Plötzlich musste es schnell gehen: Am Donnerstagabend lag der Untersuchungsbericht zum Zustand der Brückenpfeiler des Reussstegs auf dem Tisch der Windischer Gemeindepräsidentin Heidi Ammon und des Gebenstorfer Gemeindeammanns Fabian Keller. Aus dem Bericht geht hervor: Die Brücke (Baujahr 1916) – insbesondere die Pfeiler – ist in einem massiv schlechten Zustand. Der Steg musste sofort geschlossen werden (die AZ berichtete). Diese Massnahme wurde per Samstagmorgen umgesetzt. «Wir wollten am Freitagabend die Pendler nicht mit der Sperrung der Brücke überraschen», erklärt Heidi Ammon an der Presseinformation am Dienstagnachmittag den Umstand, warum die Brücke nicht schon am Freitag gesperrt wurde. Die Behörden betonen, dass die Sicherheit der Bevölkerung jederzeit im Vordergrund stand.

Dass die Brücke in einem schlechten Zustand ist, wusste man schon länger. Eigentlich bereits, als die beiden Gemeinden den Steg Anfang 2000 kauften – mit einer Beteiligung von je 50 Prozent. Überrascht wurden die Behörden aber ob der prekären Lage der Pfeiler. Die entsprechenden Tauchgänge wurden im Sommer durchgeführt. Sie brachten zutage, dass die Pfeiler unterspült und stark gefährdet sind.

Wurde zu lange mit dem Neubauprojekt zugewartet?

Besonders kritisch steht es um den Brückenpfeiler 2 Seite Gebenstorf. Hier ist die halbe Pfeilerbreite unterspült. Das habe man so nicht erwarten können, heisst es an der Medienkonferenz, an der Vertreter der beiden Gemeinden anwesend sind, aber auch Einwohner von Unterwindisch. Das Material der Brücke ist ebenfalls ein Problem. Vor gut 40 Jahren wurde die Betonbrücke mit Spritzbeton verkleidet. «Das äussere Material ist härter als das innere», erklärt Bauingenieur Sandro Kümpel von der Firma Gerber + Partner. «Es entstanden Risse, in diese floss Wasser, das im Winter gefror.» Je nachdem brauche es nicht einmal ein Hochwasser, damit der Pfeiler wegbreche.

Die Behörden müssen sich die Frage gefallen lassen, ob man mit einer Sanierung oder einem Neubau nicht zu lange zugewartet hat. Hätte die aktuelle Notsituation nicht verhindert werden können, indem man sich früher an die Planung eines Neubaus gesetzt hätte? «Möglicherweise haben wir die Situation unterschätzt», meint Fabian Keller. «Fakt ist aber, dass wir Anfang Juli – also noch vor den aktuellen Untersuchungsergebnissen – das weitere Vorgehen besprochen haben. Wir haben beim Kanton um finanzielle Unterstützung für den Neubau angefragt, haben aber eine Absage erhalten.» Mit der aktuellen Situation muss das Neubau-Projekt prioritär behandelt werden. Die Gelder dafür seien im Finanzplan eingestellt.

Gebenstorf wird an der Gemeindeversammlung im November über den Kredit abstimmen, der Einwohnerrat Windisch dürfte die Vorlage im Januar 2020 behandeln. Als Referenzprojekt für den Neubau des Reussstegs kann der Aaresteg von der Mülimatt in den Brugger Schachen herangezogen werden. Es muss mit Kosten von geschätzt 2,5 Mio. Franken gerechnet werden. «Aufgrund der Bedeutung des Reussstegs für den Langsamverkehr werden wir beim Kanton nochmals um finanzielle Beteiligung bitten. Die erste Absage nehmen wir nicht so hin», stellt Ammon klar. Gut zu wissen: Es dürfte möglich sein, den Übergang auch während des Neubaus zu erhalten.

Der Steg ist eine wichtige Langsamverkehrsverbindung von Baden/Gebenstorf nach Brugg/Windisch. Wöchentlich sind es gut 4800 Personen, die den Steg zu Fuss oder mit dem Velo passieren – vor allem, um zur Arbeit zu gelangen. Zudem ist der Steg Teil des schweizweiten Radroutennetzes.

Neuer Steg soll ästhetisch sein und ins Bild passen

Derzeit wird daran gearbeitet, die marode Brücke so rasch wie möglich wieder zu öffnen. Geld für die Sofortmassnahmen haben die beiden Behörden am Montag gesprochen – pro Gemeinde 60'000 Franken. Das Bauunternehmen ist beauftragt, das Material bestellt. Sandro Kümpel sagt: «Es werden Stahlträger neben dem bestehenden Pfeiler auf Gebenstorfer Seite installiert. Der Überbau wird darauf gelegt. Der Windischer Pfeiler wird vorläufig so belassen, wie er ist.» So würden keine Arbeiten im Wasser selber anfallen. Geht alles gut, wird der Steg in spätestens vier Wochen für den Langsamverkehr wieder geöffnet.

Dass die baldige Öffnung wichtig ist, zeigen die Reaktionen der Menschen aus dem Windischer Unterdorf. Die Schliessung des Stegs war am Samstag am Unterdorf-Markt ein grosses Thema. Verbessert werden müsse auch noch die aktuelle Signalisation, finden einerseits der Windischer Einwohnerratspräsident Dave Roth, andererseits aber auch die beiden Unterwindischer Heinz Steiner und Markus Iseli.

«Vor dieser Information hatte ich das Gefühl, dass der Unterhalt schlicht vernachlässigt wurde», gibt Steiner zu. «Jetzt ist mir aber klar, dass die Untersuchungen nicht einfach waren.» Beide haben aber Verständnis für die Sperrung. Für den neuen Steg wünschen sich die Unterwindischer, dass er ästhetisch ist, ins Bild passt und nur für den Langsamverkehr zugänglich ist.

Zur offiziellen Medienmitteilung der Behörden geht es hier.