Brugg
10'000 Besuchende und so viele Todesfälle wie noch nie: Wie das zweite Coronajahr für das Hospiz Aargau verlief

Stationär behandelt das Hospiz seine Patientinnen und Patienten an der Fröhlichstrasse in Brugg. Geschäftsführer Dieter Hermann erklärt, welchen Einfluss die eingeschränkten Besuchsrechte in Spitälern und Altersheimen auf seinen Betrieb haben und worauf er 2022 hofft.

Carla Honold
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Das stationäre Hospiz Aargau in Brugg verfügt über zehn Einzelzimmer.

Das stationäre Hospiz Aargau in Brugg verfügt über zehn Einzelzimmer.

zvg

Die stationäre Begleitung der Patientinnen und Patienten des Hospiz Aargau in Brugg kann sehr kurzweilig sein oder sich über eine lange Zeit erstrecken. «Es dauert halt immer so lange, wie es individuell braucht», weiss Geschäftsführer Dieter Hermann. Manche Personen würden sich erst einmal stabilisieren, um dann eine langsamere Schrittgeschwindigkeit zum Lebensende zu wählen. Andere finden den Ort, wo sie loslassen können, gemäss Hermann schneller.

Unterschiedlich war die Aufenthaltsdauer der einzelnen Patientinnen und Patienten auch im Jahr 2021. Hermann, der seit Anfang dieses Jahres auch das Hospiz Zentralschweiz in Luzern offiziell leitet, erklärt:

«Teilweise waren die Menschen nur ein paar Stunden oder ein bis zwei Tage bei uns, es gab aber auch längere Aufenthalte von einigen Monaten.»

Zahlreiche Todesfälle reduzierten die Auslastung

Im vergangenen Jahr begleitete das Hospiz Aargau auf der Palliative-Care-Station an der Fröhlichstrasse in Brugg 112 Menschen, wie Dieter Hermann berichtet. 2020 waren es 101 Patientinnen und Patienten. 2021 verzeichnete das Hospiz so viele Todesfälle wie noch nie. Der Geschäftsführer sagt:

«99 Patientinnen und Patienten sind verstorben.»

Das bedeute eine Zunahme von 11 Prozent im Vergleich mit 2020. Vier Personen konnten, wie er hinzufügt, wieder austreten.

Dieter Hermann ist der Geschäftsführer des Hospiz Aargau und der Hospiz Zentralschweiz Betriebs AG.

Dieter Hermann ist der Geschäftsführer des Hospiz Aargau und der Hospiz Zentralschweiz Betriebs AG.

Chris Iseli (16. November 2020)

Die Bettenauslastung im Hospiz, das über zehn Einzelzimmer verfügt, lag 2021 gemäss Hermann bei 91,6 Prozent. Die Pflegeauslastung belief sich auf 85,1 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr – das auslastungsstärkste in der Geschichte des Hospizes – sanken die beiden Werte um 3,1 respektive 2,4 Prozent.

«Das ist eine exakte Punktlandung zur Budgetierung», so Hermann. Die Reduktion begründet er mit den hohen Sterbefällen: «Da wir die Zimmer nach dem Todesfall zum Abschiednehmen noch drei Tage der Familie zur Verfügung stellen, entstehen nicht verrechenbare Leerstände.»

Im Hospiz gilt uneingeschränktes Besuchsrecht

Wie in 2020 hatte das Hospiz Aargau 2021 gemäss Dieter Hermann aufgrund der speziellen End-of-Life-Thematik ein uneingeschränktes Besuchsrecht für An- und Zugehörige. Er berichtet: «Durch die Registrierung der Besuche im Rahmen der pandemischen Nachverfolgbarkeit können wir sagen, dass wir etwa 10'000 Besuchende im stationären Hospiz begrüssen durften.»

Das stationäre Hospiz Aargau befindet sich an der Fröhlichstrasse 7 in Brugg.

Das stationäre Hospiz Aargau befindet sich an der Fröhlichstrasse 7 in Brugg.

zvg

Anders sieht es bei Besuchen in Spitälern und Altersheimen aus: Dort gelten aufgrund der Pandemie vielerorts verkürzte Besuchszeiten und eine Beschränkung für die Anzahl Besuchender.

Warum die Verlegungsanfragen während der Pandemie zunahmen

Im Hospiz in Brugg gilt laut dem Geschäftsführer eine Maskenpflicht bis zum Patientenzimmer, dort dürfe die Maske abgenommen werden. Auch müssen Besucherinnen und Besucher symptomfrei sein, kein Fieber haben und sich an Abstands- sowie Hygieneregeln halten. Dieter Hermann weiss:

Adrian Schmutz (ehemaliger Leiter RAV Brugg) ist seit Januar stellvertretender Geschäftsführer von Dieter Hermann (rechts) im Hospiz Aargau.

Adrian Schmutz (ehemaliger Leiter RAV Brugg) ist seit Januar stellvertretender Geschäftsführer von Dieter Hermann (rechts) im Hospiz Aargau.

zvg
«Wir hatten diverse Anfragen bezüglich Verlegung von Patientinnen und Patienten ins Hospiz aufgrund des uneingeschränkten Besuchsrechts.»

Er schätzt, dass 2020 jede fünfte Anfrage diesen Hintergrund hatte. Mittlerweile sei es vielleicht jede zehnte. «Allerdings halten wir an unseren Aufnahmekriterien auch in solchen Zeiten fest, sodass wir ausschliesslich Personen mit einem progredienten Krankheitsverlauf in der letzten Lebensphase begleiten», hält der Geschäftsführer fest. Somit bewege sich das Arbeitsaufkommen für das Personal im üblichen Rahmen.

Am Coronavirus erkrankten weder Personal noch Patientinnen und Patienten

Ebenfalls wie im Jahr 2020 infizierte sich gemäss Dieter Hermann während des letzten Jahrs weder die Belegschaft noch die Patientinnen und Patienten des Hospizes mit dem Coronavirus. «Wir blieben bisher von negativen äusseren Einflüssen, bedingt durch die Pandemie, verschont.» Dies führt der Geschäftsführer auf das Pandemiekonzept, die Hygienerichtlinien sowie sensibilisierte und achtsame Mitarbeitende, umsichtige Besuchende und konsequente Einhaltung der Vorgaben zurück.

Im neuen Jahr rechnet Hermann mit einem Auslastungsniveau zwischen jenem von 2020 und 2021. Für 2022 wünscht er sich 1G – wobei G für gemeinsam stehen soll. «Ich hoffe, dass wir wieder als Gesellschaft zusammenfinden und ein gewisses Mass an sozialer Normalität erreichen mit oder hoffentlich ohne pandemische Hintergrundgeräusche», führt er aus.

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