Birr an einem Mittwochnachmittag. Es ist kurz vor halb zwei. Zeit für Jugendarbeiter Marco Jörg, sich auf den Weg ins neue «Generation Pub» zu machen. Im Einfamilienhaus am Föhrenweg holen wir ihn ab.

Die Klingel scheppert, kurz darauf öffnet sich die Holztür. Marco Jörg streckt der Besucherin die Hand entgegen. «Salutti, wie gehts?», fragt er fröhlich in seinem Dialekt, der sich wie eine Mischung aus Bündner und Ostschweizer Akzent anhört. Dann nimmt er jenes Accessoire in die Hände, das ihn auszeichnet: den Blindenstock.

Seit Geburt ist er praktisch blind. Er kann gerade mal hell und dunkel unterscheiden. Nicht immer konnte Marco Jörg mit seiner Behinderung so gut umgehen, wie er es heute kann. Aber davon später.

Mit schnellen Schritten kommt er die Treppe vor dem Haus herunter, klappt den Blindenstock aus und lässt die kleine Kugel an dessen Ende über den Asphalt tanzen. Stets sucht er nach dem Randstein, um sich orientieren zu können. 

Die Route hat er sich genau eingeprägt. Die Journalistin, die den Weg nicht genau kennt, ist auf die Führung des blinden Jugendarbeiters angewiesen. Marco Jörg ist meistens zu Fuss unterwegs.

Er schätzt diese Minuten in der Natur, die nur ihm gehören. Dann kann er Energie tanken auf dem Weg in das Gewusel im «Generation Pub», wo dann alle irgendetwas von ihm wollen.

Unterdessen haben wir die neuen Räumlichkeiten der Jugendarbeit erreicht. Zwei Häuser, sicher nicht mehr im besten Zustand, aber viel Umschwung bieten und sich perfekt eignen für verschiedenste generationenübergreifende Aktivitäten.

Ohne Mühe findet Marco Jörg den Eingang. Beim Beschreiben der verschiedenen Örtlichkeiten fällt auf, dass er mit seinen Händen immer in die richtige Richtung zeigt. Ein beinahe unheimliches Verständnis für den Raum, in dem er sich bewegt; es scheint, als würde er jeden Stein, jeden Baum, jede Unebenheit kennen. Für Sehende schwer vorstellbar.

Dann führt Marco Jörg stolz durch die renovierten Räume im ersten Haus. Das Herzstück des «Generation Pubs» – die Bar, angegliedert an die Küche, mit Lounge und Barhockern an hohen Tischchen – ist modern gestaltet.

Hier können sich Alt und Jung begegnen, die Jugendlichen können in der Lounge «abhängen», dereinst soll hier auch ein Mittagstisch für sie angeboten werden. Noch fehlen begeisterte Köchinnen und Köche, die freiwillig das eine oder andere Zmittag zubereiten würden. Die Küche selber wurde ersetzt und ist nach Gastronormen aufgebaut worden.

Es ist typisch für Marco Jörg, dass er sich eine Stelle ausgesucht hat, in der er Pionierarbeit leisten muss. «Es liegt mir, etwas von Grund auf aufzubauen», sagt er.

Der Jugendarbeiter

Der 39-Jährige zog im August mit seiner Familie – Frau Beatrice (39), dem Sohn Samuel (17) und den Töchtern Celina (15) und Alicia (13) – aus beruflichen Gründen nach Birr.

Nachdem zuvor die regionale Jugendarbeit bachab geschickt wurde, brauchte es jemanden, der ein neues Konzept für die Jugendarbeit im Eigenamt erstellt. Davon bekam Marco Jörg Wind, er meldete sich auf die freie 50-Prozent-Stelle bei der Reformierten Kirche Birr.

Bald merkten auch die Behörden, dass da ein fähiger Mann am Werk ist. Sie beauftragten Marco Jörg, das neue Konzept zu erarbeiten. Er gründete daraufhin die Stiftung Pro Jugend, die aus Gemeinde- und Gönnerbeiträgen sowie Spenden finanziert wird. Die Leitung der Geschäftsstelle bringt Marco Jörg eine weitere 50-Prozent-Stelle ein.

Mitte September war es so weit: Das neue Konzept konnte vorgestellt werden. Selbstsicher und wortgewandt erklärte Marco Jörg der Bevölkerung, welche Angebote geplant sind. Eine Bombe liess er dann mit den Kosten platzen.

Diese übersteigen nämlich die Investitionen der Gemeinden, informiert hat er die zuständigen Politiker zuvor nicht. Kurzzeitig herrschte Verwirrung, gar Unverständnis unter den anwesenden Gemeinderäten.

So als ob sie sich nicht gewohnt wären, dass ein Jugendarbeiter mal den Tarif durchgibt. «Sie haben sicher gemerkt, dass ich mich für meine Sache vehement einsetze», sagte Marco Jörg an diesem Abend.

