Brugg
Wenn Geigen herzzerreissend miauen und Schlaginstrumente einen verheissungsvollen Cocktail mixen

Das Siggenthaler Jugendorchester vertont live drei Stummfilme von Charlie Chaplin. Ein Probenbesuch im Cinema Excelsior in Brugg.

Ina Wiedenmann
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Die rund 50 Musikerinnen und Musiker bereiten sich unter der Leitung von Marc Urech auf die Aufführungen vor.

Die rund 50 Musikerinnen und Musiker bereiten sich unter der Leitung von Marc Urech auf die Aufführungen vor.

Ina Wiedenmann

Wenn Geigen herzzerreissend miauen und Schlaginstrumente einen verheissungsvollen Cocktail mixen, dann sind Musikerinnen und Musiker des Siggen­thaler Jugendorchesters am Werk. Sie flirten schüchtern, servieren akrobatisch Hühnchen, fallen auch mal hin, fahren souverän auf Rollschuhen und gehen mit vereinten Kräften auf temporeiche Verfolgungsjagd. Sie hauchen Filmszenen akustisches Leben ein.

Am Probenwochenende bereiteten sich die rund 50 Orchestermitglieder unter der Leitung von Marc Urech auf die bevorstehenden zehn Konzerte im Cinema Excelsior in Brugg vor. Sie vertonen live drei Stummfilme von Charlie Chaplin: «Easy Street», «The Rink» und «Behind the Screen».

Tele M1 war bei der letzten grossen Probe vor dem grossen Auftritt dabei.

Tele M1

Das «Excelsior» wird zum Opernhaus

Der Orchestergraben mit all den Musikerinnen und Musikern direkt vor der Leinwand verwandelt das Kino in ein Opernhaus. Stephan Filati vom «Excelsior» ist froh darüber, den nötigen Platz für eine derartige Inszenierung zu haben. Zusammen mit Dirigent Marc Urech suchte er lange im Vorfeld die drei Filme aus und organisierte vom 84-jährigen amerikanischen Filmmusik-Komponisten Carl Davis die Noten.

«Ihr müsst unbedingt Kraft da reinbringen», spornt Marc Urech das Orchester vor einer bestimmten Szene im Film «The Rink» an, hebt den Taktstock und los geht’s. Charlie Chaplin läuft, begleitet vom ganzen Orchester, tollpatschig zwischen Tischen hin und her und versucht, als Kellner sein Bestes zu geben.

Er kassiert komödiantisch an einem Tisch, hilft einem Gast vergeblich aus dem Mantel und serviert eine Bürste mit Putzlappen. Dann zieht er einer korpulenten Dame den Stuhl unterm Hintern weg und bringt sie zu Fall. Für sämtliche Szenen ist vom Orchester höchste Präzision gefragt. Der Sturz der rundlichen Dame wird daher so lange geübt und die Szene auf Anfang gesetzt, bis die Vertonung auf den Punkt genau passt.

Die Musikerinnen und Musiker sind für jeden Hinweis ihres Dirigenten dankbar. Sie hängen an seinen Lippen, denn jede Anregung hilft ihnen, das Stück noch lebendiger zu machen. Dafür setzt Urech seinen ganzen Körper ein, singt ein­zelne Takte vor und macht den Katzenjammer für die Geigen deutlich.

Das Orchester spielt weiter. Bereits nach kurzer Zeit ruft Urech: «Das ist es! Yes!» Die Augen der Musikerinnen und Musiker funkeln vor Begeisterung. Der Film läuft weiter, wie auch die Musik. Spätestens bei den Szenen auf der Rollschuhbahn wird so mancher im Publikum rhythmisch im Walzertakt mitgehen.

Feine Mimik wird durch Musik noch intensiver

In der Probenpause erzählen Konzertmeister Andreas Lakner sowie Fagottspielerin Berit Rohe, dass sie seit nunmehr einem dreiviertel Jahr für die kommenden Aufführungen proben. «Für diese Filmmusik müssen wir noch viel wacher sein, damit zeitlich alles genau zu den einzelnen Filmszenen passt», sagt Berit Rohe.

Sie verrät, dass sie ihre Noten extra so platziert hat, um immer den Dirigenten zu sehen. Er bestimmt das Tempo. Andreas Lakner fügt hinzu: «Am Schönsten ist es für mich, wenn sein Gesicht spricht und mir sagt: Es passt perfekt.»

«Für diese Filmmusik müssen wir noch viel wacher sein, damit zeitlich alles genau zu den einzelnen Filmszenen passt»: Konzertmeister Andreas Lakner sowie Fagottspielerin Berit Rohe.

«Für diese Filmmusik müssen wir noch viel wacher sein, damit zeitlich alles genau zu den einzelnen Filmszenen passt»: Konzertmeister Andreas Lakner sowie Fagottspielerin Berit Rohe.

Ina Wiedenmann

Lakner mag vor allem den Film «Behind the Screen», weil er darin zwischen Melodie und Begleitung wechseln und trotzdem im entsprechenden Tempo bleiben muss. Berit Rohe nennt hingegen «Easy Street» als ihren Favoriten.

In diesem Film muss eine Melodie für Fagott und Querflöte immer wieder neu phrasiert werden, um brenzligen Szenen mit der Polizei die nötige Dynamik zu verleihen. «Das ganze Orchester merkt, dass es nun ernst wird», sagt Rohe abschliessend und Lakner ergänzt:

«Es ist aber eine positive Anspannung. Wir freuen uns jedenfalls alle sehr auf die Konzerte.»

Marc Urech weiss, dass es für das Orchester mit jeder Probe leichter wird. «Sie müssen den Klang und den Puls des Ganzen spüren», erklärt der erfahrene Dirigent. Mit strahlenden Augen fügt er hinzu:

«Wenn die Musikerinnen und Musiker von den Schwingungen berührt werden und sie sich davon leiten lassen, erleben sie ein einzigartiges Netzwerk.»

Den Film zu vertonen, erfordert von allen ein Mitfühlen, Mitdenken und Mitempfinden. «Dieses Gefühl, dieser ‹Groove› lohnt sich und ist enorm wertvoll», betont Urech. Die feine Mimik, die unbeschreibliche Dynamik und die bemerkenswerte Artistik in den Filmen wird durch Musik noch intensiver. Von Donnerstag bis Sonntag können sich Besucher im Cinema Excelsior Brugg selbst davon überzeugen.

Die Aufführungen finden statt am: Donnerstag, 2. September, 20.15 Uhr; Freitag, 3. September, 18 Uhr und 20.15 Uhr; Samstag, 4. September, 11 Uhr, 15 Uhr, 18 Uhr und 20.15 Uhr; Sonntag, 5. September, 11 Uhr, 15 Uhr und 18 Uhr.

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