«Wer den Begriff Palliative Care hört, denkt meistens, dass es ums Lebensende geht. Doch dem ist überhaupt nicht immer so», sagte Hospiz-Geschäftsführer Dieter Hermann am ersten Netzwerkanlass am Donnerstagabend im grossen Süssbachsaal in Brugg. «Denn Palliative Care ist schon dann ein Thema, wenn eine Krankheit diagnostiziert wird, an der man vermutlich sterben wird. Wir sprechen hier von Demenz oder Krebs», fuhr Hermann fort. Für die Betroffenen und Angehörigen sei dann zentral, dass sie sich – möglichst früh und unkompliziert – die nötige Hilfe holen können und auch psychosoziale Unterstützung erhalten, um eine hohe Lebensqualität zu erhalten.

Im überarbeiteten Altersleitbild der Stadt Brugg ist deshalb als eine der zu treffenden Massnahmen vorgesehen, im Rahmen der Nachbarschaftshilfe und dem Selbsthilfeprinzip folgend, ein koordiniertes, engmaschiges Netzwerk für eine gute Palliativversorgung aufzubauen. Profitieren soll die ganze Bevölkerung.

Fragen gestellt, Vision entwickelt

Eingeladen zum ersten hatten Hospiz Aargau, Palliative Aargau sowie die Spitex Region Brugg AG sämtliche Haushalte der Stadt Brugg. Gekommen sind zirka 45 Personen. «Soweit wie die Stadt Brugg ist noch keine andere Gemeinde im Kanton», sagte Matina Hämmerli von Palliative Aargau. Zusammen mit Dieter Hermann und Mirjam Tanner, Leiterin Fachgruppe Palliative Care bei der Spitex, führte sie durch den Abend.

An verschiedenen Tischen gingen die Anwesenden folgenden drei Fragen nach: Wie sollte ein funktionierendes Palliative- Care-Netzwerk in der Stadt Brugg aussehen? Wie und wer könnte/sollte sich für das Projekt begeistern? Was soll mit diesem Projekt in der Stadt Brugg erreicht werden? Die Diskussionen waren lebhaft und die Ideen vielfältig.

Dennoch zeigte sich praktisch in jeder Gruppe nach kurzer Zeit, dass es dringend eine Koordinationsstelle braucht, die den Überblick hat über professionelle und ehrenamtliche Angebote. Erwähnt wurden ausserdem die Themen Kommunikation, Datenschutz, Haftung, Ausbildung von Freiwilligen, finanzielle und personelle Ressourcen sowie die nötige Infrastruktur.

Lustvolle Angebote ausprobieren

Könnten Studenten eingebunden werden, die für einen tiefen Mietzins noch gewisse Hausarbeiten übernehmen? Sollten Händler angefragt werden, ob sie Lebensmittel und andere Alltagsgegenstände auf telefonische Bestellung nach Hause liefern? Wie können sich mehrere Freiwillige um eine Person kümmern? Wie sieht es mit der Abgrenzung aus? Dürften Leute, die zum Beispiel ein Bein gebrochen haben, dieses Netzwerk auch in Anspruch nehmen? Grundsätzlich haben die meisten Menschen den Wunsch, möglichst lange zu Hause wohnen zu können.

Hilfe anzunehmen und über Palliative Care zu sprechen, scheint noch immer vielen Menschen schwerzufallen. Umso wichtiger war es für eine Teilnehmerin, auch lustvolle Angebote zu entwickeln, bei denen sich die Leute unkompliziert begegnen können und miteinander ins Gespräch kommen. Dabei dürfe es keine Rolle spielen, ob man vermögend sei oder nicht. Ziel sei es, mit niederschwelligen Massnahmen Isolation zu verhindern.

Palliative Care keine Frage des Alters

Dass Palliative Care keine Frage des Alters ist, machte Dieter Hermann zum Abschluss deutlich: «Im Hospiz war der bisher jüngste Patient nur gerade 19 Jahre alt. Und ein Drittel unserer Patienten ist noch nicht im AHV-Alter.» Im Hinblick auf eine gut funktionierende und flächendeckende Nachbarschaftshilfe gelte es nun den nächsten Schritt zu machen. Dabei sei die Mitarbeit von Freiwilligen sehr willkommen.

Bei der Aufbauarbeit wird sich auch CVP-Stadtrat Jürg Baur engagieren. Dieser betonte: «Wir haben in Brugg und Umgebung schon viele tolle Angebote. Aber wir müssen sie noch ergänzen und bekannter machen.» Dazu wünschte er allen Beteiligten viel Mut und Energie. Baur hofft, dass in zwei Jahren das Projekt auf ein solides Fundament gestellt werden kann.