«Ich will nicht das Sprachrohr von Politikern sein, sondern die Jugendlichen vertreten.» Dafür nimmt er auch in Kauf, dass es das eine oder andere unangenehme Gespräch gibt. Für die Politik, gar für eine Partei, würde er sich nie einspannen lassen. Obwohl der rhetorisch begabte Marco Jörg sicherlich ein beliebtes Parteimitglied wäre.

Die Jugendarbeit ist für ihn nicht nur ein Beruf. Es ist Hobby, Beruf und Freizeit gleichzeitig. Berufung scheint das richtige Wort dafür zu sein. Das braucht Organisationstalent, Erfahrung und die Gabe, sich abgrenzen zu können.

«Jugendarbeiter zu sein, bedeutet 99 Prozent geben», sagt Marco Jörg. Helfen, Probleme lösen, organisieren, betreuen. Darum brauche er immer wieder seine festgelegten Pausen, Ruhezeiten, wie er sie nennt, in denen er für sich sein kann. Auch ohne Familie. Abschalten, Energie tanken, «sich wieder etwas nehmen, um wieder geben zu können», wie er sagt. Die Energie findet er in der Musik.

Birr Blinder Jugendarbeiter

Der Musiker

Durch seinen Vater, der passionierter Musiker war, kam Marco Jörg bereits als kleines Kind in Kontakt mit verschiedenen Instrumenten. Sein Traum: Musiker werden. Im Internat, in dem er zur Schule ging, wurden seine Fähigkeiten in diesem Bereich gefördert.

Doch trotzdem klappte es nicht mit einem Studium am Jazz-Konservatorium in München. Die Invalidenversicherung und die Eltern fanden: «Lerne etwas Rechtes.» Widerwillig absolvierte Marco Jörg eine KV-Lehre.

Es war die Zeit, in der er mit der Blindheit zu hadern begann. Er glaubte, dass er in seinen Möglichkeiten eingeschränkt ist, sah keine Zukunft. Er suchte Halt in Drogen, Alkohol und einem ausschweifendem Leben.

«Meine Mutter hatte wohl die eine oder andere schlaflose Nacht wegen mir», sagt er heute. Er ist aber überzeugt, dass diese Erfahrungen ihm in seiner Arbeit als Jugendarbeiter helfen.

Er schloss dennoch die Lehre ab, wusste aber, dass ein Büroberuf nichts für ihn ist. Er wollte mehr Kontakt zu den Menschen. Darum entschloss er sich zu einer Masseur-Ausbildung.

In Davos arbeitete er und traf dort seine zukünftige Frau Beatrice. Sie wurde ungewollt schwanger in einer Zeit, als sie getrennt voneinander lebten. Sie rauften sich für das Kind zusammen. Marco Jörg übernahm in Rapperswil-Jona eine Massagepraxis.

Als Musiker hatte Marco Jörg ebenfalls Erfolg. Gemeinsam mit dem Bündner Rapper Gimma und Carlos Léal brachte er als Komponist die Single «Mensch si» heraus. 2011 stürmte der Song die Hitparaden.

Gimma mit Carlos Leal & Lou Zarra - Mensch si (HD)

Gimma mit Carlos Leal & Lou Zarra - Mensch si

Nach dem Lichtblick als Musiker kamen bald neue Probleme auf Marco Jörg zu. Er merkte, dass er vom Vorgänger seiner Massagepraxis übers Ohr gehauen wurde. Der versprochene Kundenstamm existierte nicht, finanzielle Schwierigkeiten waren die Folge.

Dunkle Zeiten brachen an. Dazu kamen Entzündungen in den Handgelenken, die ihn damals zur Aufgabe seines Jobs zwangen. Es war die Zeit, als Marco Jörg zum christlichen Glauben fand.

Der Christ

«Ohne Jesus hätte ich damals keine Überlebenschance gehabt», sagte er einmal. «Ich hätte mir wohl das Leben genommen.» Kunden seiner Massagepraxis hätten ihm von ihrem Glauben erzählt, erklärt er.

Nach und nach begann er, sich dafür zu interessieren. Er, der in einem katholischen Internat zur Schule ging, dort die Kirche als negativ und einengend erlebte, den Katholizismus gar ablehnte und einen konfrontativen Umgang pflegte und später gar aus der Kirche austrat, fand plötzlich einen Sinn im christlichen Glauben.

Er wollte sein altes Leben, das so unstetig und voller Frustration war, abstreifen. Marco Jörg begann, Theologie zu studieren. Drei Jahre hielt er durch. «Doch es war mir einfach zu theoretisch, nicht die Art von Religion, die ich suchte», sagt er.

Er glaubt an die historische Realität der Bibel. Gleichzeitig ist er «kein klassischer Kirchengänger, schon gar kein Frömmler», stellt Marco Jörg klar. Ihm geht es um die Würde, den Umgang von Menschen untereinander, um die Menschenrechte, die in der Bibel thematisiert werden. Themen, die seiner Meinung nach heute ebenso aktuell sind.

Nach dem Studium realisierte er, dass er seine Erfahrungen gerne jungen Menschen weitergeben möchte. Marco Jörg wurde Jugendarbeiter.