Das heutige Brugg sei nicht mit demjenigen vor 20 Jahren vergleichbar. «Das ist ein Riesenunterschied: kein Salzhaus, kein Odeon, kein Dampfschiff», sagt Brigitte Perren. Die sympathische, aufgestellte 61-Jährige erinnert sich lebhaft an die Renovation und den Umbau des Kulturhauses beim Bahnhof.

Ende 1991 war sie mit ihrem Mann nach Brugg gezogen, kannte kaum jemanden. Eines Abends war sie zu Gast an einem «Palais Odeon»-Anlass. Sie war begeistert. «Das war total lässig.» Ihr Interesse am Kulturbetrieb war geweckt und sie beschloss, sich in ihrer Freizeit im Verein Arcus zu engagieren. «Ich habe in der genial improvisierten Bar mitgeholfen, die damals bei Veranstaltungen betrieben wurde.»

Zuerst das Salzhaus ...

Der Verein Arcus war 1989 gegründet worden und setzte sich ein für die Einrichtung eines zentralen Raums für Kultur. Im Fokus stand vorerst das Salzhaus, das als Materialdepot des Bauamts verwendet wurde. 1996 wurde Brigitte Perren Arcus-Präsidentin. Zusammen mit vielen Freiwilligen – «die halbe Stadt stand dahinter» – wurde das Salzhaus renoviert und konnte 1997 den Betrieb aufnehmen. Allerdings blieb für den Verein Arcus der Spielraum begrenzt, denn Vermietung und Verwaltung lagen in den Händen der Stadt.

Also konzentrierte sich der Verein weiterhin aufs «Odeon». Als Untermieterin im konventionell geführten Betrieb konnte die Arcus-Untergruppe «Film-Top» zu dieser Zeit ein- bis zweimal wöchentlich ein alternatives Programm mit Studiofilmen zeigen. Mit dem Kleinkunstprogramm «Palais Odeon» wurde durchschnittlich einmal monatlich die Bühne bespielt. Das breite, qualitativ anspruchsvolle Angebot kam an, die Anlässe waren gut besucht, blickt Brigitte Perren zurück.

... dann das Odeon

Doch auf einmal wurde das Haus zum Spekulationsobjekt. Zur Diskussion stand ein Abriss, um Platz zu schaffen für ein Einkaufszentrum. «Wir dachten, dies sei das Ende des Vereins Arcus», sagt Brigitte Perren. «Fertig, Schluss.» Dann trat das Apotheker-Paar Bernadette und Max Kuhn auf den Plan, zeigte Interesse, die Liegenschaft zu übernehmen und zu erhalten, um ein Kulturzentrum einzurichten. Den Verein Arcus fragten sie an für die Betriebsführung.

«Das war genau das, was wir uns immer gewünscht hatten», sagt Brigitte Perren und fügt mit einem ansteckenden Lachen an: «Ich hatte nicht gedacht, dass ich gleich eine so grosse Kiste am Hals haben würde. Eine äusserst aufregende, aber auch intensive Zeit kam auf uns zu.»
Gemeinsam – und mit viel ehrenamtlicher Arbeit der zahlreichen Helfer – konnte das Vorhaben entwickelt und umgesetzt werden, der Verein wurde bei der Planung von Umbau und Renovation einbezogen, konnte seine Ideen und Erfahrung einbringen.

«Das war Teamwork vom Feinsten.» Gefeiert wurde der Start mit einem 24-stündigen Kulturfest zum Thema «Film». Die Begeisterung war gross, sagt Brigitte Perren rückblickend. «Das Publikum hat extrem gut reagiert, viele haben gespannt auf diesen Moment gewartet.» Trotz Euphorie, räumt sie ein, sei die Belastung hoch gewesen, sei es manchmal ein Gezerre gewesen. Aber: «Wir haben uns sehr getragen gefühlt von den Bruggerinnen und Bruggern.»

Die Mitgliederzahl des Vereins stieg stetig an. Auch mit der Behörde wurde ein enger Austausch gepflegt. «Wir spürten ein Wohlwollen uns gegenüber.» Nur zu Beginn sei die Stadt vielleicht etwas zurückhaltend gewesen, habe abgewartet um zu schauen, wie viel Durchhaltewillen der Verein tatsächlich zeige und ob nicht eine Konkurrenz entstehe zum kurz zuvor lancierten Salzhaus. Schnell habe sich gezeigt, so Brigitte Perren, dass mit dem «Odeon» vielmehr eine Ergänzung geschaffen werden konnte. «Beide haben ihr Profil gefunden.»

Für Wartende gabs Glacé

Als Höhepunkte bezeichnet sie die Saisoneröffnungen, die vor allem in den Anfängen jeweils mit viel Herzblut und grossem Aufwand opulent gefeiert wurden. Gut erinnert sie sich ebenfalls an einen der rege besuchten Informationsanlässe zum Umbau, als sie und Max Kuhn sich für ihre Ausführungen mit baumelnden Beinen einfach an den Bühnenrand setzten. «Dieses Bild habe ich noch immer im Kopf. Alles wirkte improvisiert. Aber bei unserer Zusammenarbeit kümmerten wir uns nicht um Formen und Konventionen, uns ging es um den Inhalt.» Dem Ehepaar Kuhn windet sie ein Kränzchen: «Sie haben uns ein super Haus mit einer grosszügigen Infrastruktur hingestellt.»

Der Betrieb im neuen «Odeon» war von Beginn weg erfreulich. «Wir sind gut gelandet», sagt Brigitte Perren. Selbstverständlich, fügt sie an, habe es ebenfalls Durchhänger und ein paar Kinderkrankheiten gegeben. Bei den Kino-Vorführungen stieg mehr als einmal der Projektor aus. Bis zum Beginn der Filmvorführung musste den wartenden Besuchern deshalb jeweils Glacé spendiert werden. Neben Optimierungen der Infrastruktur wurde auch die Organisation immer wieder angepasst. «Wir waren zur Weiterentwicklung gezwungen.»

Sie hat vollstes Vertrauen

Das Programm wurde in der Folge Schritt für Schritt ausgeweitet, mittlerweile sei es unheimlich dicht, stellt Brigitte Perren fest. Der heutige Betriebsleiter Stephan Filati habe konstant für Steigerung gesorgt, leiste zusammen mit Mitarbeitenden und freiwilligen Helfern fantastische Arbeit.

Kurz: Das «Odeon» sei ein funktionierender, professionell geführter Betrieb, fasst sie zusammen. Was wünscht sie dem Kulturhaus für die Zukunft? «Ich hoffe auf ein langes, prosperierendes Leben. Brugg ohne ‹Odeon› ist für mich schlicht undenkbar», antwortet sie nach kurzem Überlegen. «Ich habe vollstes Vertrauen, dass die Geschichte erfolgreich weitergeht, dass die kommenden Herausforderungen gemeistert und die notwendigen und gewünschten Veränderungen mit erwiesener Kreativität umgesetzt werden.»