Bezirksgericht Brugg
Nachdem die Polizei in Lupfig in einem Auto 64'000 Euro sicher stellte, beschäftigt sich das Gericht mit dem Fall

Weil der heute 74-Jährige in eine Kontrolle geraten war, hat die Staatsanwaltschaft den gebürtigen Deutschen wegen Geldwäscherei angeklagt. Für den Prozess in Brugg ist der Beschuldigte aus Spanien angereist. Das Geld hatte er im Oktober 2019 in Amsterdam besorgt.

Claudia Meier
Merken
Drucken
Teilen
Richard führte im Koffer 50'000 Euro in kleinen Noten mit.

Richard führte im Koffer 50'000 Euro in kleinen Noten mit.

Symbolbild: Fotolia

«Das Geld führte ich mit, um eine Firma aufzukaufen, aber das wollen Sie mir ja nicht glauben», sagte Richard (Name geändert) vor dem Bezirksgericht Brugg. Der 74-Jährige (Jeans, ockerfarbenes Gilet, graue Haare, Brille) ist gebürtiger Deutscher. Für die Verhandlung war er extra von seiner Wahlheimat Spanien nach Brugg gereist. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Richard Anklage erhoben wegen Geldwäscherei und Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes.

An einem Mittwochabend im Oktober 2019 wurde Richard in Lupfig von der Polizei kontrolliert. Im Mercedes führte er in einer braunen Ledertasche auf dem Beifahrersitz 14'000 Euro sowie in einem silbernen Metallkoffer im Fussraum hinter dem Fahrersitz weitere 50'000 Euro in 10er, 20er und 50er Stückelungen mit sich. Der Beschuldigte hatte das Geld zuvor während eines Aufenthalts in Amsterdam von vier unbekannten Personen in bar erhalten. Via Luxemburg, Frankreich und Deutschland reiste er damit in Rheinfelden in die Schweiz ein. In Lupfig wurde er angehalten, kontrolliert und umgehend für knapp zwei Tage festgenommen. Laut der Anklageschrift waren sämtliche mitgeführten Geldbündel übermässig mit Drogen kontaminiert.

Die Staatsanwaltschaft forderte zehn Monate Gefängnis unbedingt

Richard gab an, dass er beabsichtigt habe, mit dem Geld im Metallkoffer im Auftrag der unbekannten Geldgeber einen Firmenmantel einer Schweizer Aktiengesellschaft zu erwerben und eine erste Tranche des Stammkapitals der Firma zu liberieren. «Ja, das war glaub eine 100'000er AG, so genau weiss ich das nicht mehr», sagte Richard in der Befragung durch Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg. Bei den 14'000 Euro in der Ledermappe handelte es sich um Richards Provision.

Die Polizei beschlagnahmte bei der Kontrolle neben den 64'000 Euro zwei Mobiltelefone, ein Tablet, zwei Navigationsgeräte sowie zirka 10 ml Cannabis-Öl, das Richard, der wegen Drogenhandels vorbestraft war, angeblich zum Eigenkonsum in die Schweiz eingeführt hatte. Aufgrund der Vorstrafe forderte die Staatsanwaltschaft eine unbedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten, eine Busse von 100 Franken und das Anrechnen der beschlagnahmten 64'000 Euro an die Verfahrenskosten sowie das Vernichten des Cannabis-Öls.

Richard wollte die Provision persönlich abholen

Er sei gesundheitlich angeschlagen und möchte einfach noch möglichst viel an der Sonne spazieren gehen, sagte Richard auf die Frage nach seinen Zukunftsplänen. Während der Verhandlung unterhielt sich der 74-Jährige wiederholt im Flüsterton mit seinem Verteidiger, wollte nicht auf die Vorstrafen eingehen und hielt gegenüber der Gerichtspräsidentin fest: «Muss ich Ihnen alles genau sagen?» Auf die Frage der Gerichtspräsidentin, warum er das Geld nicht auf ein Bankkonto überweisen liess, sondern mit dem Auto persönlich in Amsterdam abgeholt habe, entgegnete Richard:

«Weil ich daran verdiene und gerne mit dem Auto fahre.»

Er habe immer cash bezahlt, das sei auch ein Vertrauensbeweis, so der Beschuldigte. Richard sagte, er gehe davon aus, dass die Leute in Amsterdam, von denen er das Geld erhielt, nichts mit Drogenhandel zu tun hätten. Von diesen Leuten habe er auch schon Antiquitäten, Busse und Autos gekauft.

Gericht kann Verbrechen im Vorfeld nicht beweisen

Der Verteidiger forderte für Richard einen Freispruch vom Vorwurf der Geldwäscherei, weil das beschlagnahmte Geld aus legaler Herkunft stamme und der Nachweis für ein qualifiziertes Betäubungsmitteldelikt fehle. Ob die Kontamination des Geldes mit Drogen wirklich höher sei als in Amsterdamer Coffee Shops, sei ebenfalls unklar.

Das Bezirksgericht Brugg eröffnete das Urteil schriftlich und sprach Richard vom Vorwurf der Geldwäscherei – mangels Nachweis eines Verbrechens im Vorfeld der Geldübergabe – frei und schuldig bei der Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes. Mit der vorläufigen Haft wurden die Busse von 100 Franken und eine Genugtuung von 300 Franken getilgt. Das beschlagnahmte Cannabis-Öl wird vernichtet.

Die 14'000 Euro erhält Richard zurück. Auch die 50'000 Euro, falls innerhalb der gesetzlichen Frist keine Drittpersonen Anspruch darauf geltend machen. Der Beschuldigte erhält eine Entschädigung von über 3000 Franken für die Anreise aus Spanien. Die Verfahrenskosten gehen zulasten der Staatskasse.