Brugg
Brugg kannte Vetternwirtschaft im grossen Stil

Der Historiker Max Baumann zeigte die Machtverhältnisse im alten Brugg auf. Dabei wurde deutlich: Bei genauerem Hinsehen war der demokratische Aufbau von Brugg früher wenig demokratisch.

Edgar Zimmermann
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Max Baumann stellt den mächtigen Schultheiss Johann Jakob Zimmermann auch auf einem Gemälde vor. NN

Max Baumann stellt den mächtigen Schultheiss Johann Jakob Zimmermann auch auf einem Gemälde vor. NN

Grossaufmarsch zum Vortrag von Historiker Max Baumann. Der Obmann der Volkshochschule, Hans Hurter, zeigte sich sehr erfreut darüber, dass die Vergangenheit des Prophetenstädtchens auf so viel Interesse stösst. – Auf den ersten Blick wirkt das politische System in Brugg im 17. und 18. Jahrhundert demokratisch. Da findet sich in der unteren Stufenordnung die so genannte Kleinglocke mit bis zu 32 Mitgliedern. Diese wählten die 12 Mitglieder des Grossen Rates – ein Kontrollorgan – samt Gross- und Kleinweibel, die 7 Mitglieder des Kleinen Rates samt Ratsschreiber sowie den Amt- und Altschultheiss.

Wer nicht in diesem so genannten Regiment vertreten war, hatte nichts zu sagen. So lebten zum Beispiel 1764 insgesamt 177 vollberechtigte Bürger im Städtchen; 68 Prozent waren von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen, ebenso alle Zugezogenen. Die «Gemeine Bürgerschaft» durfte nur gerade an den (seltenen) Pfarrwahlen teilnehmen.

Inzucht bei Ämtervergabe

Bei genauerem Hinsehen war der demokratische Aufbau wenig demokratisch. Denn die Kleinglöckler wurden von den Räten, Schultheissen und vom Ratsschreiber gewählt. Das heisst: Diese wählten jene Leute, oft auch Verwandte, die sie dann wiederum wählten. Die Räte schreckten auch vor Bestechungen nicht zurück. Nur wer in der Kleinglocke sass, konnte in die höheren Ämter aufsteigen. Und dort wurden entstehende Lücken mittels Selbstergänzung der obersten Machthaber gefüllt: mit eigenen Leuten. Die Ämter wurden zumeist innerhalb von wenigen Familien aufgeteilt, die sich so die Macht sicherten. Johann Jakob Zimmermann (1703–87) war im 18. Jahrhundert der mächtigste Mann in Brugg. Bereits der Vater und der Grossvater waren Schultheissen, der Vater selber ernannte Johann Jakob zum Stadtschreiber: Dieser stieg dann ebenfalls zum Schultheiss auf und blieb 63 Jahre lang an den Schalthebeln der Macht.

Die Zimmermann-Dynastie, durch die Heirat von Töchtern auf die Geschlechter Frölich und Füchslin ausgedehnt, stellte lange Zeit einen Grossteil der Schultheissen, Ratsherren und Stadtschreiber. Baumann: «Es war also eine kleine Gruppe um Zimmermann, die effektiv herrschte.» Die Gerichtsfunktionen wurden ebenfalls weitgehend vom Regiment ausgeübt.

Einträgliche Geschäfte

Wahlkämpfe verschlangen grosse Summen, ebenso Wahlfeiern, die bis zu 500 Gulden kosteten; dies entsprach vier Jahreslöhnen eines Handwerkers. Somit konnten sich viele Bürger auch finanziell eine politische Beteiligung nicht leisten. Allerdings war ein höheres Amt lukrativ, aber nicht der Besoldung wegen. Doch dank den Beziehungen zu Bern erhielten führende Familien monopolartige Stellungen im Salz- und Getreidehandel und in der Güterspedition, was zu grossem Reichtum verhalf. Entsprechend war der Lebensstil.

Die Bürger hatten die Möglichkeit, gegen Entscheide des Regimentes in Bern zu rekurrieren. Der Erfolg blieb häufig aus, zudem rächten sich die Angegriffenen bei Beschwerdeführern. Mit der Helvetischen Revolution änderten sich schliesslich die Macht- und Demokratieverhältnisse ab 1798 auch in Brugg. Eine Billardgruppe löste hier die Oppositionsbewegung aus, interessanterweise angeführt vom letzten Spross der Zimmermann-Sippe!

Der Redner wurde in der Diskussionsrunde mit Fragen regelrecht bombardiert – ein Zeichen dafür, dass er das Publikum zu fesseln vermochte.