Bezirksgericht Brugg
Bizarrer Anabolika-Prozess geplatzt: Wichtiger Zeuge hat kalte Füsse

Ein 49-jähriger Mann wird beschuldigt, illegal mit verschiedenen Präparaten gehandelt und Geld gewaschen zu haben. Eine erste Verhandlung vor dem Bezirksgericht Brugg musste am Dienstag vertagt werden.

Toni Widmer
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Diese Auswahl an illegal hergestellten Präparaten hat die Polizei im Laufe der Untersuchung bei mehreren verdächtigen Personen sichergestellt.

Diese Auswahl an illegal hergestellten Präparaten hat die Polizei im Laufe der Untersuchung bei mehreren verdächtigen Personen sichergestellt.

Kapo AG

Ein IV-Bezüger fahre mit Luxuskarossen durch die Gegend. Unter anderem einen orangen Lamborghini und einen mehrere hunderttausend Franken teuren Maybach hätte die Polizei in seiner Garage sichergestellt und bei einer Hausdurchsuchung auch eine sehr hohe Menge Bargeld. Weitere grosse Vermögenswerte auf Banken und in Form von Liegenschaften seien gesperrt worden.

Denn der Reichtum des Mannes stamme aus dem illegalen Handel mit Anabolika, Hormonpräparaten, Appetithemmern, Erektionsförderern sowie anderen gesundheitsschädigenden Substanzen. Der Fall, in den mehrere Personen verwickelt sind, kam Ende 2012 durch einen Zufall ans Tageslicht und sorgte schweizweit für Schlagzeilen.

Prozess musste vertagt werden

Völlig übertriebene und vor allem falsche Schlagzeilen, behauptet jetzt der Beschuldigte. Er hätte nie eines der erwähnten Luxusautos besessen und auch keine Garage, in der diese Platz gefunden hätten. Aber er sei gelegentlich mit solchen Fahrzeugen unterwegs gewesen. Allerdings nicht zu seinem Vergnügen, sondern beruflich. Seine Vermögenswerte hätte er sich über Jahrzehnte hinweg mit harter, redlicher Arbeit verdient und keineswegs mit dem illegalen Handel von Medikamenten.

Der 49-jährige Mann hatte sich gestern vor dem Bezirksgericht Brugg für mehrere ihm zur Last gelegte Verfehlungen zu verantworten. Angeklagt ist er wegen gewerbsmässiger Widerhandlung gegen das Heilmittelgesetz, mehrfacher Geldwäscherei und Widerhandlung gegen das Waffengesetz. Der Strafantrag der Staatsanwaltschaft steht noch aus. Der Angeklagte wurde im November 2012 verhaftet, sass bis im Oktober 2013 in Untersuchungshaft und danach bis kurz vor Weihnachten 2014 im vorzeitigen Strafvollzug.

Die Verhandlung in Brugg wurde nach rund drei Stunden unterbrochen und vertagt. Einer der Hauptbelastungszeugen hatte wenige Tage vor dem Prozess alle seine Aussagen zurückgezogen. Das Bezirksgericht unter der Leitung von Gerichtspräsidentin Franziska Roth führte zwar vorerst noch die Befragung des Angeklagten durch, kam dann nach einer Beratungspause jedoch zum Schluss, dass sie erst den fraglichen Hauptbelastungszeugen anhören müsse, bevor sie mit dem Prozess weitermachen könne. Die Verhandlung werde in absehbarer Zeit neu angesetzt.

«Brandanschlag» mit Folgen

Versuchter Versicherungsbetrug – Das Fitnesscenter brannte nicht

Im April 2012 wurden Polizei und Feuerwehr ein Einbruch mit einem versuchten Brandanschlag in einem Fitnesscenter in Villmergen gemeldet. Bis heute unbekannte Täter waren gewaltsam in das Gebäude eingedrungen, hatten rund 15 Liter Treibstoff in den Räumlichkeiten ausgeleert und ein Frotteetuch angezündet.
Das Studio brannte zwar nicht, wegen der leicht entzündlichen Dämpfe herrschte jedoch grosse Explosionsgefahr. Die Polizei fand schnell heraus, dass der in finanziellen Nöten steckende Betreiber einen Versicherungsbetrug geplant und zwei bisher nicht bekannte Männer damit beauftragt hatte, das Fitnesscenter abzufackeln. Im Laufe der Ermittlungen kam die Polizei auch einem offensichtlich schwunghaften Handel mit Medikamenten auf die Spur. Mehrere Personen, darunter auch der im Hauptartikel erwähnte 49-jährige IV-Bezüger wurden beschuldigt, mit einer Vielzahl verschiedenster illegal hergestellter, verschreibungspflichtiger und nicht offiziell zugelassener Anabolika und Potenzmittel gehandelt zu haben.
Im Zusammenhang mit dem Verfahren wurde bei verschiedenen Beschuldigten eine grosse Menge von Anabolika in flüssiger und fester Form sichergestellt. Die Polizei beschlagnahmte ferner auch Potenzmittel und Spritzen. Die Medikamente wurden zu einem grossen Teil in zwei illegalen Labors in der Schweiz hergestellt, aber auch aus China importiert. (to)

