen haben kein Sensorium für ein statistisches Phänomen wie das Klima. Die Beziehungen zwischen Wetterereignissen und dem Klima sind komplex. Für Argumente wie: «Dürren und Starkregen hat es doch schon immer gegeben» sind wir – leider – sehr empfänglich.

Ein anderer Grund, warum viele nicht mitmachen, ist so offensichtlich, dass er meist übersehen wird. «Wir müssen weg vom Immer-mehr», das ist die Botschaft. Die hören wir wohl, aber denken dann weiter. Also Verzicht, Rückbau, Reduktion, von allem weniger – was gut fürs Klima sein mag, ist mit Sicherheit schlecht für meinen Arbeitsplatz. Wir können nicht zugunsten des Klimas die halbe Bevölkerung arbeitslos machen.

Es ist auch nicht eine Sache des Geldes. Die Leute wollen nicht Almosen, sondern Jobs. Wie sollen wir eine Marktwirtschaft in einer Demokratie umbauen, dass es insgesamt verträglich ist? Auf diese Frage kriegt man leider kaum brauchbare Antworten.

Nächste Veranstaltung am 25. Oktober, 17.15 Uhr: Martin Schmid, dipl. Ing. HTL/FH, Ökozentrum Langenbruck: «Der Mensch kann Ressourcen selber erschaffen und das Klima kühlen – demonstriert am Beispiel der Pflanzenkohle»; Aula der FHNW Windisch.

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