Bezirksgericht Brugg
«Ich war damals recht schlimm ‹zwäg›»: Fahrt nach nirgendwo endete vor Gericht

Wegen versuchtem Raub erhielt ein Autostopper eine bedingte Freiheitsstrafe. Der Verteidiger bezeichnete die Aussagen des Zeugen vor dem Bezirksgericht Brugg als «absurde Geschichte».

Louis Probst
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Im Mai 2019 nahm der Zeuge den Autostopper im Wildischachen in Brugg mit.

Im Mai 2019 nahm der Zeuge den Autostopper im Wildischachen in Brugg mit.

Symbolbild: Angel Sanchez (AZ Archiv)

Jetzt erzähle er das zum dritten Mal, monierte der Zeuge vor Gericht. Zudem liege der Vorfall mehr als zwei Jahre zurück. Dann schilderte er wortreich, wie er, an einem heiterhellen Tag im Mai 2019, im Wildischachen in Brugg einen Autostopper aufgenommen hatte. «Ich nehme stets Leute mit», sagte er. Und weiter:

«Ich habe keine Angst. Im Auto habe ich bemerkt, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt.»

Er habe die Augen verdreht. «Ich habe ihn gefragt, wohin er wolle. Er hat gesagt, dass er eigentlich nirgendwohin wolle. Er wolle ein Auto. Er hat herumgekramt und ein Messer hervorgeholt. Ich habe mich gefragt: Was tun? Ich dachte, dass es am besten sei, wenn ich ihn an einen belebten Ort bringe. Ich bin zum Bahnhof Brugg gefahren. Dort habe ich ihn aussteigen lassen und ihm 10 oder 20 Franken gegeben. Dann habe ich die Polizei angerufen. Die hat ihn geschnappt.»

Die Staatsanwaltschaft erhob gegen den Autostopper Anklage wegen versuchtem Raub. Vorgeworfen wurden ihm zudem eine Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes, mehrfacher Ungehorsam im Betreibungs- und Konkursverfahren sowie Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über die Personenbeförderung, weil er «schwarz» im Postauto gefahren war.

Die Anklägerin beantragte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten als Gesamtstrafe zum Widerruf eines früheren, bedingten Straferlasses sowie eine Busse von 1000 Franken.

«Die Aussagen muten geradezu abenteuerlich an»

«Ich war damals recht schlimm ‹zwäg›», erklärte der Beschuldigte, ein junger Schweizer mit modischer Frisur und markanten Tattoos an den Armen, in der Befragung durch Bezirksgerichtspräsident Sandro Rossi. «Ich stand unter Einfluss von Medikamenten und Alkohol. Ich trug das Messer im Hosensack. Weil es mich beim Sitzen störte, habe ich es hervorgenommen, um es in meinem Bauchtäschli zu versorgen. Der Mann schrie: ‹Messer weg!› Ich wollte ihn nicht bedrohen oder ihm Angst machen.»

Auf die Frage, ob das Messer offen gewesen sei, erklärte der Beschuldigte:

«Das kann nicht sein. Das Messer war geschlossen.»

Die Forderung nach einem Auto stellte er in Abrede. «Ich war gar nicht fahrtauglich», sagte er. «Fahrausweis habe ich auch keinen.» Dass der Autofahrer ihm Geld gegeben hätte, bezweifelte er. Die weiteren Vorwürfe gestand er ein. «Ich war damals in einer recht schlimmen Phase», sagte er. «Ich habe mich gehen lassen. Es war mir alles egal. Ich habe gar keine Post mehr geöffnet.» Mit Hilfe seiner Partnerin sei er jetzt aber daran, sich wieder hochzukämpfen.

Der Fall wurde am 6. Juli 2021 vom Bezirksgericht Brugg behandelt.

Der Fall wurde am 6. Juli 2021 vom Bezirksgericht Brugg behandelt.

Bild: Sandra Ardizzone (20. Dezember 2018)

Der Verteidiger beantragte Freispruch vom Vorwurf des versuchten Raubes. Wegen der anderen Delikte sei der Beschuldigte zu einer Busse von 700 Franken zu verurteilen. Die Forderung der Postauto Schweiz AG von 220 Franken werde sein Mandant übernehmen.

«Die Aussagen des Zeugen muten geradezu abenteuerlich an», so der Verteidiger. «Es mag sein, dass man sich nach zwei Jahren nicht mehr an jedes Detail erinnern kann. Die Geschichte des Zeugen geht nicht auf. Sie ist schlichtweg absurd. Es ist verständlich, dass der Beschuldigte beim Zeugen ein mulmiges Gefühl verursacht hat. Das ist aber nicht strafbar.»

Geschichte des Beschuldigten ist nicht a priori unglaubwürdig

Das Gericht gelangte im Falle des versuchten Raubes aber einstimmig zu einem Schuldspruch. Auch bei den übrigen Vorwürfen kam es – bis auf einen Punkt beim Ungehorsam im Betreibungsverfahren – zu einem Schuldspruch. Es verurteilte den Beschuldigten zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten bei einer Probezeit von fünf Jahren und zu einer Busse von 500 Franken.

Es treffe zu, dass der Zeuge teilweise widersprüchliche Aussagen zum äusseren Geschehen gemacht habe, erklärte der Vorsitzende zum Schuldspruch wegen versuchtem Raub. Im Kern seien die Aussagen jedoch widerspruchslos. Die Geschichte des Beschuldigten sei zwar nicht a priori unglaubwürdig. Bei der Gegenüberstellung der Aussagen werde jedoch nicht ersichtlich, weshalb der Zeuge falsche Aussagen gemacht haben sollte.

Der Gerichtspräsident sagt:

«Das Gericht schätzt es, dass der Beschuldigte Tabula rasa gemacht hat und sich vor Gericht beim Zeugen entschuldigt hat.»

Er führt aus: «Nach Ansicht des Gerichtes wäre es nicht angezeigt, durch den Vollzug der Freiheitsstrafe die Resozialisierungsbemühungen des Beschuldigten zu torpedieren.» Das Messer aber bekam der Autostopper nicht zurück. Es wird eingezogen und vernichtet.