Zwei Männer, darunter der damalige Betreiber des Fitnesscenters, sind bereits vom Bezirksgericht Bremgarten in erster Instanz abgeurteilt worden. Einer zu drei Jahren Haft, die Hälfte davon bedingt, der andere zu 14 Monaten Gefängnis bedingt. Zu einer hohen Geldbusse verurteilt worden ist auch eine Frau, die für einen der involvierten Männer «schmutziges» Geld versteckt hat. Diese Urteile des Bezirksgerichts Bremgarten wurden zum Teil weitergezogen und sind deshalb noch nicht alle rechtskräftig.

In den Untersuchungen zum Fall sowie auch in den Verhandlungen vor dem Bezirksgericht Bremgarten war der heute 49-jährige Mann, der seit einem schweren Unfall eine Erwerbsminderungsrente bezieht, massiv belastet worden. Zu Unrecht, wie er vor dem Bezirksgericht Brugg beteuerte. Er hätte zwar die erwähnten Substanzen besessen und über Jahre hinweg auch konsumiert. Das ohne negativen Folgen für seine Gesundheit. Niemals habe er jedoch solche Präparate verkauft und schon gar nicht für 160 000 Franken in China besorgen lassen, wie ihm von der Anklage vorgeworfen werde.

Am Anfang war ein Brandanschlag in einem Fitnesscenter in Villmergen.

Am Anfang war ein Brandanschlag in einem Fitnesscenter in Villmergen.

zvg

«Es war reiner Tauschhandel»

Ja, er habe mit den erwähnten Personen Kontakt gehabt und dem einen oder anderen auch einmal ein Präparat gegeben: «Das war aber ein reiner Tauschhandel. Der eine hat mehr von jenem Präparat, der andere mehr von einem anderen. Es ist in der Szene üblich, dass man sich austauscht», beteuerte der Angeklagte. Und hielt ausdrücklich fest: «Schliesslich sind Besitz und Konsum zum Eigenbedarf bei all diesen Substanzen nicht verboten. Ich habe nie mehr besessen, als ich selber konsumiert habe», erklärte er.

Der Angeklagte hat auf energisches Nachhaken aus den Reihen des Bezirksgerichts dargelegt, weshalb bei ihm von einem bestimmten Testosteron-Präparat eine recht grosse Menge gefunden worden sei: «Ich leide nachweislich an einem extrem tiefen Testosteronwert und musste deshalb die entsprechenden Medikamente nehmen. Ich habe die Präparate auch im Strafvollzug bekommen, auf Verfügung des Arztes.»

Geld mit Arbeit verdient

Die bei ihm sichergestellten Vermögenswerte, beteuerte der Angeklagte weiter, hätte er mit harter Arbeit verdient: «Als selbstständiger Transportunternehmer habe ich über Jahre hinweg regelmässig 16 Stunden und mehr am Tag gearbeitet und das oft auch am Wochenende.»

Ein Fitnesscenter, das er später betrieben und noch später wieder verkauft hat, hätte einiges abgeworfen: «Ich hatte immer recht viel Geld zur Verfügung, schon in den 90er-Jahren, als ich mich noch nicht in der Fitness-Szene bewegte», sagte der Angeklagte und gab freimütig zu, ab und an «auch etwas schwarz verdient und an der Steuerbehörde vorbeigeschleust» zu haben. Daneben hätte er jedoch nie auf grossem Fuss gelebt. «Ich habe nur eine bescheidene Wohnung, war nie in teuren Restaurants und fuhr zur Zeit meiner Verhaftung ein sechs Jahre altes Auto.»

Die belastenden Aussagen mehrerer Zeugen kann sich der Angeklagte nicht erklären: «Vielleicht hat da der Neid auf meine guten finanziellen Verhältnisse mitgespielt», erklärte der selbstsichere Angeklagte mit einem leichten Schulterzucken.